Wissenschaft, die berührt

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Santiago Ramón y Cajal wollte Maler werden. Sein Vater wollte, dass er Medizin studiert. Der Vater setzte sich durch, doch das Auge des Künstlers blieb. Als Cajal Ende des 19. Jahrhunderts begann, Nervenzellen unter dem Mikroskop zu untersuchen, zeichnete er das, was er sah. Seine Darstellungen des menschlichen Nervensystems waren nicht nur von außergewöhnlicher Schönheit. Sie halfen ihm, Strukturen zu erkennen, die unser Verständnis des Gehirns grundlegend veränderten. 1906 erhielt er dafür den Nobelpreis.

Eine der bedeutendsten Entdeckungen der Neurowissenschaft verdankt sich also auch einem künstlerischen Blick. Vielleicht liegt darin eine Erkenntnis, die wir heute wieder ernster nehmen sollten: Kreativität und Wissenschaft sind keine Gegensätze. Sie beginnen mit derselben Fähigkeit – die Welt anders zu sehen.

Vom 1. bis zum 10. November findet in Berlin die Science Week statt. Unter dem Motto „In Touch“ bringt sie Forschung aus Laboren und Universitäten in die Stadt. Vom 6. bis zum 8. November wird das Haus der Kulturen der Welt zum Festivalzentrum. Wissenschaft soll hier nicht nur erklärt, sondern erlebt werden. Das ist mehr als eine schöne Idee. Es berührt die Frage, unter welchen Bedingungen Neues überhaupt entstehen kann.

Die Kunst, anders zu denken

Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht häufig durch Spezialisierung. Aber manchmal braucht es jemanden, der die üblichen Fragen eines Fachs gar nicht kennt. In den 1960er-Jahren begann der Ingenieur Billy Klüver bei den Bell Laboratories mit Künstlern wie Robert Rauschenberg zusammenzuarbeiten. 1966 gründete er gemeinsam mit anderen die Initiative Experiments in Art and Technology. Künstler erhielten Zugang zu neuen Technologien, Ingenieure begegneten Fragen, die ihnen in ihrer beruflichen Welt niemand gestellt hatte.

Es ging nicht darum, Kunst wissenschaftlicher oder Wissenschaft künstlerischer zu machen. Es ging darum, Möglichkeiten zu entdecken, die keine der beiden Seiten allein gesehen hätte. Heute sprechen wir ständig von Innovation. Wir fördern sie, organisieren Konferenzen und entwickeln Strategien. Gleichzeitig halten wir erstaunlich hartnäckig an den Grenzen zwischen den Disziplinen fest. Dabei entsteht das wirklich Neue oft dort, wo jemand die Selbstverständlichkeiten seines Fachs infrage stellt.

Photography by Marc Beckmann
Photography by Liesa Johannssen
Photography by Joris Felix

Freiheit ohne Ergebnisgarantie

Im Grundgesetz steht ein bemerkenswerter Satz: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Beides steht in Artikel 5, Absatz 3. Kunst und Wissenschaft genießen denselben verfassungsrechtlichen Schutz. Nicht, weil sie immer nützlich wären, sondern weil eine freie Gesellschaft Fragen zulassen muss, deren Antworten und Nutzen noch niemand kennt. Das ist gerade heute wichtig.

Wir erwarten von Forschung messbare Ergebnisse, von Kultur gesellschaftliche Wirkung und von Kreativität wirtschaftlichen Nutzen. Öffentliche Förderung braucht selbstverständlich Verantwortung und nachvollziehbare Kriterien. Problematisch wird es aber, wenn bereits vor Beginn eines Projekts feststehen soll, was am Ende herauskommt. Denn wer nur fördert, was sich schon erklären und verwerten lässt, riskiert, gerade das Unvorhersehbare auszuschließen. Und das Unvorhersehbare ist häufig der Anfang von Innovation.

Photography by Florian Gaetner

Eine Einladung zur Neugier

Natürlich kann auch ein Wissenschaftsfestival zur Veranstaltung für Menschen werden, die sich ohnehin für Wissenschaft interessieren. Die eigentliche Herausforderung der Berlin Science Week besteht deshalb nicht darin, möglichst viel Wissen zu vermitteln. Entscheidend ist, ob Menschen miteinander ins Gespräch kommen, die sich sonst nie begegnet wären. Ob ein Künstler eine Forscherin zu einer neuen Idee führt. Ob ein Besucher eine Frage stellt, die im Labor niemand gestellt hätte.

Vielleicht sollten wir die Berlin Science Week deshalb nicht als Informationsveranstaltung verstehen, sondern als Einladung, unsere gewohnten Perspektiven zu verlassen. Informationen haben wir heute im Überfluss. Was uns häufiger fehlt, ist die Fähigkeit, sie auf neue Weise miteinander zu verbinden. Cajal hat nicht nur genauer hingesehen als andere. Er hatte gelernt, mit anderen Augen zu sehen.

Vielleicht brauchen wir deshalb nicht immer mehr Wissen. Vielleicht müssen wir vor allem lernen, anders zu schauen. Denn manchmal beginnt der entscheidende Fortschritt nicht mit einer neuen Antwort, sondern mit einer Frage, auf die vorher niemand gekommen ist.