In dieser Essayreihe geht Sidney Gersina der Frage nach, ob Feminismus heute noch gebraucht wird – denn Gleichberechtigung gilt heute oft als selbstverständlich, ist jedoch nicht gesichert.
Bei einem Spiel entscheiden nicht nur die Spieler und das Spielfeld über das Ergebnis, sondern vor allem die Regeln. Sie legen fest, wer unter welchen Bedingungen gewinnen kann. In Gesellschaften erfüllen Machtstrukturen genau diese Funktion. Meist erkennen wir Macht nur, wenn sie laut und sichtbar auftritt. Schwerer zu erkennen ist ihre leisere Form – jene Macht, die nicht befiehlt, sondern im Hintergrund festlegt, was als normal gilt. Die wirksamste Macht tarnt sich nicht als Kontrolle, sondern als Selbstverständlichkeit und Objektivität.
Objektivität schafft Vertrauen und ist deshalb so wirkungsvoll. Zahlen, Daten und Durchschnittswerte gelten als verlässlich. Doch die Modelle dahinter sind historisch gewachsen. Politik, Wirtschaft und Wissenssysteme messen nicht neutral, sondern danach, wer oder was als Referenz gilt. In vielen Bereichen sind diese Maßstäbe bis heute männlich geprägt. Neutralität ist oft nur eine Behauptung. Digitale Systeme übernehmen diese bestehenden Muster, Algorithmen spiegeln ihr Trainingsmaterial, und künstliche Intelligenz reproduziert vor allem Bekanntes und bestehende Machtverhältnisse. Technologie wirkt modern – ihre Grundlagen sind es oft nicht.
Besonders klar zeigt sich dieses Prinzip im Geldsystem. Frauen verdienen im Durchschnitt noch immer weniger als Männer, auch bei vergleichbarer Arbeit. Berufe, in denen überwiegend Frauen tätig sind, werden schlechter bezahlt und gesellschaftlich geringer bewertet. Der Markt erklärt das mit Leistung und Nachfrage. Tatsächlich zeigt sich darin eine Hierarchie der Werte. Diese Hierarchie setzt sich im Berufsalltag fort. Viele Frauen erleben dort verschobene Grenzen, unangebrachte Flirts und doppeldeutige Signale in eigentlich professionellen Situationen. Oft gilt unausgesprochen: Entgegenkommen fördert Karrieren, Widerstand bremst. Wer Grenzen setzt, riskiert Ausgrenzung. Bewegungen wie MeToo haben diese Muster sichtbar gemacht. Sie sind jedoch kein Einzelfall, sondern weiterhin branchenübergreifend Realität.
Auch in der Wirtschaftsordnung wird dies deutlich. Ausgerechnet jene Arbeiten, die die Gesellschaft tragen, bleiben oft unbezahlt und unsichtbar. Das ist kein Fehler, sondern Teil des systemischen Designs. Die Folgen sind Altersarmut, steigende Belastung und schlechterer Zugang zu finanziellen Mitteln, Sicherheit und Perspektiven, von denen Frauen überproportional betroffen sind. Gleichzeitig profitieren Staaten und Unternehmen davon, dass notwendige Carearbeit unbezahlt bleibt.
Gerade in Ausnahmezeiten werden diese Strukturen sogar verstärkt. Solche Phasen wirken wie Beschleuniger. Unsicherheit erhöht das Bedürfnis nach Ordnung und Kontrolle und stärkt autoritäre und antifeministische Strömungen. Auch unter jungen Menschen zeigt sich eine neue Spaltung: Viele junge Frauen positionieren sich progressiv und gleichstellungsorientiert, während ein wachsender Teil junger Männer sich stärker traditionsorientiert und deutlich rechts verortet. Ein Grund dafür ist, dass viele junge Frauen von neuen Chancen profitieren, während viele junge Männer wachsende Rollenunsicherheit erleben. In der Coronakrise wurde diese Entwicklung besonders deutlich. Carearbeit verlagerte sich wieder ins Private und wurde überwiegend von Frauen aufgefangen – fast durchweg ohne Bezahlung. Traditionelle Rollenbilder wurden erneut als naheliegende Lösung präsentiert. Gleichstellung wirkte plötzlich wie ein Luxus, den man sich in Krisenzeiten nicht leisten könne. So zeigt sich Backlash nicht als Ausnahme, sondern als wiederkehrende Bewegung.
