Die Nageldesignerinnen hinter Berlins neuestem Trend


Gepflegte Nägel sind kein neues Phänomen – schon bevor Paris und Nicole in ihrem halbherzigen Streben nach einem einfachen Leben ihre Acrylnägel zerbrachen, gab es Schmucksteine auf French Tips. Doch was einst R&B-Videos und der „Super Sweet 16“-Party eines „Daddy’s Girl“ vorbehalten war, feiert nun endlich ein Comeback. Wir haben habe ich schon einmal gesagt, und wir sagen es noch einmal: Vulgarität ist das Salz in der Mode, und nirgendwo scheint sie so präsent (und gestisch) zu sein wie an unseren Fingerspitzen. Im Einklang mit dem Revival des Stils der 2000er, das die Welt im Sturm erobert, ist die Nagelkunst zurück – und trashiger denn je.

“Fingernägel haben etwas Seltsames an sich”, sagt Maddy, Nageldesignerin bei ISLA Berlin. “Man verhält sich anders, wenn man sie gerade machen lassen hat – es verändert das gesamte Auftreten.” Das stimmt – perfekt geformte Nägel und ein frischer Lack haben etwas an sich, das unser Verhalten und unsere Interaktion verändert. Wir gestikulieren anders, wir tippen anders, wir sind vielleicht etwas eitel, aber auf jeden Fall selbstbewusster. Nägel sind ein Ort der Selbstdarstellung und eine unumstößliche Kraft in der tragbaren Mode – ein Accessoire, das dauerhafter ist als eine Statement-Halskette, aber weniger dauerhaft als ein Tattoo.

Und Tack ist wieder da. Wir sehen doppelte Cs, LVs und Burberrys Nova-Check-Muster, die die Hände der Instagram-Elite zieren – ein Trend, den man nur als Logomanie bezeichnen kann. High Fashion wird zu unbestreitbarem Kitsch degradiert, und handgemalte Slogans sind das neue Knöcheltattoo. Kreative Stadtkinder mit einer treuen Social-Media-Fangemeinde stehen in London und New York an der Spitze der Nail-Art-Revolution, doch nun zieht auch die Berliner Berghain-Crew nach. Es hat zwar eine Weile gedauert, bis der Trend die deutsche Hauptstadt erreicht hat, aber nun ist die Nail-Art da – und das mit voller Wucht. An der Spitze der Berliner Revolution stehen drei echte Künstler die sich mit Nageldesign buchstäblich wie aus dem Effeff auskennen. Wir haben uns mit ihnen unterhalten, um herauszufinden, warum Nageldesign nicht mehr wegzudenken ist.

