TORBEN LIEBRECHT

ÜBER DIE MACHT DER DINGE UNGESAGTEN DINGE, UND EIN ERREGBARER CHIHUAHUA VERWANDELT SICH IN EINEN BELGISCHEN SCHÄFERHUND.

Torben Liebrecht ist nicht jemand, der einen Raum sofort dominiert. Er drängt sich nicht nach vorne, erhebt nicht seine Stimme und verlässt sich nicht auf schnelle Effekte. In einer Branche, in der Sichtbarkeit oft mit Lautstärke verwechselt wird, wirkt seine Präsenz fast anachronistisch. Und genau darin liegt seine Stärke. Er spricht ruhig, zögerlich und mit einer Abneigung, seine Gedanken zu schnell festzulegen. Er misstraut vorgefertigten Erzählungen über sich selbst - vielleicht weil er weiß, wie brüchig die Pfeiler sind, auf denen sie stehen. “Ich habe immer lieber gearbeitet, als über die Arbeit zu reden”, sagt er. Es ist nicht die Erzählung, die ihn interessiert, sondern der Prozess. Nicht die Aussage, sondern das, was im Zusammenspiel der Menschen passiert. Dabei legt er eine subtile Selbstironie an den Tag: Er ist nicht gut im Festlegen von Tagesordnungen und geht nicht mit vorbereiteten Gesprächspunkten in Gespräche. Sein erster Impuls ist immer, sehr ehrlich zu sein, aber das ist nicht unbedingt die “überzeugendere Version”. Er lacht, als würde er einen alten Bekannten beschreiben, mit dem er sich inzwischen angefreundet hat.

Zurückhaltung war etwas, in das Torben Liebrecht hineinwuchs. Als Jugendlicher neigte er dazu, laut zu sein - der Klassenclown, jemand, der versuchte, seinen Platz in einer Gruppe durch Lärm und Aktion zu behaupten. “Das ging lange Zeit sehr, sehr schief”, sagt er. Irgendwann hat er die Macht, Dinge ungesagt zu lassen, darauf zu vertrauen, dass ein Gedanke wichtiger sein kann als eine Pose. Wie um dies zu bekräftigen, zitiert er einen Spruch, der ihn seit Jahren begleitet: “Arbeite hart in der Stille, lass den Erfolg den Lärm machen.” Es ist kein programmatisches Manifest, sondern eher ein innerer Anker. Er betrachtet es als eines der größten Privilegien seines Berufs, dass die Schauspielerei ihm den Raum gibt, Charaktere zu spielen, die er im wirklichen Leben nicht ist - “ein erregbarer Chihuahua”, sagt er mit einem Grinsen, “darf manchmal einen belgischen Schäferhund spielen.”

Für ihn ist die Schauspielerei ein kollektiver Prozess, ein delikater Austausch. “Man kommt nur weiter, wenn man ein Teamplayer ist”, sagt Liebrecht. Er glaubt nicht an die idiosynkratische Idee des Genies, auch nicht an die große einsame Geste. Zuhören ist für ihn genauso wichtig wie Präsenz. Vielleicht sogar noch wichtiger. Zu spüren, was um ihn herum passiert, Impulse aufzunehmen und präsent genug zu sein, um etwas zurückgeben zu können - das bezeichnet er als das eigentliche Handwerk. Und genau diese Durchlässigkeit ist für ihn das Wertvollste: jene Momente, die nicht planbar und im besten Sinne unvorhersehbar sind. “Man schaut sie sich hinterher an und denkt: Wie konnte das passieren?”

Die Sichtbarkeit, das große Versprechen der Gegenwart, interessiert ihn nur bedingt. Im Idealfall sieht der Zuschauer die Figur und spürt nicht Torben Liebrecht, den Schauspieler. Wenn er von Sichtbarkeit spricht, meint er etwas Pragmatisches: B2B. Produzenten, Casting-Direktoren, Entscheider sollen sehen, was er kann, sollen sagen: “Daran glauben wir”. Draußen schätzt er die Möglichkeit, unbehelligt mit der U-Bahn zu fahren, ein Mensch unter Menschen zu sein. Nach einigen öffentlichen Auftritten verspürt er ein leichtes Gefühl der Wehmut, fast eine Leere.

