Tinder verliert Nutzer, während neue Dating-Formate persönliche Begegnungen in den Mittelpunkt rücken. Vor allem jüngere Menschen stellen die Logik des endlosen Swipens infrage. Dahinter steckt mehr als App-Müdigkeit: die Sehnsucht nach etwas, das sich nicht berechnen lässt.
Es gibt einen Moment, in dem man merkt, dass eine Technologie ihren Zenit überschritten hat. Nicht wenn sie abstürzt. Sondern wenn die Menschen einfach aufhören, Lust darauf zu haben. Für das endlose Wischen auf Dating-Apps könnte dieser Moment gekommen sein. Tinder verliert seit geraumer Zeit zahlende Nutzer. Im vierten Quartal 2025 waren es rund 8,8 Millionen, acht Prozent weniger als im Vorjahresquartal. Auch in den Niederlanden gingen die Nutzerzahlen im Juli 2026 deutlich zurück: bei Tinder um 14 Prozent, bei Bumble um 9 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Doch während etablierte Plattformen unter Druck geraten, gewinnen andere Modelle an Bedeutung. Hinge wächst, und Apps wie Breeze setzen darauf, lange Chatverläufe durch persönliche Treffen möglichst schnell zu ersetzen. Vielleicht erleben wir also nicht das Ende des digitalen Datings. Sondern das Ende einer bestimmten Vorstellung davon, wie Menschen einander kennenlernen sollten.
Die Erschöpfung der Möglichkeiten
Dating-Apps haben die Partnersuche verändert; sie haben Begegnungen ermöglicht, die früher kaum zustande gekommen wären; sie haben geografische und soziale Grenzen überwunden und gerade Menschen, die in ihrem unmittelbaren Umfeld nur schwer Gleichgesinnte finden, neue Möglichkeiten eröffnet. Doch für manche ist aus der anfänglichen Freiheit eine Form der Erschöpfung geworden. Das mechanische Wischen. Gespräche, die nach drei Nachrichten enden. Ghosting. Verabredungen, die sich wie Bewerbungsgespräche anfühlen. Und immer die Vorstellung, dass hinter dem nächsten Profil vielleicht jemand wartet, der noch besser passt.
Die unbegrenzte Auswahl verspricht Freiheit, aber sie macht Entscheidungen nicht unbedingt leichter. Hinzu kommt ein bemerkenswerter Widerspruch im Geschäftsmodell: Eine Dating-App muss Menschen dazu bringen, sie regelmäßig zu nutzen und möglichst auch dafür zu bezahlen. Im Idealfall ihrer Nutzer wird sie jedoch irgendwann überflüssig. Die Plattform lebt von der Suche. Der Mensch hofft, dass sie endet. Vielleicht erklärt dieser Widerspruch einen Teil der wachsenden Müdigkeit.
S1m0ne (2002), Courtesy of New Line Cinema und Niccol Films
Die Renaissance des Zufalls
Ausgerechnet eine Generation, für die digitale Kommunikation selbstverständlich ist, stellt zunehmend infrage, ob sie auch der beste Weg zur romantischen Begegnung ist. Singles-Events, Laufgruppen, Buchclubs und gemeinsame Aktivitäten werden als Orte des Kennenlernens neu entdeckt. Nicht unbedingt, weil Menschen auf Technologie verzichten wollen. Sondern weil sie wieder Situationen suchen, in denen Begegnungen nicht von vornherein als Partnersuche organisiert sind.
Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg beschrieb bereits 1989 die Bedeutung sogenannter Third Places: Orte jenseits von Wohnung und Arbeit, an denen Gemeinschaft und ungeplante Begegnungen entstehen. Vielleicht gewinnen solche Räume gerade deshalb an Attraktivität, weil so vieles in unserem Leben inzwischen durch Algorithmen vorsortiert wird.
Wir lassen uns Musik empfehlen, Restaurants vorschlagen, Nachrichten auswählen und unsere nächsten Einkäufe vorhersagen. Wir messen unsere Schritte, optimieren unseren Schlaf und versuchen, selbst unsere Freizeit möglichst effizient zu gestalten. Warum sollte ausgerechnet die Liebe davon ausgenommen sein? Weil sie möglicherweise dort beginnt, wo die Berechnung aufhört.
Ein Algorithmus kann gemeinsame Interessen erkennen, Vorlieben vergleichen und Wahrscheinlichkeiten berechnen. Aber er kann nicht zuverlässig vorhersagen, ob uns jemand zum Lachen bringt. Ob eine Stimme etwas in uns auslöst. Oder warum wir uns ausgerechnet zu einem Menschen hingezogen fühlen, der unserem vermeintlichen Ideal überhaupt nicht entspricht. Kompatibilität lässt sich beschreiben. Anziehung ist sehr viel schwerer.
Was sich nicht optimieren lässt
Vielleicht ist das die eigentliche kulturelle Veränderung hinter der Dating-App-Müdigkeit. Wir beginnen zu begreifen, dass nicht jeder Lebensbereich besser wird, wenn wir ihn effizienter organisieren. Das gilt für Kreativität ebenso wie für menschliche Beziehungen. Die interessantesten Ideen entstehen nicht immer aus einem perfekten Plan. Und die schönsten Begegnungen folgen selten einer vorher festgelegten Dramaturgie.
Natürlich werden Dating-Apps bleiben. Für viele Menschen sind sie praktisch, für manche unverzichtbar. Und die Grenze zwischen digitalem und analogem Kennenlernen wird weiterhin fließend sein. Aber die Vorstellung, dass mehr Auswahl automatisch zu besseren Entscheidungen führt, verliert an Überzeugungskraft. Vielleicht haben wir uns zu sehr eingeredet, dass sich auch die Liebe optimieren lässt. Dass genügend Daten, die richtigen Filter und ein guter Algorithmus irgendwann den passenden Menschen liefern.
Aber Anziehung ist keine Rechenaufgabe. Sie entsteht manchmal dort, wo Erwartungen enttäuscht, Gewohnheiten durchbrochen und Pläne über den Haufen geworfen werden. Vielleicht wenden sich die Menschen deshalb nicht von der Technologie ab. Sondern von der Vorstellung, dass sie uns jede Überraschung abnehmen sollte.
Denn das Schönste an einer Begegnung ist oft, dass man nicht danach gesucht hat.