Der langjährige Held der Herrenmode: James Long

James Long, fotografiert von Georgia Kuhn

Herrenmode sieht doch alle gleich aus, oder? Zumindest lautet so die gängige Kritik an der Herrenmode. Das ist ein berechtigter Einwand, denn diese festgefahrenen Konventionen der Herrenmode – Hose, Hemd, Jacke – lassen sich im Vergleich zu den üppigen Schwankungen in der Welt der Damenmode nach wie vor nur schwer durchbrechen. James Long hingegen ist der Herrenmode-Designer, der sich der Aufgabe verschrieben hat, etwas anderes zu schaffen. Als Gewinner des allerersten NEWGEN-Preises und mittlerweile einer der gefragtesten Designer bei den erst kürzlich ins Leben gerufenen „London Collections: Men“ hat Longs Talent, spritzige, coole Kleidung zu kreieren, die gleichzeitig begehrenswert und vor allem tragbar bleibt, ihn an die Spitze der internationalen Herrenmode katapultiert.
Im Gespräch mit Long in seinem Atelier in Hackney, wo die Inspirationen für seine nächste Kollektion und seine kürzlich lancierte Accessoire-Kollektion die Wände zieren, erläutert er uns den Entstehungsprozess seiner zeitlosen Designs. “Für mich geht es definitiv um die Ideen und das Konzept, aber ich denke, wenn die Kleidungsstücke letztendlich in den Läden liegen, spielt das keine so große Rolle mehr. Die Frage ist: Spiegelt sich das alles auch im Kleidungsstück wider? In gewisser Weise richtet sich dieser Designprozess an eine sehr kleine Gruppe von Menschen, die sich wirklich mit der Marke und dem Wesen der Kleidung auseinandersetzen.” Obwohl er einige Ausflüge in die Damenmode unternommen hat, ist Longs Engagement für die Schaffung zeitloser Mode einer der Gründe, warum er sich lieber auf die Herrenmode konzentriert: “In der Herrenmode scheint die Kollektion als langfristiges Projekt fortgeführt zu werden. In der Damenmode dreht sich alles darum, dem neuen Wesen der Mode hinterherzujagen. Die Herrenmode hat mehr Kontinuität.” Trotz seiner Vorliebe für zeitlosen Stil lassen sich Longs Kollektionen kaum als traditionell bezeichnen. So wurde beispielsweise seine schlichte, gestreifte und farbenfrohe Frühjahr/Sommer-Kollektion 2015 auf dem Laufsteg von langhaarigen Jugendlichen präsentiert und mit Blick auf einen Thai-Boxer entworfen. Das ist ein geschickter Schachzug, den Long gekonnt umsetzt, indem er höchste Innovation mit dauerhafter Attraktivität verbindet.

James Longs Atelier, fotografiert von Georgia Kuhn

Aber warum entwickelt sich London mit seiner jugendlichen Modementalität gerade zum Ort, an dem man nach innovativer Herrenmode Ausschau halten sollte? “Ich denke, die Hochschulen sind wirklich wichtig – ohne die Förderung dort wird es keine Talente geben. London ist wirklich für Herrenmode bekannt, während das sonst nirgendwo auf der Welt der Fall ist.” Longs Alma Mater, das Royal College of Art, spielt bei diesem Wandel eine besonders wichtige Rolle – er merkt an, dass es jedes Jahr einen ‘Durchbruchstar’ in der RCA-Herrenmode-Jahrgang gibt, eine Auszeichnung, die in der Vergangenheit inoffiziell an Katie Eary, Astrid Andersen und natürlich Long selbst vergeben wurde. Unter den Londoner Herrenmode-Designern herrscht das Gefühl einer blühenden Gemeinschaft; schließlich setzen sich alle für die Entwicklung der Kreativszene in der britischen Hauptstadt ein. “Wir unterstützen uns gegenseitig sehr – das ist eines der besten Dinge daran!” Nur eine Frage bleibt offen: Warum dauert es so lange, bis die Modebranche die sich wandelnden Bedürfnisse der Herrenmodekunden des 21. Jahrhunderts erkennt? Laut Long dreht sich alles um das Verlangen: “Die Generation muss es erst wollen.”
Interview von Josie Thaddeus-Johns Entnommen aus Sleek Magazine 44: Was Frauen wollen
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