Noch nie war es so einfach, Gutes zu tun, ohne dabei jemandem begegnen zu müssen. Ein Klick genügt. Und zack überweisen wir an eine Hilfsorganisation, unterstützen ein Crowdfunding, richten einen Dauerauftrag ein oder runden beim Bezahlen den Betrag auf. Nur wenige Sekunden später haben wir geholfen. Das Geld kommt schließlich im besten Fall dort an, wo es dringender gebraucht wird als bei uns. Wir bekommen eine Bestätigung, manchmal eine Spendenquittung und am Ende des Jahres einen Bericht darüber, was mit unserer Unterstützung erreicht wurde.
Das ist eine zivilisatorische Errungenschaft, da professionelle Hilfsorganisationen, Stiftungen und Wohlfahrtsverbände etwas können, was der Einzelne nicht kann: Hilfe organisieren, verstetigen und in großem Maßstab wirksam machen. Und trotzdem bleibt eine Frage:
Was geschieht mit unserer persönlichen Verantwortung füreinander, wenn Verantwortung immer besser delegiert werden kann?
Am 5. September begehen die Vereinten Nationen den Internationalen Tag der Nächstenliebe. Das Datum erinnert an Mutter Teresa, die am 5. September 1997 in Kalkutta starb und deren Arbeit 1979 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.
Der Kult um ihre Person ist längst einer kritischeren Betrachtung gewichen. Die medizinischen Bedingungen in den Einrichtungen ihres Ordens und ihr Verständnis von Mission und Leiden wurden vielfach hinterfragt. Das sollte man nicht verschweigen. Vielleicht muss man Mutter Teresa aber auch gar nicht zur Heiligen erklären, um über den Gedanken nachzudenken, für den dieser Tag heute stehen soll. Denn Nächstenliebe ist zunächst erstaunlich wörtlich. Es geht um den Nächsten.
Nicht um die Menschheit. Nicht um eine Zielgruppe. Nicht um eine statistische Kategorie. Sondern um einen konkreten Menschen, der einem begegnet und dessen Situation plötzlich die Frage aufwirft, ob sie einen etwas angeht. Genau darin unterscheidet sich Nächstenliebe von organisierter Solidarität.
Eine Institution kann zwar Verantwortung organisieren, in dem sie Geld verteilen, Pflege finanzieren, Essen bereitstellen, Wohnungen vermitteln und Not lindern kann. Was sie nicht kann, ist uns die Entscheidung abzunehmen, ob uns der Mensch neben uns etwas angeht. Und dafür muss man nicht nach Kalkutta schauen. Allein in Berlin bietet jeden Tag genügend Gelegenheiten:
Jemand trägt einer Mutter den Kinderwagen die Treppe zur U-Bahn hinunter. Ein Nachbar kauft für die ältere Frau im dritten Stock ein, weil sie krank ist. Pakete werden füreinander angenommen, Möbel verschenkt, Lebensmittel geteilt. In einer Chatgruppe findet sich am Sonntagabend jemand, der beim Umzug hilft. Ein Restaurant gibt übrig gebliebenes Essen weiter. Jemand hält an, obwohl er es eilig hat. Nichts davon löst ein strukturelles Problem. Und genau deshalb wird diese Art von Hilfe leicht unterschätzt. Sie lässt ohne KPIs, Wirkungsanalysen und Jahresberichten schlecht messen. Oft weiß außer zwei Menschen niemand, dass sie stattgefunden hat. So besteht ihr gesellschaftlicher Wert nicht in ihrer Skalierbarkeit, sondern gerade darin, dass sie nicht skaliert. Sie schafft Nähe.
Das klingt zunächst sentimental. Tatsächlich berührt es eine ziemlich nüchterne Frage:
Was hält eine Gesellschaft zusammen, wenn gerade niemand dafür zuständig ist?