ISLA Berlin
Maddy

Wie bist du zur Nageldesign-Kunst gekommen? Es fing als Hobby an – ich kaue an meinen Nägeln, deshalb lackiere ich sie immer, um mich davon abzuhalten! Und dann geriet die Sache irgendwie ein bisschen außer Kontrolle, und ich fing an, den Freundinnen die Nägel zu lackieren und hier und da ein paar kostenlose redaktionelle Aufträge zu übernehmen, und so entwickelte sich daraus etwas, das ich mir nie hätte vorstellen können.
Und wie bist du zu ISLA gekommen? Ich arbeitete gerade in London, als Charissa, die Inhaberin von ISLA, mir auf Instagram eine Nachricht schickte und fragte, ob ich Interesse hätte, hierherzukommen. Wir kannten uns überhaupt nicht, und ich war noch nie zuvor in Berlin gewesen, aber ich bin hingefahren, habe sie getroffen und beschlossen, es einfach mal zu versuchen! Wir haben im September letzten Jahres eröffnet.
Du wurdest also speziell für diese Rolle ausgewählt! Und wie sieht die Nail-Art-Szene in Berlin im Vergleich zu London aus? Es unterscheidet sich in jeder Hinsicht total von London, aber mir gefällt es hier wirklich gut. Dort ist es ein riesiges Geschäft, daher besteht die Herausforderung darin, sich von der Konkurrenz abzuheben, während es hier gewissermaßen das gegenteilige Problem ist. Hier geht es eher darum, Nachfrage zu schaffen, da die Leute noch nicht wissen, welche Möglichkeiten es bei der Nagelkunst gibt. Es ist seltsam, denn Berlin ist ein so kreativer Ort – da wäre es doch logisch, dass die Leute bei ihren Nägeln genauso kreativ sind wie bei ihrer Kleidung, ihrer Musik und allem anderen, aber es scheint, als wären die Leute hier nicht so daran gewöhnt, Geld für Verwöhnung auszugeben.
Ja, auf jeden Fall – und Instagram spielt definitiv eine große Rolle dabei, diese Nachfrage zu wecken Genau. Von Anfang an haben wir ziemlich ausgefallene Sachen gepostet. Das war nicht unbedingt das, was jeder suchte, aber wir haben definitiv vom ersten Tag an Louis-Vuitton-Logos und Neonfarben verwendet und versucht, die Grenzen dessen, was die Leute gewohnt waren, so weit wie möglich zu verschieben. Natürlich kommen immer noch Leute herein, um sich eine Maniküre machen zu lassen, und das ist völlig in Ordnung, aber immer mehr Leute entdecken, welche Möglichkeiten es gibt, und bringen ihre eigenen Ideen ein.
Wie würden Sie Ihre Zielgruppe beschreiben? Ich würde sagen, hauptsächlich 20- bis 35-Jährige. Vor allem Frauen, aber auch einige Männer. Im Allgemeinen kreative Menschen, ziemlich international, aber viele Deutsche. Es sind auf jeden Fall Leute mit interessanten Berufen, kreative Typen, Leute, die sich für Mode interessieren – natürlich verkaufen wir auch Kleidung, daher kommen viele Leute auch deswegen zu uns.
Welcher Stil wird bei euch am häufigsten nachgefragt? Nageldesign ist so saisonabhängig – zu Silvester war zum Beispiel alles glitzernd, aber das möchte man nicht unbedingt den ganzen Januar über behalten. Es ändert sich ständig, deshalb kommen die Leute immer wieder. Wir machen immer viele Flammenmotive und viele Schriftzüge. Ich dachte, Logos würden aus der Mode kommen, aber die Leute stehen immer noch darauf! Und dann haben wir noch die lustigen Produkte wie Glitzer und Chrom, die immer beliebt sind. Was ich diese Woche mache, unterscheidet sich schon von dem, was ich noch vor zwei Wochen gemacht habe – das ist toll.
Und was war die größte Herausforderung?
Porträts! Die Leute zeigen mir Fotos ihrer Hunde und wollen, dass ich sie auf ihre Fingernägel male (lacht). Und alles, was wirklich bekannt ist, ist schwierig. Damit meine ich vor allem Logos, denn wenn sie falsch sind, sind sie wirklich falsch. Wenn es schlecht ist, fällt es sofort auf – es sieht aus, als würde man eine Art Gucci-Plagiat tragen, nur eben auf den Nägeln.
Warum glaubst du, dass Nageldesign gerade so einen Aufschwung erlebt? Warum ist es so wichtig, um den persönlichen Stil zum Ausdruck zu bringen? Ich finde es cool, weil man damit ein Statement setzen kann, das zwar nicht dauerhaft ist, aber doch länger hält als Make-up. Nägel haben etwas an sich, das die Leute wirklich aufmuntert – jeder verlässt den Salon mit einem anderen Aussehen. Wenn man sich die Haare macht oder schminkt, Sie Man sieht sie zwar nie wirklich, aber wenn man sich die Nägel machen lässt, tippt man vor sich hin, schaut nach unten, sieht seine Nägel und das hebt die Stimmung. Früher gab es bei manchen Jobs Vorbehalte gegenüber Nageldesigns, aber vor allem in Berlin ist das mittlerweile nicht mehr so sehr der Fall. Und sie können auch politisch sein, mit Slogans oder Botschaften zur Frauenförderung – das machen viele Leute. Es ist einfach eine coole, unkomplizierte Art, etwas zu sagen, ohne sich dabei großartig festlegen zu müssen.