Was ihn stützt, auch wenn die Bestätigung von außen fehlt, ist der feste Glaube, dass es weitergeht. Liebrecht ist seit 34 Jahren in diesem Beruf tätig. Er kennt die Konjunkturzyklen, die Zeiten der Stagnation, die Jahre, in denen wenig passiert. Er hat gelernt, nicht alles persönlich zu nehmen: Eine Absage bedeutet selten ein Urteil über die Person, oft ist man einfach nicht der geeignetste Kandidat. Diese Erkenntnis klingt banal, ist aber in einem Beruf, der auf Ablehnung beruht, existenziell. Statt sich einzuschränken, hat er sich geöffnet - er arbeitet mit seiner Stimme, spricht Hörbücher und Hörspiele und genießt die Intimität dieses Mediums. Seine Stimme erlaubt es ihm, verletzlich zu sein, ohne zur Schau gestellt zu werden, zu reagieren, ohne dass die Kamera jede Sekunde auf ihn gerichtet ist. Und er hat nie aufgehört, an sich zu arbeiten: Coaching, Kurse, bewusste Auffrischung seines Wissens.

In seinem aktuellen Film Das dunkle Vermächtnis, der Mitte März in der ARD ausgestrahlt wird, spielt Liebrecht den Inspektor Ritter. Der Film bezieht sich auf die Himmelsscheibe von Nebra, die 1999 von zwei Amateurschatzsuchern entdeckt wurde und als älteste bekannte konkrete Darstellung astronomischer Phänomene weltweit gilt. Was als Sensationsfund begann, führte zu illegalem Weiterverkauf, Hehlerei und Strafverfahren. Der Film nutzt diesen Stoff für einen Mystery-Thriller über Schuld, Erinnerung und das Schweigen zwischen Menschen, die einst Freunde waren. Felicitas Woll spielt die Fotografin Kim, die in ihre Heimatstadt zurückkehrt, als ihr Vater unter Mordverdacht gerät. Florian Bartholomäi und Neda Rahmanian vervollständigen ein Ensemble, das dem Drehbuch von Thomas Sieben unter der Regie von Ziska Riemann viel psychologische Tiefe verleiht.

All Photography by NTI

Ritter ist kein Held der alten Schule. Er hört zu, bleibt ruhig, wenn es um ihn herum laut wird. Für Liebrecht ist der Polizeiberuf vor allem ein Beruf, der seinen Tribut fordert. Man wird immer angerufen, wenn es eskaliert ist - niemand ruft an, um zu sagen, wie schön seine Blumen sind. Das hinterlässt Spuren, die sich im Stillen anhäufen. Ritter trägt sie, unaufdringlich, aber spürbar. Was Liebrecht an der Figur reizt, ist die Spannung zwischen Kontrolle und Loslassen: ein rationaler Mensch, der irrational handelt, wenn es darum geht, einer Wahrheit nachzugehen, die sonst niemand aufdecken wollte. Und der dabei völlig allein ist - was ihn mit Kim, seinem Gegenstück, verbindet: jemand, der spürt, ohne zu verstehen, bis es weh tut.

Das dunkle Vermächtnis dreht sich um die Frage, was Menschen über Jahrzehnte mit sich herumtragen. Liebrecht bringt das mit einem einfachen Bild auf den Punkt: Die Wahrheit ist wie ein Löwenzahn, der immer wieder seinen Weg durch den Asphalt findet. Man kann sie vergraben, schweigen, vergessen wollen - aber die Wirklichkeit arbeitet weiter, ohne Absicht und Eile. Für ihn brauchen Figuren ein inneres Wertesystem, eine Geschichte, die nicht in ihrer Gesamtheit erzählt werden muss. Aber sie muss für den Zuschauer greifbar sein.

Vielleicht ist es genau das, was Torben Liebrecht auszeichnet: seine Bereitschaft, nicht alles zu erklären. Nicht sich selbst, nicht seine Figuren, nicht seinen Weg. Er beschreibt mit stiller Freude, dass er derzeit freier spielen, sich mehr erlauben kann - die Rollen werden komplexer, vielschichtiger, anspruchsvoller. Es ist kein Triumph, den er damit zum Ausdruck bringt, sondern eine leise Erkenntnis: dass Konsequenz eine Form von Kühnheit ist, dass ein Weg ohne dramatische Sprünge immer noch ein Weg ist. In einer Zeit, die klare Positionierungen und permanente Selbstbeschreibungen fordert, erscheint diese Zurückhaltung fast radikal. Sie ist keine Pose, sondern das Ergebnis von Erfahrung - und sie erinnert uns daran, dass Präsenz nicht durch Lautstärke, sondern durch Aufmerksamkeit entsteht.

Fotoassistent MATTHIAS HENKE

Styling SANTI RODRIGUEZ

Styling-Assistentin HALLA FARHAT, LISA KAUTZ

Kreative Produktion CLAUDE GERBER, NINA MARIA DAHMS, JOHANNA ERDL

Konzept ANTONIA DIPNER

Produktionsassistentin LUNA ENARA

Körperpflege MARVIN GLISSMANN

Bühnenbild KRISTINE ALKSNE

Bühnenbildassistentin ELSA RETTIG

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