Miriam Dehne – 
Über Realitäten vor und hinter dem Lamettavorhang

Miriam Dehne interessiert sich für das, was hinter der glänzenden Oberfläche liegt. Für Schönheit und Abgründe, Körper, Begehren und gesellschaftliche Zuschreibungen. Diese Themen ziehen sich durch ihre Arbeit als Autorin und Regisseurin und sind eng mit ihrer visuellen Handschrift verbunden: „Ich mag es schon, wenn es einfach wahnsinnig ästhetisch aussieht.“ Schönheit ist für Dehne dabei kein Gegenentwurf zur Härte ihrer Geschichten, sondern eine Möglichkeit, sich ihrer Komplexität zu nähern.

Photography by Debora Mittelstaedt

Woher diese Faszination kommt, kann sie selbst nur teilweise erklären. Sie erzählt von ihrer Kindheit in Düsseldorf, von Karneval, Luftschlangen und der Suche nach kleinen Schätzen zwischen dem Festschmuck im Lokal ihrer Großeltern. „Ich suche immer sowas im Glitzern und ich interessiere mich dafür, was hinter dem Lametta-Vorhang ist.“ Dieses Bild beschreibt ziemlich genau eine Spannung, die sich durch ihre Arbeit zieht: die Lust am Spektakel und gleichzeitig der Wunsch, hinter seine Kulissen zu schauen.

Lange habe sie versucht, diesen Hang zu Glitzer, hohen Schuhen und überhöhter Ästhetik zurückzunehmen. Heute versteht sie ihn zunehmend als Teil ihrer künstlerischen Signatur. Als sie ihren Film Stadt als Beute aus dem Jahr 2005 wiedersah, entdeckte sie darin Motive, die fast zwei Jahrzehnte später in Selling Sex wieder auftauchen: ein Callboy im Rippunterhemd, eine silberne Kette, Glitzer im Gesicht. Bilder, die offenbar tiefer sitzen als nur eine bewusste Stilentscheidung.

An der Berliner UdK studierte Dehne Design mit Schwerpunkt Mode und arbeitete zunächst als Kostümbildnerin. Schon damals interessierte sie weniger das Kleidungsstück allein als die Welt, die sich darum bauen ließ. Für das GRIPS Theater entwarf sie surrealistische Kostüme, merkte aber bald, dass ihr das Kostüm als Ausdrucksmittel nicht genügte. Sie wechselte in den Journalismus, schrieb für Modezeitschriften und fand schließlich zum Film.

Ihr erstes Projekt, die poetische Dokumentation Babsi – Ein Name für viele Gesichter, entstand aus einer Welt, die sie selbst kannte. Während ihres Studiums hatte Dehne als Telefonistin in einem Bordell gearbeitet, Anzeigen formuliert und die Frauen beobachtet, die dort arbeiteten. Was sie sah, widersprach dem gesellschaftlich vertrauten Narrativ der ausschließlich passiven oder hilflosen Sexarbeiterin: Frauen, die selbstbestimmt auftraten und mit ihrem eigenen Geld nach Hause gingen. Es folgten Dokumentationen, hybride Formate und Spielfilme – darunter Hinter dem Lächeln, Little Paris und Stadt als Beute. Immer wieder tauchen darin Körper, Schönheit, Weiblichkeit und die Frage auf, wie weit Selbstbild und gesellschaftliche Wahrnehmung auseinanderliegen können.

Heute verdichtet sich vieles davon in Selling Sex. Die Serie über eine junge Frau, die als Escort arbeitet, verhandelt Sexarbeit vor allem als Frage von Selbstbestimmung, ökonomischer Unabhängigkeit und gesellschaftlicher Stigmatisierung. „Wir sind eben für die Selbstbestimmung und dass die Stigmatisierung dieses Jobs aufhört“, sagt Dehne. Es gehe nicht darum, Sexarbeit zu romantisieren oder als unkomplizierten Weg zu propagieren. Vielmehr stellt die Serie eine andere Frage: Warum werden manche Formen, den eigenen Körper, die eigene Zeit oder Arbeitskraft zu verkaufen, gesellschaftlich selbstverständlich akzeptiert – andere dagegen moralisch aufgeladen?

