Bild mit freundlicher Genehmigung von Nikolaus Brade.
Professor Norbert Palz ist Architekt und Hochschullehrer und seit dem 1. April 2020 Präsident der Universität der Künste Berlin (UdK Berlin). Seit 2010 ist er Professor für digitales und experimentelles Design im Studiengang Architektur der UdK. Norbert Palz’ Lehre und Forschung bewegen sich im Spannungsfeld von Kunst, Architektur und Technologie.
Christian Bracht: Das Thema dieser Ausgabe ist Freiheit. In welcher Weise spielt dieser Begriff im universitären Alltag eine Rolle?
Norbert Palz: Die Kriegssituation in der Ukraine hat an deutschen Kunsthochschulen, darunter auch an der Universität der Künste hier in Berlin, ein stärkeres Bewusstsein für den Begriff der Freiheit geschaffen. Wir stehen vor der Aufgabe, Werte wie Freiheit in die Struktur einer Hochschule zu integrieren, damit wir sie wirklich weiterentwickeln und erleben können. Wenn wir das tun, können wir Themen so darstellen, dass deutlich wird, wie wichtig sie für uns und unsere Arbeit sind.
CB: Legen die Studierenden Wert auf diese Konzepte?
NP: Wir haben es derzeit mit einer Generation von Schülern zu tun, die ein emotionales Bewusstsein für globale Ereignisse entwickelt haben. Der Klimawandel und der Krieg in der Ukraine werden als Krisen wahrgenommen, die greifbar sind. Ich habe das Gefühl, dass es wirklich notwendig ist, diese globalen Themen in den Lehrplan zu integrieren: Einerseits die Angst vor der Zukunft, aber auch die Frage, was eine Institution leisten kann, muss in Zukunft immer wieder neu verhandelt werden, da wir als Institutionen nur begrenzte Möglichkeiten haben. Wir stellen fest, dass die Erwartungen der Studierenden an solche Einrichtungen hinsichtlich psychologischer Unterstützung und Beratung enorm gestiegen sind. Aus meinen Gesprächen mit den Studierenden habe ich erfahren, wie sehr sie sich der Ernsthaftigkeit der Situation bewusst sind und welche Erwartungen sie an gemeinsame Verantwortung und Veränderung haben. Als Hochschulleitung versuchen wir, Strukturen viel genauer und sensibler zu hinterfragen.
CB: Wie sieht das aus?
NP: Wir haben gerade eine vier Semester umfassende Vortragsreihe über die Rolle und Reform von Institutionen hinter uns. Im Laufe der Zeit haben wir gelernt, dass wir Menschen brauchen, die über emotionale und künstlerische Kraft verfügen, um diesem fundierten Ausdruck in der Gesellschaft eine ideologische Dimension zu verleihen.
Man könnte sagen, dass wir kulturelle Arbeit leisten und dabei auf einer breiten, vielfältigen Basis von Meinungen und Perspektiven arbeiten, die stets hinterfragt werden.
CB: Verschafft dies einer Universität mehr Einfluss in der Gesellschaft?
NP: Auf jeden Fall! Als Bildungseinrichtung stehen wir stets im Dialog mit der Gesellschaft und können diese Gesellschaft auch weiterhin mitgestalten und verändern. Deshalb müssen wir auf breiterer Basis mit den Studierenden zusammenarbeiten, denn sobald sich ein Thema oder eine Meinung emotional festgesetzt hat, ist es sehr schwierig, wieder Flexibilität und Offenheit zu gewinnen.
CB: Wie schützen Sie die künstlerische Freiheit?
NP: Indem wir die Studierenden beispielsweise dazu ermutigen, sich aktiv in Gremien zu engagieren. Wir möchten auch die Meinungen der Studierenden im Präsidium einbeziehen. Ich würde sagen, dass uns die Freiheit in der Kunst und die Freiheit in der Wissenschaft derzeit besonders wichtig sind. Wir müssen uns wirklich bemühen, ein Bewusstsein für den Wert der deutschen Verfassung, des Grundgesetzes, zu schaffen.
Bild mit freundlicher Genehmigung von Saraja Roberta Elez.
CB: Denn Freiheit gibt es nur in einer Demokratie, und das ist auch eine Aufgabe der Schulen, oder?
NP: Wie man den Menschen den Wert der Freiheit verständlich machen kann, ist eine wichtige Frage, denn man weiß sie erst zu schätzen, wenn sie weg ist. Mir geht es darum, das Konzept der Freiheit auf eine Weise zu vermitteln, die man erleben kann. Dazu gehören Literatur, Handlungsmöglichkeiten, Pressefreiheit und Meinungsfreiheit. Wir sind dazu aufgerufen, durch Bildung ein echtes Bewusstsein dafür zu schaffen.
CB: Wie politisch ist Kunst?
NP: Kunst ist politisch, denn um relevant zu sein, setzt sie sich mit gesellschaftlichen Themen auseinander und greift diese auf. Sie ist das Ergebnis eines Reflexionsprozesses. Sie hat immer einen politischen Kern.
CB: Bedeutet das, dass die Kunst derzeit viel dazu beitragen könnte, den Fokus wieder auf den Begriff der Freiheit zu lenken?
NP: Kunst darf sich nicht ausbeuten lassen oder zu einem rein funktionalen Mittel verkommen. Das Ausmaß, in dem Kunst frei ist, bestimmt sich durch die Weigerung und die Möglichkeit, durch Kunst Fragen zu stellen. Kunst gibt dem Einzelnen die Kraft, sich einer bestimmten Art von Allgemeinmeinung zu widersetzen. Kunst kann auch produktive Konflikte anregen. Ich halte das für wichtig, denn auf diese Weise regt Kunst den Diskurs an.
CB: Und ist der Diskurs gut für unsere Demokratie?
NP: Natürlich. Das ist absolut entscheidend, denn man lernt dabei, die Meinungen anderer zu respektieren. Wir leben in einer Gesellschaft komplexer Systeme. Es gibt keinen mechanischen Zusammenhang zwischen Input und Output, und deshalb ist der Diskurs notwendig. Aber manchmal kann er auch irritierend sein. Ich persönlich schätze den Diskurs sehr, denn wenn man sein Ziel gemeinsam erreicht, ist man für zukünftige Konflikte gewappnet.
CB: Ich gehe also davon aus, dass es noch viel Hoffnung gibt.
NP: Wir müssen die Freiheit, die wir haben, voll ausschöpfen und uns stets vor Augen halten, was ein Mangel an Freiheit bedeutet. Wir befinden uns mitten in einem tiefgreifenden Wandel hin zu einer Wissensgesellschaft, und dazu gehört natürlich auch, dass sich eine Institution wie unsere Universität öffnet, dass sich die Fakultäten öffnen – und das führt zu Vernetzungen, die uns helfen, die besten Lösungen zu finden, um gemeinsam voranzukommen.
Zu finden in SLEEK 76 FREEDOM. Erhältlich als Print- und Digitalausgabe hier.