In dieser Essayreihe geht Sidney Gersina der Frage nach, ob Feminismus heute noch gebraucht wird – denn Gleichberechtigung gilt heute oft als selbstverständlich, ist jedoch nicht gesichert.
Märchen und all die Geschichten, mit denen wir aufgewachsen sind, haben geprägt, wie unser Glück auszusehen hat. In Filmen, Literatur und Musiktexten wird diese Vorstellung seit Generationen fortgeschrieben. Für Frauen liegt Erfüllung in der Romantik. Ein gelungenes Leben wird über Beziehung definiert.
Für uns ist diese Erzählung keine harmlose Fantasie. Sie ist eine soziale Erwartung. Wer in einer Beziehung ist, gilt als richtig. Wer allein ist, als unvollständig. Während Single-Männer als frei, unabhängig oder spannend gelesen werden, gelten Single-Frauen als bemitleidenswert, schwierig oder zu anspruchsvoll. Weibliche Ungebundenheit gilt nicht als Option, sondern als Defizit. Freiwilligkeit wird ihr kaum zugestanden.
Beziehung wird damit zu einem Instrument sozialer Bewertung. Gemeint ist dabei nicht jede Form von Partnerschaft, sondern das nach wie vor dominante Modell der heterosexuellen Paarbeziehung. Dieses entscheidet darüber, wie ernst eine Frau genommen wird, wie stabil ihr Leben erscheint und wie erfolgreich ihre Biografie gelesen wird. Nicht die Qualität der Verbindung zählt, sondern ihr bloßes Vorhandensein.
Der sichtbarste Ausdruck dieses Ideals ist die Hochzeit. Seit Generationen wird sie romantisiert und aufgeladen, bis hinter funkelnden Sehnsüchten verschwindet, wofür sie gedacht war. Historisch ging es beim Heiraten nicht um Liebe, sondern um Verfügung: um Kontrolle über Frauen, ihre Körper, ihre Arbeit und ihre Reproduktionsfähigkeit. Die romantische Erzählung machte dieses Konstrukt erträglich. Sie überdeckte, was die Institution leisten sollte: Ordnung herstellen, Verantwortung bündeln und weibliche Lebensentwürfe kontrollierbar halten.
Dass Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland erst 1997 strafbar wurde, markiert, wie lange diese Verfügung als selbstverständlich galt. Dieses Gefüge ist nicht verschwunden. Es hat nur seine Form gewechselt – von rechtlicher Kontrolle zu emotionaler Verantwortung.
Die feministische Bewegung hat das Recht auf Erwerbsarbeit, auf Einkommen und wirtschaftliche Selbstständigkeit erkämpft. Die logische Folge wäre gewesen, dass auch der private Bereich zwischen den Geschlechtern neu organisiert wird. Doch dieser Schritt blieb aus. Trotz aller Fortschritte ist diese häusliche Arbeit weitgehend weiblich geblieben. Gleichberechtigung wurde nach außen erweitert, nicht nach innen neu verteilt.
Ökonomische Entlastung für Haushalte, emotionale Überlastung für Frauen.
Wenn Frauen heute von ihrer Lohnarbeit nach Hause kommen, beginnt für viele ihre zweite Schicht. Sie besteht aus Hausarbeit, Organisation und emotionaler Arbeit. Bedürfnisse anderer werden priorisiert, Spannungen ausgeglichen, Abläufe koordiniert. Kurz gesagt: Care-Arbeit und emotionale Verantwortung. Eine Tätigkeit, die selten endet, kaum Pausen kennt und weitgehend unsichtbar bleibt.
Diese Arbeit gilt nicht als Leistung, sondern als Ausdruck von Liebe. Wer sie übernimmt, gilt als empathisch, verständnisvoll und beziehungsfähig. Wer sie verweigert, verliert Anerkennung. Die Zuständigkeit für Harmonie, Stabilität und Nähe wird stillschweigend gebunden – meist an Frauen. Sie werden zur emotionalen Infrastruktur von Beziehung. Spätestens mit Kindern wird die ungleiche Verteilung sichtbar. Es braucht vergleichsweise wenig, damit ein Mann als guter Vater gilt. Für Frauen aber wird Mutterschaft zur permanenten Bewährungsprobe. Schon geringste Abweichungen genügen, um als unzureichend zu gelten.
Die Folgen dieser Ordnung sind messbar. Verheiratete Männer profitieren im Durchschnitt von besserer Gesundheit, höherer Zufriedenheit und stabileren sozialen Strukturen. Für Frauen bedeutet Beziehung dagegen oft einen realen Verlust: weniger Zeit, geringeres Einkommen, eingeschränkte berufliche Entwicklung und erhöhte ökonomische Verwundbarkeit bis ins Alter. Dieses System ist nicht nur ungerecht. Es ist auf Dauer nicht tragfähig. Es produziert Burnout, Erschöpfung, Depressionen und chronische Krankheiten. Was als Liebe beginnt, endet für viele Frauen im körperlichen und emotionalen Zusammenbruch. Beziehung ist damit kein neutraler Ort. Sie ist ein emotionales Gefüge, in dem Arbeit und Verantwortung systematisch ungleich verteilt sind. Als Privatsache getarnt, blieb ihre politische Dimension lange verborgen. Es geht dabei nicht um individuelles Versagen, sondern um eine Ordnung, die Ungleichheit strukturell produziert – selbst dort, wo Menschen sich lieben.