The Gaze That Lingers

Ein Gespräch über Neugier, Alter und den Mut, die Kontrolle abzugeben

Es beginnt mit einer Idee, die so eigentlich nicht geplant war. Sven Marquardt, Fotograf, Türsteher, Berliner Ikone, stimmt einem Interview zu, aber nicht ohne Bedingung. Er will unseren Herausgeber Christian Bracht fotografieren. Nicht als Tausch oder Kompromiss, sondern weil ihn die Idee reizt und er noch nicht weiß, was dabei herauskommt. Genau darin liegt für ihn Neugier.

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Was folgt, ist weder ein klassisches Porträt noch ein gewöhnliches Gespräch. Es ist ein Experiment zwischen zwei Männern, die seit Jahrzehnten Menschen beobachten und kennenlernen und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, noch immer genau hinschauen. Marquardt ist 64, Bracht 57. Beide stehen an einem Punkt im Leben, an dem Erfahrung eigentlich Neugier ersetzen könnte. Beide haben sich dagegen entschieden.
Das Shooting findet statt, bevor das Gespräch beginnt. So war es geplant: Marquardt soll Bracht erst durch die Kamera kennenlernen, bevor Worte dazukommen. Die Vorbereitung läuft wochenlang über Nachrichten hinweg: Looks, Ideen, Vorschläge. Ein Schlagabtausch, wie Marquardt es nennt. „Und dann war ich total überrascht, dass du tatsächlich Ja gesagt hast.“ Die Überraschung darüber, dass der andere mitspielt und zustimmt, obwohl nicht klar ist, wohin es führt, gehört für beide zum Reiz des Experiments.
Bracht, der das Gespräch später moderiert, hat eine Formulierung für das, was ihn antreibt. Auf Dinner-Einladungen, erzählt er, werde er regelmäßig gefragt, ob er Allergien habe. Seine Antwort ist immer dieselbe: „Ja. Gegen langweilige Menschen. Bitte setzt mich nicht neben langweilige Menschen.“ Marquardt lacht. Er versteht das sofort. Auch als Türsteher und Fotograf geht es ihm darum, Menschen wahrzunehmen und zu beobachten, wie sie auftreten – weniger wie sie aussehen – und ob sie wirklich präsent sind.

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Am Tag des Shootings übernimmt Marquardt die Regie. Bracht, der sonst die Fragen stellt, Gespräche lenkt und Entscheidungen trifft, gibt einen Teil der Kontrolle ab. „Ich musste schon früh Verantwortung auch für andere übernehmen. Kontrolle zu halten, zieht sich bis heute durch“, sagt Bracht. Und dann, nach einer kurzen Pause: „Das loszulassen und sich einfach mal treiben zu lassen, das fand ich sehr spannend.“
Marquardt hört zu und nickt. Er plant seine Shootings sorgfältig, denkt die Looks durch und bespricht die Details im Voraus mit dem Team. Aber wenn alles steht, lässt er Raum für das, was sich erst vor der Kamera entwickelt. Vorbereitung und Offenheit schließen sich für ihn nicht aus. „Es ist irgendwie gut aufgegangen“, sagt er lakonisch, wie er oft ist. Aber dahinter steckt auch der Moment, in dem Erfahrung und Neugier zusammenkommen.
Was interessiert Marquardt an einem Menschen, den er kaum kennt? Was sieht er, wenn er durch die Kamera schaut? Er beschreibt einen Moment während des Shootings, in dem er Bracht durch den Sucher betrachtet: „Manchmal habe ich durch die Kamera geschaut und dich fast nicht mehr erkannt. Das hatte was von Metamorphose.“ Ein Mann in einem Look, den er sich nicht ausgesucht hat, in einer Situation, die er nicht kontrolliert. Kein anderer Mensch, aber eine andere Sicht auf ihn.
Dann kommen die Fragen und mit ihnen das Thema, das das Experiment rahmt: Neugier im Alter. Wird man mit den Jahren empfänglicher oder schließt sich etwas? Marquardt antwortet ohne Zögern. „Ich war immer neugierig. Bei mir hat sich das nie geändert. Ich war immer neugierig auf Menschen, auf Dinge, die sich bewegen.“

