Luca Aigner: Im Takt Mit Sich

Photography by Ana Goebel

Ein Scheinwerfer geht an. Für einen Moment ist da nur ein Körper, der sich im Licht bewegt. Muskeln spannen sich an, lösen sich wieder, jede Bewegung folgt der nächsten. Was von außen beinahe mühelos aussieht, verlangt jahrelanges Training, Disziplin und ziemlich viel Vertrauen in den eigenen Körper. Vier Minuten lang steht Luca Aigner allein auf der Bühne. Kein anderer Tänzer, an dem er sich orientieren könnte. Nur er, die Musik und ein Publikum, das zusieht.

Luca Aigner tanzt, seit er sechs Jahre alt ist. Aufgewachsen in Bayern, zog es den 2003 geborenen Tänzer mit knapp 18 Jahren nach Berlin und Los Angeles. Inzwischen arbeitet er als Tänzer, Choreograf und Model, stand für Nike und Puma vor der Kamera und war in Troye Sivans Musikvideo zu Rush zu sehen. Aktuell ist er in New York. Seine Karriere führt ihn durch eine Tanzszene, in der internationale Studios und Workshops ebenso zum Alltag gehören wie Musikvideos, Fashion-Kampagnen und Bühnenproduktionen. Der eigene Körper ist dabei Arbeitsmittel und Ausdrucksform zugleich. Was passiert, wenn dieser Körper plötzlich nicht mehr mitmacht? Und wie viel von sich selbst gibt man eigentlich preis, wenn man auf einer Bühne steht? Wir haben mit Luca über körperliche Grenzen, Kontrolle und die Suche nach der eigenen Identität gesprochen.

Photography by Desintonio Pacheco

LUCIE RITTAU Du tanzt, seit du sechs Jahre alt bist. War Tanz für dich schon damals mehr als ein Hobby?

LUCA AIGNER Rückblickend glaube ich, dass Tanz schon sehr früh eine Sprache für mich war. Meine Mama hatte mich damals in eine Hip-Hop-Class in unserem Dorf in Bayern geschickt und dann war relativ schnell für mich klar – this is what I need to do! Es war wie eine Möglichkeit, mich auszudrücken, noch bevor ich überhaupt genau wusste, wer ich bin oder was ich sagen will.
Heute ist Tanz für mich nicht einfach mein Beruf oder eine Fähigkeit, die ich gelernt hab. Es ist kein Endergebnis, sondern es ist der Ursprung und Anfang von allem, was ich kreiere. I can always come back to dance und ich glaube, das habe ich von ganz früh an schon gespürt. Basically mein „safe space“, seit ich ganz jung bin.

LR Dein Körper ist gleichzeitig dein Instrument und deine Existenzgrundlage. Wie gehst du mit diesem Druck um, gerade nachdem du mit 19 Jahren eine Herzmuskelentzündung hattest?

LA Ich finde es gleichzeitig unglaublich erschreckend und faszinierend, dass mein Körper mein Instrument, mein Werkzeug und ein Teil meiner Identität ist. Mein Körper ist nicht jeden Tag gleich, und genau deshalb ist es wichtig, eine Beziehung zu ihm aufzubauen, die auf Vertrauen basiert und nicht nur auf seiner Leistung.
Ich hab durch eine Herzmuskelentzündung mit 19 Jahren am Anfang meiner Karriere schnell lernen müssen, was für eine Verantwortung ich meinem Körper gegenüber trage. Da kam das erste Mal der Gedanke auf von „yes, ich bin Künstler, aber vor allem bin ich auch Athlet.“ Und die Langlebigkeit meiner Karriere ist mir super wichtig. Ich liebe Tanzen zu sehr dafür, dass wegen einer Verletzung morgen alles vorbei sein könnte. Mittlerweile vertraue ich meinem Körper auch mehr, weil ich weiß, wie viel Arbeit, Disziplin und Training jeden Tag hinter allem steckt.

Photography by Ana Goebel

LR Auf der Bühne soll jede Bewegung sitzen. Wie viel Kontrolle kannst du in diesem Moment überhaupt behalten?

LA Die ABOUT YOU Opera war für mich zum Beispiel ganz besonders, weil ich mich nicht nur über die Bewegung ausdrücken konnte, sondern in eine ganze Welt als Protagonist eintauchen durfte. Bei dieser Performance war es nochmal etwas spezieller, da ich die Show mit einem 4-minütigen Solo eröffnen durfte. Am Anfang waren es nur ich und das eine Spotlight in einem sehr vulnerablen Setting. This was truly a dream becoming reality for me! Aber alles, was ich gespürt habe in diesem Moment, war tatsächlich Vertrauen in mich und Dankbarkeit. Ich durfte Teile meiner inneren Welt mit einem tollen Publikum teilen – das kommt nicht so oft vor.
Jemandem, der noch nie auf einer Bühne stand, würde ich sagen: Ich fühl mich so, als würd ich kurz ein Blackout erleben (lol), und ich mache einfach. Es ist so ein Zusammenspiel aus: Dein Körper macht einfach und du darfst währenddessen einfach nur spüren.

