Simon Denny, Berliner Startup-Gehäuse „Case Mod“: GetYourGuide, 2014. Maßgefertigtes Computergehäuse, Verpackung, hochbelastbare Computerhardware, Metallbeschläge, Digitaldrucke auf maßgefertigten Plexiglas-Komponenten, Samsung UE40F6500 SS, Video auf USB-Stick. 87 x 91 x 54 cm
In seinem Roman aus dem Jahr 1985 Weißes Rauschen, Don DeLillo bemerkt: “Je größer der wissenschaftliche Fortschritt, desto primitiver die Angst.” In Simon Dennys neuen, technologiebasierten Videoskulpturen, die derzeit in der Galerie Buchholz in Berlin zu sehen sind, wird Angst gegen Raserei und Unbehagen eingetauscht. Der 1982 in Neuseeland geborene Denny ist ein in Berlin lebender Künstler, dessen Arbeit sich um die Technologiebranche dreht – ein Wirtschaftszweig, der in Berlin schneller denn je brummt –, wobei er sich darauf konzentriert, wie Menschen mit sich entwickelnden Technologien an der Gesellschaft teilhaben und wie wir allgegenwärtige Reize und visuelle Daten verarbeiten.
Denny nutzte in seiner Präsentation für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2013 im Hamburger Bahnhof die 2012 in München abgehaltene Konferenz “Digital Life Design” als Ausgangspunkt, um zu quantifizieren, wie wir Informationen wahrnehmen. Die Ausstellung „Disruptive Berlin“ präsentiert die zehn besten Start-ups des vergangenen Jahres (ausgewählt von WIRED UK) als Material, das er parallel zu vier großen IT-Medienveranstaltungen analysierte, die im Laufe des Jahres 2013 in Berlin stattfanden. Unter anderem erhielt Denny Insider-Zugang zur Pitch-Woche von Seedcamp – dem Mekka der Mentoren für junge Start-ups –, wo er das zweifellos turbulente Treiben beobachtete und filmte.
Diese von extremem Ehrgeiz und hohen Ambitionen geprägten Veranstaltungen sind für Dennys künstlerische Praxis dystopischer Stoff. Das Videomaterial, das geschnitten, wiederholt und mit aggressivem Dubstep unterlegt wird, erzeugt ein hyperaktives Bewegtbild, das das Spektakuläre dieser Umgebungen hervorhebt. Das Gameshow-Format erzeugt eine absurde Spannung, gemischt mit einer Aufmerksamkeit erregenden Unruhe. Die Mission der Start-ups besteht darin, mit risikoreichen Ideen “für Umbrüche zu sorgen” und die Produktivität zu steigern, wie in Das Dilemma der Innovatoren Berlin (2014), in dem beklagt wird: “Wenn Technologie dazu führt, dass große Unternehmen scheitern.” Dieser Digitaldruck ist an einer provisorischen Barrikade befestigt; aus einem der Das Berliner Start-up Case Mod Computer- und fernsehbasierte Skulpturen, die mit großem aufgestautem Eifer immer wieder den Satz “Und der Gewinner … ist …” wiederholen. Dies bestätigt, dass es sich bei diesen Ereignissen um Spektakel handelt, und bekräftigt die Rolle des Publikums als Zuschauer und Konsumenten.
Die digitale, antiästhetische Anmutung von Dennys Drucken widersetzt sich künstlerischem Geschmack und Tradition, indem sie die niedrigauflösende Darstellung von Bildern im Internet nachahmt. Da Pixel den Pinselstrichen den Vorzug geben, sind viele der Wandarbeiten computergenerierte Darstellungen: Wo findet man die Positionierung? (2014) ist eine großformatige, digital gedruckte Karte auf Plakatgewebe, auf der die zehn besten Start-ups der Stadt verzeichnet sind. Denny nutzt Infografiken, um Daten in einer anschaulichen, leicht verständlichen Form darzustellen. Wusstest du, dass 44% der Start-up-Gründer in Berlin keine Deutschen sind?
Dennys Einsatz von Technologie als “Readymades” bedeutet, dass sich seine Praxis je nach Art der Trends wandeln wird: Seine früheren Arbeiten konzentrierten sich auf die Veralterung analoger Technologie. Er hat den stetigen Rückgang der Dicke von Fernsehbildschirmen im Verhältnis zu deren Bedeutung als Bestandteil des Alltags und des häuslichen Lebens beobachtet. In „Disruptive Berlin“ wurde der Fernsehbildschirm herabgestuft und dient nun als dünne Tischplatte für die neueste, variierende, maßgeschneiderte Computerhardware im Das Berliner Start-up Case Mod Serie; deren Innenräume fetischistisch weit aufgerissen sind.
Durch seine umfassende Recherche zu diesen realen Ereignissen vermittelt Denny ein sich ständig wandelndes Bild der Digitalbranche. “Disruptive Berlin” ist ein typisches Produkt seiner Zeit: Es wirkt bereits wie eine archäologische Erinnerung an unsere zukünftige Vergangenheit.
Rezension von Lilly Daniell
Denny wurde ausgewählt, Neuseeland bei der 56. Biennale von Venedig im Jahr 2015 zu vertreten.
“Disruptive Berlin” bei Galerie Buchholz, Berlin 31. Januar – 15. März 2014