Studio 358

Mo und Maddin

Seit wann machst du schon Nageldesign? Wir machen das nun schon seit 7 Jahren, immer in Berlin, und vor einigen Jahren haben wir das Geschäft eröffnet.
Wie würdest du die Szene in Berlin beschreiben? Die Szene hat sich in den letzten drei bis vier Jahren definitiv verändert, sie ist gewachsen. Es ist nicht wie in Amerika oder in Großbritannien – die Leute sind hier nicht so experimentierfreudig wie in London, aber ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg.
Wie siehst du den Zusammenhang zwischen Nägeln und Stil? Nägel sind ein echter Ausdruck von Stil – manche Leute verwenden sehr knallige Farben, andere mögen es lieber sehr klassisch. Und dann gibt es noch diejenigen, die immer Steine, Kristalle und ähnliches verwenden. Wenn man sich die Leute ansieht, die solche Dinge ausprobieren, merkt man, dass sie eine ganz eigene Persönlichkeit haben und dass sie durch ihre Nägel ein Statement setzen.
Welcher Stil wird bei euch am häufigsten nachgefragt? Es gab eine Zeit, in der jeder Chrom war sehr gefragt – es war wirklich im Trend. Und ich glaube, die meisten Leute, die es klassisch mögen, entscheiden sich für Matt. Immer mehr Leute probieren Neues aus, und wir versuchen immer, unsere Kunden zu ermutigen, etwas zu wagen und etwas Außergewöhnliches zu wählen. Flammen sind im Moment natürlich auch total angesagt!
Wie sieht Ihre Zielgruppe aus? Welche Art von Menschen lassen sich Nageldesigns machen? Ich glaube, es sind vor allem die Berghain-Leute, die Kreativen – die probieren eher ausgefallene Sachen aus. Aber die meisten, die hierherkommen, sind eher so Mitte-Leute, und die wollen immer noch Bordeauxrot oder schlichte dunkle Farben. Aber ich glaube, es kommt langsam – die Leute probieren neue Sachen aus. 
Wo suchst du nach Inspiration?
Auf jeden Fall Instagram. Wir sind große Fans von ISLA, und es ist toll, sich von anderen Nageldesignern inspirieren zu lassen und sich gegenseitig zu unterstützen. Außerdem schauen wir immer wieder nach London und Amerika, um zu sehen, was dort gerade angesagt ist – und es ist großartig, wenn man auf etwas stößt, das man noch nie gesehen hat, aber unbedingt ausprobieren möchte.

