Kunstwerke von Marco Siciliano
Dank seiner zahlreichen Kunstgalerien, Museen, Theater, kreativen Studiengänge und Straßenkunst wurde Berlin zur sechstbesten Stadt der Welt in Sachen Kultur gekürt. [Quelle: Printful]
Im Gegensatz zu anderen europäischen Hauptstädten zeichnet sich Berlin jedoch durch das Fehlen vieler seiner historischen Gebäude aus – eine Folge von Krieg, der Berliner Mauer, übereilter Stadtplanung und unerbittlicher Modernisierung. Wir erleben eine Art “Phantomschmerz”, bei dem die verschwundene Architektur noch immer im kollektiven Gedächtnis der Stadt nachwirkt, so wie sich der Körper an ein Glied erinnert, das nicht mehr da ist.
Da Lisa Robertson schreibt in ihrem Werk ‘Gelegentliche Arbeiten und sieben Spaziergänge vom Büro für weiche Architektur’ (2006): “Wir gingen durch die sanfte Arkade. Wir wurden zu Architekten. Die Architektur der Erinnerung ist weder palastartig noch theatralisch, sondern sanft. Wir schlendern dem Verschwinden der Göttlichkeit im Stoff entgegen.”
In ihrem Buch beschreibt Lisa auf poetische Weise, wie sich Vancouver im Vorfeld der Olympischen Spiele 2010 verändert hat. Der halbtransparente Stoff der Baustellen wird als Haut wahrgenommen, die sich wandelt und an eine neue Form anpasst. Eine Stadt-Körper-Metapher, die auch auf die Stadt Berlin zutrifft.
Vielleicht rührt dieses nostalgische Gefühl angesichts verlorener Kulturerbestätten von meinem durch ‘hübsche alte Steine’ geschulten italienischen Blick her. Eine Verbundenheit mit der Vergangenheit, die der Gegenwart zwar den Anschein von Beständigkeit verleiht, aber meist blind für die Zukunft ist. Letztendlich entscheiden sich Menschen für Berlin, die tatsächlich ein unbeschriebenes Blatt brauchen, um darin zu leben. Ein Ort, an dem sich unsere Haut in ein Wesen verwandeln kann, das wir noch nicht kennen, und an dem Schönheit nicht in weißen Marmor gemeißelt ist, sondern mit rotem Licht aus der Dunkelheit erscheint.
Hier ist eine Auswahl von sechs verschwundenen Kulturerbestätten und ihren Bildern, die langsam in das kollektive Gedächtnis übergehen:
Großes Schauspielhaus (1919 – 1988 abgerissen)
von Hans Poelzig und Marlene Moeschke-Poelzig
Im Jahr 1919 wurde das Große Schauspielhaus mit einem außergewöhnlichen expressionistischen Entwurf von Hans Poelzig und Marlene Moeschke-Poelzig eröffnet. Das Foyer war mit brunnenartigen Säulen ausgestattet, die zu einem riesigen, kuppelförmigen Amphitheater mit stilisierten ‘Stalaktiten’ und farbiger Beleuchtung führten. Modernste Technik, darunter eine Drehbühne, ergänzte die atemberaubende Architektur. 1934 übernahmen die Nationalsozialisten das Theater und benannten es in ‘Theater des Volkes’ um. Die ikonische Kuppel wurde als „entartet“ eingestuft und entweder verdeckt oder entfernt; später wurde sie im Zweiten Weltkrieg beschädigt und schließlich 1988 abgerissen.
Ahornblatt (1973 – im Jahr 2000 abgerissen)
von Ulrich Müther
Neues Museum (1855 – 1943 abgerissen)
von Friedrich August Stüler
Im Jahr 1850 wurde die ägyptische Sammlung in das Neue Museum verlegt, das eigens auf der Museumsinsel errichtet worden war. Der Zweite Weltkrieg hatte jedoch verheerende Auswirkungen auf die Sammlung. Das Neue Museum wurde schwer beschädigt, und viele Exponate wurden zerstört. Die erhalten gebliebenen Stücke wurden zur sicheren Aufbewahrung an verschiedene Orte in der Stadt gebracht. Nach dem Krieg wurden einige Objekte, die von Russland zurückgewiesen worden waren, im Bode-Museum in Berlin untergebracht.
Palast der Republik (1976 – 2003 behandelt)
von Heinz Graffunder
Die Palast der Republik war ein Gebäude am historischen Lustgarten und am Schloßplatz (bis 1994: Marx-Engels-Platz ) auf der Spreeinsel im Berliner Bezirk Mitte. Es wurde zwischen 1973 und 1976 nach Entwürfen von Heinz Graffunder errichtet. Das Gebäude war nur 14 Jahre lang in Betrieb und musste 1990 wegen der Freisetzung krebserregender Asbestfasern geschlossen werden. Von 1998 bis 2003 wurde das Gebäude bis auf die Rohbauhülle abgerissen. Im März 2013 begann an dieser Stelle der Wiederaufbau des Berliner Palasts.
Wandbild (2008 – behandelt im Jahr 2014)
von Blu
Blu, der renommierte italienische Straßenkünstler, der für seine großformatigen politischen Wandgemälde bekannt ist, schuf ein zweites Werk an einer angrenzenden Wand in Berlin. Die Figur trägt zwei goldene Armbanduhren, die wie Handschellen miteinander verkettet sind und symbolisieren, wie ein Geschäftsmann oder Unternehmenschef von seiner kapitalistischen Gier gefangen gehalten wird – ein wiederkehrendes Thema in Blus Kritik an Machtstrukturen und Materialismus.
Im Dezember 2014 kehrte Blu nach Berlin zurück und übermalte in einem mutigen und umstrittenen Schritt seine ikonischen Wandbilder mit schwarzer Farbe. Viele sahen darin einen Protest gegen die zunehmende Kommerzialisierung und Gentrifizierung der Street-Art. Das Ereignis entfachte erneut eine tiefgreifende Debatte über die Rolle der Street-Art im städtischen Wandel und darüber, wie sie von den Kräften der Gentrifizierung vereinnahmt werden kann – ein Thema, zu dem sich Blu in seinem Werk schon seit langem deutlich äußert.
Griessmühle (2012 – 2020 abgerissen)
Seit seiner Eröffnung vor acht Jahren hat sich das „Griessmühle“ zu einem wichtigen Treffpunkt des Berliner Nachtlebens entwickelt, bekannt für seine wochenendlangen Partys, darunter der hedonistische Queer-Rave „Cocktail D’Amore“. Der Club war jedoch gezwungen, seinen Standort zu wechseln, da die neuen Eigentümer eine Neugestaltung des Geländes planten.