Die erschöpfte Gesellschaft

Was Kreativkultur tut, wenn eine ganze Gesellschaft nicht mehr kann.

Anna Tsouhlarakis, SHE MUST BE A MATRIARCH, 2023 (detail). © Anna Tsouhlarakis. Image courtesy MCA Denver. Photography by Wes Magyar

82 Prozent der Deutschen empfinden das Veränderungstempo als zu hoch. Der persönliche Optimismus sinkt. Das Vertrauen in Politik und Wirtschaft erodiert. Das sind keine Meinungsumfrage-Randnotizen — das ist eine Gesellschaftsdiagnose. Und sie stellt auch der Kreativkultur eine Frage, der sie sich nicht entziehen kann.

Es gibt einen Moment in der Geschichte einer Gesellschaft, in dem Erschöpfung aufhört, ein individuelles Problem zu sein, und zur kollektiven Kondition wird. Dieser Moment ist jetzt. Die aktuelle Ipsos-Studie Global Trends zeichnet für Deutschland ein Bild, das sich nicht mehr wegdiskutieren lässt: Die Menschen fühlen sich überfordert — nicht von einzelnen Ereignissen, sondern vom Tempo selbst. Von der permanenten Zumutung, immer auf dem neuesten Stand zu sein.

Was dabei auffällt: Es geht nicht um Müdigkeit. Erschöpfung ist strukturell. Sie ist die logische Folge eines Systems, das Aufmerksamkeit als Rohstoff behandelt, Veränderung als Fortschritt verkauft und Komplexität als Zeichen von Fortschrittlichkeit feiert. In diesem System ist Erschöpfung kein Versagen. Sie ist das erwartbare Ergebnis.

Installation view of Whitney Biennial 2026 (Whitney Museum of American Art, March 8–August 2026). Photography by Darian DiCanno/BFA.com. © BFA 2026
Nour Mobarak, Recto Verso 1.1 (Coral Green), 2024-25. © Nour Mobarak. Image courtesy the artist and Miguel Abreu Gallery, New York. Photography by Stephen Faught
Installation view of Whitney Biennial 2026 (Whitney Museum of American Art, March 8–August 2026). Photography by Jason Lowrie/BFA.com. © BFA 2026
Spiegel, Gegenentwurf oder Symptom?

Die Frage ist, was Kreativkultur damit macht. Drei Antworten sind möglich — und alle drei existieren gerade gleichzeitig.

Erstens: die Kreativkultur als Spiegel. Die Whitney Biennial 2026, einer der wichtigsten Seismografen zeitgenössischer Kunst in New York, eröffnete in diesem Frühjahr mit einer weißen, überlebensgroßen Pferdeskulptur, beladen mit fragilen Konstruktionen aus Holz und Metall — ein Bild zwischen Monumentalität und Zerbrechlichkeit. Kuratorisch klarer geht es kaum: Die Biennale steht explizit unter dem Zeichen von Erschöpfung, politischer Spannung und historischer Überforderung. Kunst, die nicht illustriert, sondern benennt.

Zweitens: die Kreativkultur als Gegenentwurf. Hier wird es interessanter — und ehrlicher. In den vergangenen Jahren hat sich ein Typus von Arbeit etabliert, der nicht auf Beschleunigung reagiert, sondern ihr explizit widerspricht. Handwerk, das Zeit braucht. Musik, die nicht streamingoptimiert ist. Mode, die keine Saison kennt. Das ist kein Nostalgie-Reflex. Das ist eine Wette darauf, dass Langsamkeit Substanz produziert, die Schnelligkeit nicht kann.

Drittens — und das ist die unbequemste Diagnose — ist Kreativkultur selbst ein Symptom. Der Kunstmarkt, die Modeindustrie, die Content-Ökonomie: Sie alle haben an der Erschöpfungsmaschine mitgebaut. Plattformen, die Kreative zur permanenten Selbstoptimierung zwingen. Algorithmen, die Tiefe bestrafen und Aufmerksamkeit belohnen. Ein System, in dem Originalität nicht als Ressource, sondern als Verbrauchsmaterial behandelt wird.

Was Kreativität leisten kann — und was nicht

Hier liegt die eigentliche Herausforderung. Es wäre bequem, Kunst und Kreativkultur als Gegenmittel gegen gesellschaftliche Erschöpfung zu verkaufen. Als Raum, der regeneriert, Bedeutung stiftet und Orientierung gibt. Das stimmt — teilweise.

Aber Kreativität ist keine Therapie. Und Kreativkultur ist kein Safe Space, das außerhalb gesellschaftlicher Widersprüche existiert. Die überzeugendsten Arbeiten der Gegenwart sind nicht diejenigen, die Erschöpfung heilen wollen. Es sind diejenigen, die sie aushalten. Die ihr nicht ausweichen, sie nicht verwalten, sondern sie als Material nehmen.

Das bedeutet konkret: weniger Optimismus-Geste, mehr Diagnose-Bereitschaft. Weniger Empowerment-Ästhetik, mehr strukturelles Denken. Weniger Schönreden — mehr Benennen.

Denn am Ende ist das, was eine erschöpfte Gesellschaft am wenigsten braucht, Kreativkultur, die ihr sagt, dass alles gut wird. Was sie braucht, sind Arbeiten, Haltungen und Stimmen, die zeigen, dass jemand hingeschaut hat. Genau hingeschaut.