Auch die ökonomische Dimension spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Protagonistin Nelly bewegt sich durch Luxushotels und Restaurants, erlebt eine Welt, die sich deutlich von ihrem Alltag unterscheidet, und kehrt anschließend in ihre eigene Wohnung zurück. Doch anstatt diese Diskrepanz als klassische Fallhöhe zu erzählen, wird sie zum Motor. Nelly beginnt, ihre Arbeit als Business zu begreifen und entwickelt schließlich einen Finanzservice für Sexarbeiterinnen. Selbstbestimmung bedeutet hier nicht nur sexuelle Freiheit, sondern auch Kontrolle über das eigene Geld und die eigenen Entscheidungen.

Diese Perspektive führt zwangsläufig zu größeren Fragen: Was ist heute ein „richtiger“ Job? Was erwarten wir von Beziehungen? Und warum soll eine Partnerschaft noch immer sämtliche emotionalen, sexuellen und sozialen Bedürfnisse erfüllen? Dehne interessiert sich für genau diese gesellschaftlichen Konstruktionen. Für sie ist ökonomische Unabhängigkeit von Frauen eng mit der Möglichkeit verbunden, traditionelle Beziehungsmodelle neu zu verhandeln. Nicht, weil Nähe oder romantische Liebe bedeutungslos geworden wären, sondern weil sie nicht mehr zwangsläufig mit Abhängigkeit verbunden sein müssen.

Auch hinter der Kamera verändert sich der Umgang mit Körpern und Intimität. Bei Selling Sex arbeitete das Team mit einer Intimacy Coordinatorin; Grenzen, Choreografien und Situationen wurden genau besprochen. Dehne beschreibt eine Filmbranche, die sensibler geworden ist, gleichzeitig aber weiterhin von Widersprüchen geprägt bleibt. Diversität bedeutet schließlich mehr als Besetzungsentscheidungen: Sie betrifft Kostümgrößen ebenso wie den professionellen Umgang mit unterschiedlichen Haarstrukturen oder die Zusammensetzung eines Teams. „Es hat sich schon viel geändert“, sagt sie – auch wenn sich auf Branchenfotos noch immer häufig fast ausschließlich Männer finden.

Dehne selbst hat ihre Arbeitsweise über die Jahre ebenfalls verändert. Früher sei die Haltung stärker gewesen: „mein Film“ – heute sei ihr wichtiger, dass sich Menschen am Set wohlfühlen. Ihre Genauigkeit und Detailversessenheit hat sie deshalb nicht aufgegeben. Im Gegenteil: Gerade darin liegt ein Teil jener visuellen Konsequenz, für die ihre Arbeiten heute Anerkennung bekommen. Das vermeintlich „Anstrengende“ wird zur Qualität.

Vielleicht erklärt sich Dehnes wiederkehrendes Interesse an Körpern auch aus ihrer eigenen Biografie, dem eigenen Körper. Ihre Faszination für Tanz, Ballett und körperliche Freiheit bringt sie selbst damit in Verbindung. Tänzerinnen und Sexarbeiterinnen beschreibt sie als Menschen, die ihren Körper als „kleinste Fabrik der Welt“ mit sich tragen: als Werkzeug, Kapital und Ausdrucksmittel zugleich. Der Körper erscheint in ihren Arbeiten deshalb nie nur als Oberfläche. Er ist ein Ort, an dem Freiheit, Arbeit, Begehren und gesellschaftliche Erwartungen aufeinandertreffen.

Zur Zeit entwickelt Dehne Captaingirl, einen Film über eine Best-Ager-Ikone, deren Leben verfilmt werden soll und die sich damit konfrontiert sieht, dass jüngere Frauen ihre verschiedenen Lebensphasen verkörpern. Inspiriert ist das Projekt unter anderem von Frauen wie Carmen Dell’Orefice, die bis ins hohe Alter als Model arbeitet. Wieder geht es um Sichtbarkeit und darum, wer bestimmen darf, welches Bild von einer Frau erzählt wird. Daneben arbeitet Dehne an einem Projekt über Glam Country und beschäftigt sich mit neuen Formaten wie vertikalen Microdramas.

Stillstand scheint in dieser Arbeit kaum vorgesehen. „Ich bin die ganze Zeit neugierig“, sagt Dehne. Recherche, Schreiben, Leben und Arbeit gehen bei ihr ineinander über. Diese Neugier, die all ihre Projekte miteinander verbindet: der Wunsch, hinter vertraute Bilder zu schauen, ohne ihnen ihren Glanz zu nehmen.