Christian Bracht im Gespräch mit Ulf Israel

Christian Bracht: Lieber Ulf, als Filmproduzent und Geschäftsführer von Senator Film / Wild Bunch hast Du sicherlich einen einzigartigen Einblick in die Welt des Films. Welche Rolle spielt Deiner Meinung nach Kreativität in der heutigen Filmwirtschaft?

Ulf Israel: Die gleiche, die Blut im menschlichen Körper spielt: Sie hält alles am Laufen und ohne sie klappt man zusammen.

CB: Filme haben die einzigartige Fähigkeit, eine Vielzahl von Emotionen beim Publikum auszulösen. Welche Emotionen möchtest Du als Produzent hervorrufen und warum?

UI: Jeder und jedem beim Film geht es ja darum, Menschen zu berühren, zu bewegen oder auch nur zu unterhalten. Das kann sehr unterschiedliche Formen haben. Mal versucht man, sie in eine andere Welt zu entführen, mal ihnen ihre eigene zu spiegeln. Aber eigentlich geht es immer um die Relevanz für das hier und jetzt des Publikums. Ich möchte, dass sich Menschen in unseren Geschichten wiederfinden, abstrakt oder ganz direkt, sich mit den Figuren identifizieren, mit ihnen lieben und leiden. Sie sollen sich gesehen fühlen, vielleicht Trost finden oder Hoffnung schöpfen, vielleicht ein bisschen anders auf die Welt oder ihr eigenes Leben schauen können.

CB: Wie wichtig ist es Deiner Meinung nach, eine klare Vision für ein Filmprojekt zu haben, um persönliche und künstlerisch wertvolle Arbeiten zu liefern?

UI: Unabdingbar und essenziell, wobei sich diese Vision innerhalb der langen Zeit, die zwischen erster Idee und Final Cut vergeht, durch den intensiven Austausch und die enge Zusammenarbeit aller kreativ wesentlich Beteiligten natürlich entwickelt und formt. Aber eine klare Vorstellung, einen starken Instinkt und echte Überzeugung halte ich für die Grundvoraussetzung für ein in sich geschlossenes, konsequentes Werk.

"Jeder und jedem beim Film geht es ja darum, Menschen zu berühren, zu bewegen oder auch nur zu unterhalten."

CB: Du hast zweifellos mit vielen kreativen Köpfen zusammengearbeitet. Was sind einige Deiner Erfahrungen damit, wie eine starke Vision das kreative Team inspirieren und führen kann?

UI: Eine klare, nachvollziehbar motivierte und inspirierende künstlerische Vision stimuliert, motiviert und vereint alle Beteiligten. Schafft man es, die Mitstreitenden zu überzeugen, werden sie mit ihrem kreativen Input das Projekt im Sinne der Vision besser, reicher und origineller machen.

CB: Die Filmindustrie ist bekanntlich sehr wettbewerbsintensiv. Warum glaubst Du, dass es sich lohnt, seine eigenen Ideen und Visionen trotzdem zu verfolgen und umzusetzen?

UI: In idealistischer Hinsicht, weil es fast allen von uns nach wie vor um das Erzählen von Geschichten geht, die uns subjektiv etwas bedeuten, und für die wir uns auf einen langen Marsch auf einem nie geradlinig und selten eben verlaufenden Weg machen. An dessen Ende aber, im Falle des Gelingens, gerade im Vergleich zu anderen künstlerischen Ausdrucksformen wirklich viele Menschen erreicht werden können, Millionen. Spürt man dann, dass diese auf den Film reagieren, auf das, was mal Deine ursprüngliche Idee war oder von Dir wesentlich mit geprägt wurde, kann man als Filmschaffende oder Filmschaffender eine große Bereicherung und Befriedigung verspüren. Vielleicht sogar Glück. Gerade wenn ein Film oder eine Serie bei den Betrachtern echte Emotionen auslöst. In praktischer Hinsicht, weil es bei der heutigen Fülle des Angebotes schwer ist, herauszustechen und vom Publikum überhaupt wahrgenommen zu werden. Originalität, Konsequenz und Mut erscheinen mir wichtiger denn je.

CB: Inwiefern können Filme dazu beitragen, gesellschaftliche Diskussionen anzuregen oder sogar soziale Veränderungen zu bewirken?