Effy Nails

Rachel

Seit wann beschäftigst du dich schon mit Nageldesign, und wie bist du nach Berlin gekommen? Ich bin in Essex aufgewachsen und habe dort Nageldesign gemacht. Ich bin nun schon seit zehn Jahren in der Beauty-Branche tätig – ich weiß gar nicht, wie das so schnell gegangen ist. Ich bin eigentlich nach Berlin gezogen, um neue Abenteuer zu erleben; ich hatte hier ein paar Freunde und fand die Stadt einfach toll.
War das ein schwieriger Übergang? Ich kenne viele Berliner Nageldesignerinnen, die ihren Beruf aufgeben mussten, weil sie keine Kundschaft finden konnten …. Man muss sich auf jeden Fall Stück für Stück hocharbeiten. Ich habe von Anfang an Nageldesign gemacht, aber es war nicht so wie in Essex. Es waren einfach Leute, die nach Berlin kamen und wussten, dass ich hier bin, oder die im Urlaub waren und über Instagram wussten, wo sie mich finden können. Und dann war ich ja sowieso schon in der Branche tätig und habe nebenbei auch einfache Maniküren und solche Sachen gemacht. Selbst heute besteht mein Angebot nicht ausschließlich aus Nageldesign, aber es hat sich in den letzten Jahren definitiv verändert.
Ja, es sieht definitiv so aus, als würde sich das ändern Auf jeden Fall. Im letzten Jahr gab es ISLA und weitere Neueröffnungen, was wirklich cool ist – das ist also ein gutes Zeichen. Es ist schön, ein Netzwerk und andere Leute aus der Branche zu haben – das alles verstärkt sich gegenseitig. Früher haben mich viele Leute gefragt: “Ist das dein richtiger Job, ist das wirklich dein Job?”, und ich habe geantwortet: “Ja. Ja, das ist ein Job.” Es ist schon komisch, dass es so lange gedauert hat, bis das allgemein anerkannt wurde, aber nun ist es eben so.
Und wie sieht hier Ihre Kundschaft aus? Bei Veranstaltungen sind es immer die Männer, die sich als Erste hinsetzen, aber ins Studio kommen vor allem Frauen. Hauptsächlich zwischen 20 und 30, aber das Spektrum ist ziemlich breit – ich habe auch Frauen Ende 30, weil sie über das nötige Einkommen verfügen. In Berlin gibt es viele Freiberufler, sodass die Leute tun können, was sie wollen, und nicht durch ihre Arbeit eingeschränkt sind – sie arbeiten nicht in Banken, zumindest nicht die Leute, die ich sehe. Sie sind eher kreativ.
Welche Art von Designs gestaltest du am liebsten? Eigentlich mag ich die schlichten Designs sehr gerne. Es muss also nicht unbedingt alles mit Nieten, Streifen und Glitzer verziert sein. Das habe ich vor ein paar Jahren gemacht, aber irgendwann hat es mir irgendwie nicht mehr so viel Spaß gemacht. Für Fotoshootings, Beauty-Strecken und solche Sachen macht das zwar Spaß, aber da die Leute eher Alltagsnägel wollen, ist es schön, es einfach zu halten, und das mit dem „Negativraum“ ist ja auch gerade total angesagt.
Also ist „Trash“ nicht so ganz dein Ding… Kitsch kann gut sein! Ich bin dafür bekannt, dass ich mir schon mal ein paar Chanel-Aufkleber auf die Nägel geklebt habe (lacht). Aber ich habe mich verändert und bin seitdem ein bisschen erwachsen geworden, und wahrscheinlich hat sich auch meine Kundschaft verändert. Deutsche Frauen legen mehr Wert darauf, jeden Tag etwas zu tragen, es ist ein bisschen zurückhaltender, während es in England etwas verspielter zugeht. Ich glaube, die Nageldesigns sind mit meinem Standort definitiv zurückhaltender geworden.
Und was ist am beliebtesten? Die Leute haben mittlerweile begriffen, dass die Nägel länger halten, wenn man den Bereich um die Nagelhaut herum frei von Farbe lässt, denn wenn die Nägel nachwachsen, sieht man die Farbe dort nicht mehr. Deshalb mache ich das im Moment sehr oft. Verschiedene Formen, die von der Nagelhaut aus beginnen, oder Farbverläufe und solche Dinge.
Warum spielen Fingernägel deiner Meinung nach eine so große Rolle bei der Darstellung des persönlichen Stils? Wahrscheinlich, weil es tatsächlich für jeden zugänglich ist. Und man kann es so oft ändern, wie man will. Es ist nicht wie beim Friseur, wo es eine größere Verpflichtung darstellt und man Monate oder wie lange auch immer warten muss. Wenn einem die Nägel nicht gefallen, kann man sie einfach sofort ändern. Man kann es so ausgefallen oder so schlicht gestalten, wie man will – ganz nach Lust und Laune.
Folgt den Nageldesignern hier auf Instagram: ISLA Berlin, Studio 358 und Effy Nails