Diese Rückkehr zum Konservativen zeigt sich nicht nur im Alltag und in Rollenbildern, sondern auch darin, welche Stimmen zählen. Über Jahre hinweg haben Opfer des Epstein-Falls konkrete Erfahrungen geschildert, Namen genannt und Situationen beschrieben. Zeuginnen haben diese Darstellungen bestätigt. Trotzdem verschiebt sich der Fokus auf Akten, Mails und Datenmaterial. Statt Stimmen stehen Dokumente im Mittelpunkt, viele davon geschwärzt oder nur teilweise zugänglich. Häufig bleiben Angaben zu Tätern geschützt, während betroffene Frauen sichtbar werden. Auch das zeigt ein geschlechtliches Machtgefälle. Nicht Menschen werden zur Hauptquelle der Wahrheit, sondern Schriftstücke. Wahrheit wird zur technischen Frage und nicht zur ethischen. Einfluss entscheidet darüber, was untersucht wird und wessen Aussagen Gewicht bekommen. Dokumente gelten als verlässlich, Aussagen als unsicher. Auch hier folgt Glaubwürdigkeit den bestehenden Machtverhältnissen.
In dieser Verschiebung gerät leicht aus dem Blick, worum es bei sexualisierter Gewalt tatsächlich geht. Vergewaltigung ist kein Sex, kein sexuelles Begehren, sondern eine Machthandlung. Sexualisierte Gewalt entsteht nicht aus fehlender Gelegenheit, sondern aus dem Anspruch auf Überordnung und Kontrolle über andere. Auch die mediale Sprache verschiebt die Wahrnehmung. Im Fall Epstein war oft von „Sexpartys“ die Rede. In den Aussagen der Betroffenen geht es jedoch nicht um freiwillige sexuelle Begegnungen, sondern im Gegenteil um Zwang und Übergriffe. Der Partybegriff verharmlost sexualisierte Gewalt und kehrt ihr Wesen sprachlich ins Gegenteil. Dahinter steht ein wiederkehrendes Machtmuster.
Diese leise Umdeutung wirkt nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Bewertung von Beweisen. Wird nur auf Dokumente geschaut, geht dieser Kern verloren. Gewalt wird in Verfahren oft wie ein neutraler Vorgang behandelt, obwohl sie immer bedeutet, dass ein Mensch einem anderen psychisch oder physisch seinen Willen aufzwingt. So schützt das Verfahren häufig die Struktur, nicht die Betroffenen. Wenn Täter handeln und andere schweigen, bleibt das System stabil. Wegsehen ist keine Neutralität, sondern Mitwirkung. Dokumente sind nüchtern und emotionslos. Sie lassen sich leichter ignorieren als ein Mensch, der erzählt, was ihm auf grausame Weise angetan wurde. Ohne die Stimmen der Betroffenen bleibt jedes Verfahren unvollständig.
Entscheidend sind die Überzeugungen und die daraus entstehenden Strukturen unserer Gesellschaft. Sie bestimmen, wessen Körper geschützt wird, wessen Arbeit zählt und wessen Stimme Gewicht bekommt. Diese Rahmenbedingungen betreffen nicht nur Frauen. Sie prägen auch Männer – ihre Rollenbilder, ihren Leistungsdruck, ihre Sehnsucht nach Nähe und die Art, wie sie Beziehungen leben können. Dauerhafte Ungleichheit belastet auch die nächsten Generationen. Veränderung ist deshalb kein Frauenthema, sondern eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe.