Atelierbesuch: „Killing A Friend“

Fotos: Sophie Nawova Meyer.

Alle dreißig Minuten fällt eine Kassette auf den Boden. Ein leises Klappern, gefolgt von einem Moment der Verwirrung, dann Gelächter. Eine weitere halbe Stunde ist vergangen. In Einen Freund töten’In dem neuen Studio ist die Zeit ein eigenwilliges Phänomen. Sie vergeht nur langsam, wenn man in ein Gespräch über künstlerische Identität und kollektive Kreativität vertieft ist, um dann plötzlich wie im Flug zu vergehen, sobald man merkt, dass das endlose Album max von Valentin Hansen hat eine weitere Kassette gefüllt. Das Album – sofern man dieses Werk überhaupt so bezeichnen kann – wächst seit Anfang 2025 durch einen kontinuierlichen Strom neuer Songs, wobei maschinelles Lernen und KI-gestützte Produktionswerkzeuge zum Einsatz kommen. Sein unaufhörliches Wachstum wirft die Frage auf, wie Technologie die Zukunft der Musik prägt und was geschieht, wenn Kunst von unendlicher Effizienz angetrieben wird.

Das von Studio Ludwig Jenssen entworfene Studio befindet sich in einem architektonischen Relikt des Nachkriegsmodernismus – irgendwo zwischen der Siegessäule und dem Tiergarten, im Herzen des Berliner Hansaviertels. Mit seinen ikonischen Wohngebäuden, schattigen Alleen und versteckten Innenhöfen ist das Viertel sowohl eine futuristische Utopie als auch eine Zeitkapsel des West-Berlins. Hier, eingebettet zwischen brutalistischem Beton und Eichhörnchennestern, hat „Killing A Friend“ – eine Anspielung auf Hansens gleichnamigen Song – einen Raum gefunden, der ihre Philosophie widerspiegelt: strukturiert und doch offen für alles.

Fotos: Sophie Nawova Meyer.

Fotos: Sophie Nawova Meyer.

„Killing A Friend“ ist Florian Deitermann, Ben Esser, und Valentin Hansen. Ein Trio, das fast zufällig zusammenkam. Florian Deitermann ist ein Produzent mit Design-Hintergrund, Ben Esser lernte er über SoundCloud und gemeinsame Musikprojekte in der Berliner Szene kennen, und Valentin Hansen begann als Musikvideoregisseur, bevor er selbst Musiker wurde. ‘Früher habe ich viel für andere produziert’, erinnert sich Esser. ‘Irgendwann sagte ein Freund zu mir: “Warum gründest du nicht einfach dein eigenes Label?” Die Idee gefiel mir, aber es ganz allein zu machen? Das schien mir zu langweilig. Also habe ich Flo und Valentin gefragt. Sie kannten sich noch nicht einmal, aber in meinem Kopf waren wir bereits ein Team.’ Heute agieren sie als Kollektiv, was in einer Zeit hyperindividualisierter Karrieren fast schon nostalgisch anmutet. ‘Wir sind immer noch unabhängig’, sagt Hansen. ‘Aber ein Kollektiv eröffnet Möglichkeiten, die man alleine nicht hätte. Ideen bleiben nicht in einem einzelnen Kopf stecken – sie entwickeln sich zwischen uns weiter.’ Deitermann fügt hinzu: ‘Gemeinsam ist man mutiger. Es liegt Kraft darin, Dinge laut auszusprechen, anstatt sie nur im Kopf abzuwägen.’

Das gemeinsame Studio, das sie vor einem Jahr eingerichtet haben, hat ihre Gruppendynamik gestärkt und die Zusammenarbeit erheblich erleichtert. ‘Früher war der Raum eine einzige Baustelle’, erinnert sich Hansen. ‘Wir wollten keinen klassischen Atelier-Look, sondern etwas, das unsere Arbeitsweise widerspiegelt: flexibel, anpassungsfähig und dennoch klar strukturiert.’ Das Atelier ist lichtdurchflutet, hat hohe Decken, große Fenster und in der Mitte steht ein massiver, königsblauer Ess- und Arbeitstisch. ‘Im Sommer fühlt es sich an wie in einem Wintergarten’, sagt Deitermann. Es gibt keine unnötigen Ablenkungen, aber auch keine sterile Kälte – trotz der verchromten Küchenzeile. ‘Ein Freund hat einmal gesagt, unser Studio sei wie ’Killing A Friend‘ selbst: ein Rahmen, in dem alles seinen Platz hat“, erklärt Hansen.

Fotos: Sophie Nawova Meyer.

Dann gibt es noch das modifizierte Kassettendeck, das das unendliche Album aufzeichnet und archiviert max. Das Album widersetzt sich mit seinem sich ständig weiterentwickelnden Charakter traditionellen Veröffentlichungskonzepten. Das Trio hat anderthalb Jahre daran gearbeitet – und könnte noch ewig daran weiterarbeiten. Es ist ein organisches Konstrukt ohne endgültigen Endpunkt. ‘Es ist das Gegenteil der schnelllebigen Kultur des Streamings’, erklärt Hansen. ‘Wir lassen die Dinge reifen, kommen Monate später darauf zurück und prüfen, ob sie noch Bestand haben.’ Das ist auch ihr Ansatz bei ihren visuellen Kreationen. ‘Wir lassen uns von Ideen leiten, ohne sofort alles klar zu definieren’, sagt Esser. Hansen fügt hinzu: ‘Ich komme aus der schnelllebigen Welt der Videos, aber hier haben wir gelernt, Dinge zu hinterfragen. Anstatt Trends hinterherzujagen, wollen wir nach Zeitlosigkeit streben.’ Für sie geht es darum, der Qualität und Tiefe ihrer Arbeit Vorrang einzuräumen. ‘Wir haben darüber nachgedacht, eine Wetter-App zu entwickeln’, scherzt Hansen lachend. ‘Die würde einem einfach sagen, wie das Wetter ist, damit man nicht aus dem Fenster schauen muss. Vielleicht in Kombination mit einer Kooperation, die das perfekte Outfit für das aktuelle Wetter vorschlägt.’ Das Kollektiv hat keine konkreten Pläne für die Zukunft, aber genau das macht Killing A Friend so spannend. ‘Oft ergibt sich das nächste Projekt aus dem aktuellen’, sagt Ben Esser. ‘Man kann herumsitzen und auf eine Idee warten – oder einfach weiterarbeiten. Irgendwann kommt der Moment der Inspiration.’

Und so vergeht die Zeit in diesem Atelier, zwischen strukturierter Architektur und einfallsreicher Kunst, auf ihre ganz eigene Weise: Alle halbe Stunde fällt eine neue Kassette auf den Boden, die Minuten vergehen, doch die Kreativität hört nie auf.

Wie in SLEEK 84 – CHANGE vorgestellt. Erhältlich als Print- und Digitalausgabe hier.