UI: Ich glaube, sie können wirklich neue Debatten nur noch selten setzen. Das geschieht heute primär über Social Media und das Netz, wo alles viel schneller, direkter und unmittelbarer ist. Aber Filme oder Serien können Diskussionen nach wie vor wesentlich unterstützen und befeuern, manchmal sogar für kurze Zeit lenken und Thematiken verfestigen. Die große Kraft unseres Mediums ist weniger die Information als die Möglichkeit, dem Publikum Dinge emotional zugänglich, begreifbar und nachvollziehbar zu machen. Das kann sehr nachhaltig sein. Und es gibt noch eine weitere Macht, die Film und Fernsehen unzweifelhaft haben: Ähnlich wie die Musik kann unser Medium einzelnen Menschen große Popularität verschaffen, aus denen dann entsprechende öffentliche Aufmerksamkeit und Reichweite entsteht. Diese Menschen haben das Potential und die Möglichkeiten, entscheidende Beiträge zu leisten.

"Eine klare, nachvollziehbar motivierte und inspirierende künstlerische Vision stimuliert, motiviert und vereint alle Beteiligten."

CB: Welche Bedeutung misst Du der Vielfalt und Inklusion in der Filmbranche bei, und wie kann Kreativität dazu beitragen, verschiedene Perspektiven und Stimmen zu fördern?

UI: Unsere lang und hart erkämpfte gesellschaftliche Realität ist die einer großen individuellen Freiheit und bunten Vielfalt. Aversionen und Ablehnung dieser Vielfalt gegenüber entstehen viel zu oft durch völlig diffuse Berührungsangst, Unkenntnis und Fehlinformationen. Durch das Abbilden von Vielfalt in unseren Geschichten können, nein, müssen wir diesen Ressentiments entgegentreten und daran arbeiten, dass durch die Sympathie für Figuren, die das bewegte Bild erzeugen kann, Vorurteile abgebaut und Ausgrenzung entgegengewirkt wird. Insoweit ist das Abbilden von Vielfalt und Inklusion in unseren Filmen und Serien ebenso eine gesellschaftliche Aufgabe, wie es im Arbeitsalltag Selbstverständlichkeit sein sollte. Das sich in den letzten Jahren diesbezüglich geschärfte Bewusstsein, gerade auf Seiten der Auftraggeber, ermöglicht neue, erfrischende Perspektiven in unseren Erzählungen. Insoweit würde ich sagen, dass diese neueren Stimmen und Blickwinkel eher die Kreativität der Filmbranche fördern als andersrum.

CB: Von lokalen Produktionen bis hin zu internationalen Blockbustern? Können Filme eine globale Resonanz erzeugen, wenn sie auf lokalen Geschichten basieren?

UI: Ganz sicher. Das geschieht immer wieder, jedes Jahr. Was eine Geschichte für globale Resonanz benötigt, ist große Originalität, für die gerade eine klar nachvollziehbare kulturelle und lokale Verortung zuträglich sein kann, eine universelle Emotionalität und eine konsequente Umsetzung.

CB: Welche Herausforderungen siehst Du bei der Umsetzung von lokal inspirierten Filmen für ein internationales Publikum, und wie können diese überwunden werden?

UI: Um international zu reüssieren, muss ein Film erreichen, was ich in der vorangegangenen Frage beschrieben habe. Die gute Nachricht ist, dass die Schranken durch die großen Streamer deutlich geringer geworden sind, da das globale Publikum zusehends daran gewöhnt ist, Filme und Serien aus allen Erdteilen zu sehen. Untertitel erfahren eine deutlich höhere Akzeptanz, selbst in der anglo-amerikanischen Welt wird nun synchronisiert. Als ich vor zwei Jahren Freunde in London besuchte, schaute sich im Wohnzimmer deren Sohn gerade zufällig einen Film in englischer Synchronfassung an, den wir hier als deutsches Original für Netflix produziert hatten. Das war eine schöne und auch aussagekräftige Überraschung.

CB: Abschließend, was erwartest Du Dir persönlich von der kommenden Berlinale und im Allgemeinen von den Oscars im März?

UI: Von der Berlinale erwarte ich mir vor allem vielfältige, starke Zeichen und klare öffentliche Kante gegen die Feinde unserer Demokratie und unserer Freiheit. Sie gibt uns eine Bühne. Wir sollten sie nutzen. Rein filmisch habe ich selbst einen Film im Wettbewerb, insoweit sonst keine Erwartungen, sondern nur Hoffnungen. Von den Oscars erwarte ich mir eine unterhaltsame Show und hoffe sehr für Sandra Hüller und Das Lehrerzimmer.