„Chabos wissen wer der Babo ist“

Bild: Netflix / „Babo – Die Haftbefehl‑Story“ (2025), Regie: Sinan Sevinç & Juan Moreno, Produzent: Elyas M’Barek

Zwischen den perfekten Selbstinszenierungen in den sozialen Medien und den Filmen, die wir schauen, schockiert die neue Netflix-Dokumentation: „Babo – Die Haftbefehl Story“. Aber das ist keine Überraschung. Diese Dokumentation ist echt. Nicht schön. Sie zeigt trotzdem nicht das, was wir erwartet hätten, was wir uns gewünscht hätten. Schon die ersten Sekunden schüchtern ein und fesseln einen. Man sieht Haftbefehl, alias Aykut Anhan: Er ist kaum wiederzuerkennen.

„Guck mal das ist wie eine Kerze, weißt du, das Leben. Du nimmst das Zeug, und es brennt immer ein Stück, weißt du? Irgendwann kommst du am Ende an, und die Kerze ist fertig.“ – Aykut Anhan in der Netflix-Doku. In einem Film wäre die Kerze am Ende zwar abgebrannt, aber eine neue wäre da. Oder sie würde plötzlich wieder brennen. Doch das tut sie nicht. Zumindest nicht in seinem Leben oder in dieser Doku. Haftbefehl schreibt bereits 2013 in seinem Song „Mann im Spiegel“:
„Ich guck’ dich an, doch wer ist dieser Mann, verdammt?
Verliere ich meinen Verstand?
Du bist doch ein Spiegel, doch wer ist dieser Mann?
Ich hab’ ihn nicht erkannt
Und so langsam krieg’ ich Angst.“

2013 hörten wir diese Strophen – aber haben wir damals wirklich verstanden, was sie bedeuten? Erst jetzt, beim Sehen der Doku, beginnt man nachzuspüren, wie tief sie gehen. Ganz TikTok analysiert nun seine Auftritte, Interviews, Jokes und Texte, aber warum erst jetzt? Vielleicht, weil wir sonst gewohnt sind, dass Songs, Filme oder Medien oft inszeniert sind und Gefühle eher inszenieren als zeigen.

Bild: Netflix / „Babo – Die Haftbefehl‑Story“ (2025), Regie: Sinan Sevinç & Juan Moreno, Produzent: Elyas M’Barek

Die Realität ist, dass man mit 13 Jahren einfacher an Kokain rankommt als an einen Therapieplatz. Dass Therapie für Aykut weiter entfernt ist als die Drogen – das ist die bittere Wahrheit. Und das hier ist nicht nur seine Realität, sondern die von vielen anderen. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Der Kokainkonsum in Deutschland steigt kontinuierlich. Während 2013 rund 19.700 Menschen wegen Kokainabhängigkeit behandelt wurden, lag die Zahl 2023 bereits bei etwa 65.000 (REITOX-Jahresbericht 2024, Barmer Suchtatlas). Dennoch beschäftigen wir uns nach wie vor viel zu selten mit den Ursachen dieses Anstiegs.

Die Doku zeigt Aykut auf der Bühne, aber auch hinter den Kulissen: im Hotelzimmer, wie er „high“ flucht, zu Hause, wo er den Familienurlaub absagt, seine Frau im Stich lässt, ins Krankenhaus eingeliefert wird und sehen, wie seine Kindheit, die Trauer, die Wut und seine Depression ihn zerfressen. Es fühlt sich fast schon zu intim an, dabei zuzuschauen – bis diese Kerze eben abgebrannt ist…

Hören wir die Lyrics „In meiner Welt ersetzt Koks Gold“ und „War mittlerweile überall, doch seit Jahren nicht bei mir“ und nehmen sie als etwas harmloses, das sicher nicht ernst gemeint ist, wahr? Oder gelten sie als verherrlichtes Statussymbol in der „coolen“ Rapszene?
Nach der Doku wird deutlich: Es geht um das Verarbeiten seines Inneren, seiner Gedanken. Kein Produzieren für den nächsten Hit, kein Image, kein Ghostwriter.

Ist das ein Happy End? Nein. Ein Abschiedsbrief? Auch nicht. Es bleibt offen, fesselnd, schockierend. Kein Film, der einfach endet. Haftbefehl, Aykut selbst – keine Fiktion. Wir wissen nicht, wie es ausgeht, nur dass er stark bleibt. Vielleicht ist es etwas, das offen bleibt und uns genau deshalb so mitnimmt. Fesselt. Berührt. Schockiert. Über die Risiken von Drogen, insbesondere von Kokain, wird mehr diskutiert. Das ist notwendig und überfällig. Es soll uns die Augen öffnen, uns dazu bringen, aufzuhören, alles zu romantisieren, und uns die harte Realität sehen lassen. Es ist das, wovor alle warnen, aber was selten offen gezeigt wird – etwas, das wir oft erst bemerken, wenn es zu spät ist.

2012 sagte er: „Chabos wissen, wer der Babo ist.“ Heute wissen wir es wirklich: Aykut Anhan ist mehr als ein Künstlername. Er ist der Mann, dessen Worte und Geschichte uns die Realität zeigen, die hinter dem Mythos steckt – echt, brutal und ein längst nötiger Weckruf.

Die Drogenhilfe in Köln beispielsweise unterstützt Menschen, die an ihrem Drogenkonsum etwas verändern möchten mit ihren Beratungsstellen.