Gesetze können unser Verhalten regulieren. Sozialstaaten können Risiken absichern. Institutionen können dort helfen, wo individuelle Hilfsbereitschaft niemals ausreichen würde. Armut, Pflege, Krankheit oder Bildung einer zufälligen Großzügigkeit zu überlassen, wäre keine Freiheit, sondern gesellschaftliches Versagen. Aber eine Gesellschaft besteht eben nicht nur aus dem, was geregelt werden muss. Sie besteht auch darin, was Menschen tun, obwohl niemand sie dazu verpflichtet.
Vielleicht beginnt hier der anspruchsvollere Teil einer freien Gesellschaft. Freiheit wird häufig als Abwesenheit von Zwang verstanden: Niemand schreibt mir vor, wie ich leben, denken oder handeln soll, solange ich die Freiheit anderer respektiere. Das ist eine ihrer entscheidenden Voraussetzungen. Aber Freiheit endet nicht dort. Denn sobald niemand mehr zuständig ist, entsteht eine andere Frage: Was tue ich freiwillig?
Niemand zwingt mich, meinem Nachbarn zu helfen. Niemand sanktioniert mich, wenn ich in der U-Bahn nicht aufstehe. Ich muss niemandem die Tür aufhalten, keinen Fremden fragen, ob alles in Ordnung ist, und niemandem zuhören, der gerade jemanden zum Zuhören braucht. Ich kann fast immer weitergehen. Gerade deshalb sagt die Entscheidung, es nicht zu tun, etwas über Freiheit aus.
Freiheit bedeutet nicht nur, dass man mich nicht zu etwas zwingen kann. Sie bedeutet auch, dass ich etwas tun kann, obwohl mich niemand dazu zwingt.
Nächstenliebe ist deshalb keine besonders weiche gesellschaftliche Kategorie. Sie ist im Gegenteil ziemlich anspruchsvoll. Eine Spende kann automatisiert werden aber Nähe eben nicht.
Sie verlangt Aufmerksamkeit. Man muss bemerken, dass jemand Hilfe braucht. Man muss eine Situation einschätzen. Manchmal muss man die eigene Bequemlichkeit unterbrechen. Und man muss akzeptieren, dass die kleine Handlung wahrscheinlich nichts Grundsätzliches verändert. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum sie wichtig ist.
Außerdem leben wir in einer Zeit, in der Handlungen zunehmend sichtbar gemacht werden. Wir messen Schritte, Schlaf, Reichweite, Engagement und Wirkung. Unternehmen dokumentieren ihre gesellschaftliche Verantwortung, Stiftungen ihre Förderquoten, Menschen ihr Engagement auf Social Media. Auch daran ist zunächst nichts falsch. Sichtbarkeit kann andere motivieren. Transparenz ist für Institutionen notwendig.
Nächstenliebe braucht diese Öffentlichkeit nicht. Vielleicht verliert sie sogar etwas, wenn die Dokumentation wichtiger wird als die Handlung selbst.
Die kleine Hilfe zwischen zwei Menschen hat keinen Kommunikationswert. Sie verbessert keine Statistik und löst kein gesellschaftliches Großproblem. Ihr Wert wiegt in etwas anderem: Für einen kurzen Moment entscheidet jemand, dass die Situation eines anderen Menschen wichtiger ist als die eigene Bequemlichkeit. Das ist wenig. Und gleichzeitig aber ziemlich viel.
Der Internationale Tag der Nächstenliebe muss deshalb kein Tag sein, an dem wir uns einmal im Jahr daran erinnern, mehr zu spenden. Dafür brauchen wir keinen Gedenktag. Interessanter wäre eine andere Frage. Wem bin ich heute begegnet, dessen Situation mich eigentlich etwas angeht?
Institutionen können Solidarität organisieren. Sie können sie professionalisieren, finanzieren und dorthin bringen, wo persönliche Hilfe niemals ausreichen würde. Eine moderne Gesellschaft könnte ohne sie nicht funktionieren. Aber sie können uns eine Sache nicht abnehmen: hinzusehen.
Vielleicht ist das die eigentliche Übung dieses 5. September. Etwas zu tun, zu dem uns niemand verpflichtet. Ohne Organisation. Ohne Beleg. Ohne Publikum. Einfach, weil da jemand ist.