Vor ein paar Tagen sah man Scott Schuman durch die Straßen von Berlin pilgern, gefolgt von einer Schar kamerabewaffneter Photojünger, auf der Suche nach interessanten Motiven – Fahrrädern zum Beispiel. Als Workshopleiter im Rahmen des „5 Gum Vision Lab“, einer Veranstaltung zum Launch eines neuen Wrigley-Kaugummis, war der Vater aller Streetstyle-Blogs erst zum zweiten mal in Berlin. Warum er die Stadt liebt, man ihn aber trotzdem in absehbarer Zukunft nicht als Besucher der Berliner Fashion Week erwarten darf, hat er sleek verraten.
sleek: Beobachten Sie die Berliner Modeszene? Zur Fashion Week sind Sie ja bisher noch nicht gekommen.
SS: Nein. Vielleicht werde ich das irgendwann einmal tun. ich mag Berlin, es erscheint mir wie eine Mischung aus Stockholm und Paris, und ich sehe hier auch Dinge, die ich woanders nie sehen würde. Außerdem liebe ich natürlich Mode und reise gern herum. Aber ich bin wählerischer geworden. Ich hatte ja mal einen Showroom, kannte immer alle neuen Designer. Ich habe das alles mitgemacht, muß nicht mehr alles sehen. Mittlerweile muß mir ein neuer Designer schon etwas beweisen, bevor ich mich wirklich für ihn interessiere. Auch wenn ich mal etwas verpasse, es ist mir wichtiger, mich auf das zu konzentrieren, was mir persönlich wirklich wichtig erscheint.
sleek: Gibt es trotzdem Hoffnung, daß die „SartoriaList“ eines Tages auch eine Berlin-Rubrik hat?
SS: Schon möglich. Ich habe hier ja auch viel photographiert, gerade gestern, für mein Buch und für ein Projekt für Burberry. Die Berliner sind gutaussehend, cool und lustig. Es müssen nicht immer die Modehauptstädte wie New York oder Paris sein, es gibt auch Städte, die sich durch andere Dinge auszeichnen als eine internationale Modeszene.
sleek: Aber warum ist die Berliner Modewoche im internationalen Modezirkus noch nicht so etabliert wie die anderer Städte?
SS: Welche Designer halten Sie denn für wert, internationales Interesse zu verdienen, wofür muß man unbedingt hierherkommen, was man anderswo nicht zu sehen bekäme? Es sind vor allem neue, junge Designer, und die müssen erst einmal einen gewissen Grad an Güte und Bekanntheit aufbauen, bevor sich die internationale Modepresse interessiert. Diese Journalisten haben so wahnsinnig viel zu tun, und die Schedules der Modewochen sind zum Teil so übervoll, sogar bereits etablierte Designer müssen darum kämpfen, in London zeigen zu können. China ist ein riesiger Markt, aber trotzdem fährt kaum einer dahin. Die Antwort ist ganz einfach: sobald ein Berliner Designer einzigartig und überragend gut geworden ist, werden die Leute von überall herkommen, nur um ihn hier zu sehen. Wenn Dries van Noten nur in Antwerpen zeigen würde, kämen alle nach Antwerpen, weil er einfach so gut und wichtig ist. Die lokale Szene darf sich nicht an lokalen Maßstäben messen, sie muß international denken.
sleek: Haben Sie ein Konzept für Ihren Workshop?
SS: Wir werden durch die Stadt laufen und einfach nach guten Motiven Ausschau halten und dann vergleichen, wie unterschiedlich die Teilnehmer dieselbe Situation photographiert haben. Es geht um den individuellen Blick, nicht um Qualität, die können das gern auch mit ihrem Handy photographieren. Ich achte hauptsächlich auf Menschen, vielleicht auch deshalb, weil ich nur wenige Freunde habe, andere photographieren vielleicht lieber Häuser.
sleek: Achten Sie ständig darauf, was die Leute tragen?
SS: Nein. Aber ich sehe kaum schlecht angezogene Menschen, einfach weil ich auf die nicht achte. Ich bin nicht besessen davon, dauernd nach interessant gekleideten Menschen Ausschau zu halten. Es ist mir auch ziemlich egal, was die Leute in einer bestimmten Szene tragen. Ich bin ja nicht der Archivar eines bestimmten Kleidungsstils. Ich photographiere nur Leute, an denen mich persönlich irgendetwas interessiert, egal ob ihre Kleidung, ihre Beine oder die Art, wie sie ihre Zigarette halten.


