Am 24. Oktober feiern die Vereinten Nationen ihren 81. Geburtstag. Ihre Regeln werden gebrochen, ihre Entscheidungen blockiert, ihre Autorität infrage gestellt. Warum wir eine Institution brauchen, der wir immer weniger zutrauen.
Es gibt eine Art institutionellen Glauben, der sich über Jahrzehnte aufbaut und ebenso langsam wieder abbröckelt. Die Vereinten Nationen waren lange Symbol dieses Glaubens: der Idee, dass Staaten, so unterschiedlich ihre Interessen auch sein mögen, gemeinsam mehr Vernunft aufbringen können als jeder für sich allein.
Am 24. Oktober 1945 trat die UN-Charta in Kraft. 81 Jahre später ist nicht nur die Handlungsfähigkeit der Organisation fraglich geworden. Auch das Vertrauen in die internationale Ordnung, für die sie steht, schwindet. Das ist womöglich die größere Krise. Der UN-Sicherheitsrat, das mächtigste Gremium der Weltorganisation, ist in entscheidenden Konflikten strukturell blockiert. Fünf Staaten besitzen ein Vetorecht: die USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich. 1945 war das der Preis dafür, die Großmächte überhaupt an einen Tisch zu bringen. Es war ein politischer Kompromiss, kein Versprechen auf Gerechtigkeit.
Heute zeigt sich, was dieser Kompromiss kostet. Russland kann verbindliche Entscheidungen gegen den eigenen Angriffskrieg in der Ukraine verhindern. Die USA haben wiederholt Resolutionen zum Krieg in Gaza blockiert. Im Jahr 2024 scheiterten sieben Resolutionsentwürfe an insgesamt acht Vetostimmen. Im Februar verhinderten die USA eine von Algerien eingebrachte Forderung nach einem sofortigen humanitären Waffenstillstand in Gaza. Im März blockierten Russland und China einen amerikanischen Entwurf zum selben Konflikt, dessen Formulierungen und politische Zielsetzung allerdings umstritten waren. Die Konflikte sind unterschiedlich. Der Mechanismus ist derselbe: Wenn fundamentale Interessen einer Vetomacht berührt werden, endet die gemeinsame Handlungsfähigkeit häufig dort, wo sie am dringendsten gebraucht würde.
Die Generalversammlung kann dagegen Stellung nehmen. Im Februar 2025 bekräftigte sie mit 93 zu 18 Stimmen die territoriale Integrität der Ukraine und forderte ein Ende des Krieges. Bemerkenswert war, dass auch die USA der von der Ukraine eingebrachten Resolution zustimmten. Im Dezember verlangte die Generalversammlung mit 91 zu 12 Stimmen die Rückführung der verschleppten ukrainischen Kinder. Solche Resolutionen sind grundsätzlich nicht unmittelbar rechtlich bindend. Aber sie sind auch nicht bloß Meinungsäußerungen. Sie formulieren internationale Erwartungen, bekräftigen Normen und können politischen Druck erzeugen. Nur lässt sich ein Krieg nicht allein durch diplomatischen Druck beenden.
Genau darin liegt das Dilemma: Die Vereinten Nationen können dokumentieren, verurteilen und legitimieren. Sie können jedoch nicht zuverlässig verhindern, dass mächtige Staaten gegen die Ordnung verstoßen, die sie selbst mitgeschaffen haben. Der UN-Menschenrechtsrat in Genf verkörpert einen ähnlichen Widerspruch. Im Gremium saßen wiederholt Staaten, deren eigene Menschenrechtsbilanz schwer belastet ist, darunter Saudi-Arabien. Das Problem ist nicht, dass es keine Regeln gäbe. Bei der Wahl der Mitglieder soll die Generalversammlung deren Beitrag zum Schutz der Menschenrechte berücksichtigen. Bei schweren und systematischen Verstößen kann sie die Mitgliedschaftsrechte aussetzen. Die entscheidende Frage lautet also nicht, warum die Vereinten Nationen keine Maßstäbe haben. Sondern warum ihre Mitglieder diese Maßstäbe so selektiv anwenden.
Auch Deutschlands Niederlage bei der Sicherheitsratswahl im Juni 2026 passt zu diesem Bild einer veränderten internationalen Ordnung. Für die Amtszeit 2027 bis 2028 setzten sich Portugal und Österreich durch. Daraus lässt sich kein institutionelles Versagen ableiten; nichtständige Sitze werden schließlich gewählt, nicht als Anerkennung für diplomatische Verdienste vergeben. Aber die Niederlage zeigt, dass Deutschlands Selbstverständnis als verlässlicher multilateraler Akteur nicht automatisch internationalen Einfluss garantiert.