LR Du arbeitest zwischen Pop, Contemporary und Jazz Funk. Wie viel Freiheit bleibt dir dabei, deinen eigenen Stil zu entwickeln?

LA Ich sehe mich generell als multidisziplinären Artist. Tanz, Choreografie, Creative Direction, Modeln und das Unterrichten sind für mich keine voneinander getrennten Disziplinen, sondern Dinge, die sich gegenseitig beeinflussen. Meine Main Styles im Tanzen beziehen sich aber auf Jazz Funk und Contemporary.
Außerdem finde ich, dass es unglaublich viel Raum für Entwicklung gibt, wenn man sich nicht zu früh definiert. Ich liebe die Vorstellung, immer wieder an einen Punkt zu kommen, an dem ich etwas noch nicht kann, noch nicht verstehe oder noch nicht weiß, wie ich es ausdrücken möchte – sei es ein Stil oder ein Musikgenre.

Courtesy of ABOUT YOU

LR Wie sehr kann ein Outfit deine Bewegungsfreiheit einschränken? Und wird beim Styling für Tänzer*innen zu wenig auf ihre Körper geachtet?

LA Absolut. Ich brauche am besten immer maximale Bewegungsfreiheit und deswegen wurde meine Hose für die Show auch ein paar Mal angepasst. Gerade aus der Sicht meines „inner creatives“ ist Mode so wichtig für mich. Mode ist für mich, wie mein Tanz, ein weiteres Instrument.
Ich hatte schon so oft Outfits auf Jobs an, in denen ich mich ganz schlimm gefühlt habe. Da kam es schon oft vor, dass ich danach Videos von Performances gesehen habe, wo ich meine tänzerische Leistung gar nicht mochte, und ich schieb das mal ganz leicht auf das Styling …
„An outfit can make or break the performance.“ Ich denke, gerade in Deutschland haben wir da noch großen Aufholbedarf im Bereich Tanz. Deswegen ist mir dieser Punkt umso wichtiger, wenn ich der Creative Director auf einer Produktion bin. Und generell – mit Fashion sollte man Spaß haben. I think that’s the whole point.

LR Beim Modeln wird dein Körper anders eingesetzt als beim Tanzen. Verändert das auch deinen Blick auf dich selbst?

LA Der größte Unterschied für mich ist der physische Aspekt. I love me a good well-paid model gig, weil es in den meisten Fällen leichtes Geld für mich ist, im Gegensatz zum Tanzen (meistens zumindest). Durch das Modeln habe ich ein stärkeres Bewusstsein für meine Präsenz entdeckt. Durch das Modeln konnte ich wirklich lernen „less is more“ und das fürs Tanzen übernehmen. Und um ehrlich zu sein, ich liebe es, mich nicht entscheiden zu müssen. Ich schaffe mir da meine eigene unlimitierte Welt, in der ich nun mal gerne vor der Kamera und auf Bühnen stehe, egal in welcher Form.

Photography by Desintonio Pacheco

LR Allein auf der Bühne bist du ganz auf dich gestellt. Was verändert sich, wenn andere Tänzern dazukommen?

LA Ich liebe beides, weil es zwei sehr unterschiedliche Arten sind, mich selbst und meine Arbeit zu erleben. Wenn ich alleine performe, muss ich meine innere Stimme finden, ihr vertrauen und den Lärm außen herum ausblenden.
Mit anderen zusammen tanzen, da entsteht eine ganz andere Dynamik. Und ich liebe das! Vor allem, weil es ganz oft mit engen Freunden von mir zusammen passiert. Zum Beispiel die Closing-Nummer mit den Boys am Ende der Opera – das war so ein tolles Gefühl. Dann geht es darum, anderen Menschen zu vertrauen, auf sie zu reagieren. Fast wie eine Konversation oder Yap-Session, wie man als Gen Z sagt. Denn je besser ich meine eigene Stimme kenne, desto offener kann ich auch für die Stimmen anderer sein – wie im Leben.

LR Du hast erzählt, dass du beim Dreh von Troye Sivans Rush auch mit deiner eigenen Sexualität konfrontiert wurdest. Welche Bedeutung hatte diese Erfahrung für dich persönlich?

LA Das war definitiv ein Milestone in meiner Karriere. Die Produktion war bis zu diesem Zeitpunkt damals das Professionellste, was ich je gemacht hatte und es kam aus dem Nichts. Auf einmal in einem Raum mit Größen wie dem Director Gordon von Steiner und dem Choreographen Sergio Reis und Troye zu stehen, war damals erstmals sehr einschüchternd für mich. Neben zwei Probentagen und sogar zwei Shooting-Days in Berlin, hat es sich aber besonders angefühlt wie „the biggest gay party“ an den Drehtagen.
Ich war damals nur 19 Jahre alt und hatte noch mit einigen Dingen gestruggelt. Unter anderem auch mit meiner Sexualität. Tja, nach Rush konnte ich mich dann eindeutig als homosexuell outen. In dem wohl gayesten Musikvideo als Tänzer gebucht zu sein, hat mir anscheinend die Augen geöffnet.