„Manchmal habe ich durch die Kamera geschaut und dich fast nicht mehr erkannt. Das hatte was von Metamorphose.“

– Sven Marquardt

Aber wie bleibt das so? Marquardt gibt keine Anleitung, sondern erzählt vom Moment, in dem er die belichteten Filme ins Labor bringt. Er arbeitet immer noch analog, mit Materialien, die zunehmend seltener werden, und mit der Sorgfalt, die entsteht, wenn man nicht einfach zahllose Bilder von einem Motiv schießen kann. „Auch nach all den Jahren bleibt diese seltsame Ungewissheit. Du vertraust dem Fotolabor zwar, aber dann kommt diese Wartezeit.“ Auch nach Jahrzehnten bleibt also ein Moment, in dem er nicht weiß, was am Ende zurückkommt.
Bracht greift das auf und wendet es auf seine eigene Arbeit an. Er ist kein Fotograf, aber auch seine Arbeit lebt davon, Menschen zusammenzubringen, ohne genau zu wissen, was daraus entsteht. Er führt Gespräche, die sich nicht vollständig planen lassen, und arbeitet mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Perspektiven. „Ich habe Zugang zu vielen unterschiedlichen Menschen“, sagt er. „Ich kann mich ganz schnell auf Leute einstellen. Das passiert ganz automatisch, weil ich immer mehr wissen möchte.“ Marquardt nickt: „Und genau das ist die totale Neugier.“

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Neugier zeigt sich hier weniger als abstraktes Konzept, sondern als Fähigkeit, sich immer wieder neu auf ein Gegenüber einzulassen, ohne vorher zu wissen, was man bekommt. Denn das, was Neugier im Alter von jener der Jugend unterscheidet, ist nicht Intensität, sondern Präzision. Der junge Blick ist weit, weil er noch nichts kennt. Der ältere Blick ist scharf, weil er weiß, wo genau das Interessante sitzt. Beide haben sich diese Offenheit all die Jahre in unterschiedlichen Feldern bewahrt.
Marquardt beschreibt das am Beispiel der neuen Generation Club, der ihm wichtig ist, weil dieser Austausch neue Horizonte ermöglicht: „Es erweitert meine Perspektive auf das Hier und Jetzt. Der Generationswechsel ist längst vollzogen, es liegt in deren Händen, und das ist ja das Spannende.“
Bei Bracht zeigt sich etwas Ähnliches. Beide wissen, wie sie arbeiten, haben Routinen und klare Vorstellungen entwickelt. Das Shooting bringt sie bewusst in eine Situation, in der diese Gewissheiten zumindest für einen Moment verschoben werden. Der eine übernimmt die Kontrolle, der andere gibt sie ab. Beide beobachten, was daraus entsteht.
Am Ende des Gesprächs, als das Diktiergerät schon fast ausgeschaltet ist, lehnt sich Marquardt zurück und sagt fast beiläufig: „Machen wir mit 75 noch mal so ein Shooting.“ Es klingt wie ein Witz. Es ist keiner. Es ist ein Versprechen an die Neugier.

Das Shooting fand im August 2026 in Berlin statt. Die Filmrollen lagen noch im Labor, als dieses Gespräch geführt wurde.

Creative Direction & Photography SVEN MARQUARDT
Production JOHANNA ERDL
Styling Saskia Jung
1st Styling Assistant LAURYNE SORET
2nd Styling Assistants JOHANNA RILL, ANAZIN AKPO
Grooming SASKIA KRAUSE
Set Assistant JAN BEHRENDT
Props RENT ONE
Location HAUS DER VISIONÄRE