Und trotzdem. Bevor man die Vereinten Nationen abschreibt, sollte man eine andere Frage stellen: Was wäre ohne sie schlechter? Die Antwort ist länger, als die Liste ihrer politischen Niederlagen vermuten lässt. Das Welternährungsprogramm versorgt Menschen in Krisenregionen mit Nahrungsmitteln. UNICEF schützt Kinder, leistet Hilfe und setzt sich für internationale Kinderrechtsstandards ein. Die Weltgesundheitsorganisation koordiniert grenzüberschreitende Gesundheitsprogramme; die weltweite Ausrottung der Pocken bleibt eines der eindrucksvollsten Beispiele internationaler Zusammenarbeit. Und die Klimaverhandlungen unter dem Dach der UN schaffen einen Rahmen, in dem nahezu alle Staaten über Emissionen, Verantwortung und gemeinsame Ziele verhandeln können. Diese Arbeit ist oft unspektakulär. Sie verhindert nicht jeden Krieg, rettet aber Leben. Sie beseitigt keine Machtinteressen, schafft jedoch Regeln und Institutionen, auf die sich auch kleinere und schwächere Staaten berufen können.
Vielleicht liegt ein Teil unseres Problems darin, dass wir die Vereinten Nationen an einem Anspruch messen, den sie nie erfüllen konnten. Sie sind keine Weltregierung. Sie verfügen weder über ein allgemeines Gewaltmonopol noch über eine demokratisch legitimierte Exekutive, die ihren Willen unabhängig von den Mitgliedstaaten durchsetzen könnte. Sie sind eine Organisation souveräner Staaten. Und diese Staaten sind nicht plötzlich weniger eigennützig, nur weil sie im selben Sitzungssaal sitzen.
Die UN spiegeln die Widersprüche der Weltpolitik deshalb nicht nur wider. Sie tragen sie in ihrer eigenen Konstruktion. Das entschuldigt ihre Schwächen nicht. Es erklärt aber, warum der Ruf nach Reformen sich seit Jahrzehnten so wenig verändert hat. Das Vetorecht einzuschränken wäre sinnvoll. Doch eine entsprechende Änderung der UN-Charta müsste auch von allen fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats ratifiziert werden. Ausgerechnet diejenigen, deren Macht begrenzt werden soll, können eine solche Reform verhindern.
Auch beim Menschenrechtsrat fehlt es weniger an formulierten Prinzipien als an der Bereitschaft, sie konsequent anzuwenden. Und die Stärkung der Generalversammlung wäre politisch wünschenswert, würde jedoch die grundlegende Frage nicht beseitigen, wie internationale Entscheidungen gegen den Widerstand mächtiger Staaten durchgesetzt werden können. Reformen sind notwendig. Nur sollte man nicht so tun, als ließe sich die Machtpolitik durch eine bessere Geschäftsordnung abschaffen.
Die eigentliche Krise der Vereinten Nationen ist deshalb auch eine Krise ihrer Autorität. Eine internationale Ordnung lebt nicht allein von Verträgen und Abstimmungen. Sie lebt davon, dass Staaten Regeln selbst dann anerkennen, wenn diese ihren unmittelbaren Interessen widersprechen. Wenn aber ausgerechnet die mächtigsten Mitglieder diese Regeln immer häufiger selektiv auslegen oder missachten, verliert die Institution ihre Glaubwürdigkeit. Und Glaubwürdigkeit lässt sich nicht per Resolution wiederherstellen.
Das macht die Gegenwart so gefährlich. Denn die Alternative zu einer schwachen multilateralen Ordnung ist nicht automatisch eine stärkere. Wo gemeinsame Regeln an Bedeutung verlieren, wächst der Einfluss wirtschaftlicher, militärischer und politischer Macht. Für große Staaten mag das Handlungsspielraum eröffnen. Für Kleinere bedeutet es vor allem Unsicherheit. Die Vereinten Nationen sind kein verlässlicher Schutzschild. Aber sie bieten einen gemeinsamen Bezugspunkt, an dem sich Macht messen und kritisieren lässt. Ohne diesen Maßstab würde nicht nur eine Institution verschwinden. Auch die Möglichkeit, Regelverstöße im Namen einer gemeinsamen Ordnung zu benennen, würde geschwächt.
81 Jahre nach ihrer Gründung stehen die Vereinten Nationen vor einem Paradox: Ihre politische Ohnmacht ist in vielen Konflikten offensichtlich. Ihre Notwendigkeit ebenso. Vielleicht liegt ihre größte Krise nicht darin, dass sie zu wenig Macht besitzen. Sondern darin, dass wir ihnen immer weniger zutrauen – und gleichzeitig keine überzeugende Vorstellung davon haben, wer ihre Rolle übernehmen könnte.