Freiräume sind der Rohstoff

37 Jahre nach dem Mauerfall: Wie Berlin zum Kreativlabor Europas wurde – und warum die Stadt heute Gefahr läuft, die Voraussetzungen ihres eigenen Erfolgs zu verlieren.

Es gibt eine Frage, die wir uns stellen müssen, wenn wir über Kreativität reden: Wo entsteht sie eigentlich? Nicht unbedingt dort, wo wir sie planen. Nicht in jeder Kreativwirtschaftsstrategie, nicht automatisch in einem Coworking-Space und auch nicht allein durch Förderprogramme, die Innovation versprechen. Manchmal entsteht sie dort, wo noch niemand entschieden hat, was entstehen soll. Wo Räume keinen festgelegten Zweck haben. Wo Menschen experimentieren können, ohne vorher erklären zu müssen, welches Ergebnis sie erzielen werden. Berlin war einmal der vielleicht eindrucksvollste Beweis dafür.

Photography by Sandra Seitamaa

Eine Stadt ohne fertigen Plan

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Was danach geschah, veränderte nicht nur die politische Landkarte Europas, sondern auch die kulturelle. Vor allem in Ostberlin entstanden Freiräume, wie sie eine europäische Metropole selten erlebt hatte. Leerstehende Fabriken, ungenutzte Keller, verfallene Gebäude. Eigentumsverhältnisse waren ungeklärt, wirtschaftliche Perspektiven unsicher, viele Räume vorübergehend kaum etwas wert. Zwischen dem Ende der alten Ordnung und der Etablierung neuer Strukturen entstand ein historisches Zeitfenster. Und Menschen nutzten es.

Im April 1990 fand die erste Tekknozid-Party statt, 1991 eröffnete der Tresor in den ehemaligen Tresorräumen des Wertheim-Kaufhauses. Das Kunsthaus Tacheles entstand aus der Besetzung eines Gebäudes, das eigentlich abgerissen werden sollte. In Mitte öffneten sich Galerien, Ateliers und improvisierte Ausstellungsräume. Was folgte, war keine geplante Kreativwirtschaft. Es war ein Experiment ohne Masterplan. Clubs, Künstler, Musiker, Designer, Galeristen und Verleger fanden Räume, in denen sie etwas ausprobieren konnten. Nicht jede Idee war gut. Nicht jedes Projekt überlebte. Aber niemand musste im Voraus belegen, dass daraus ein Geschäftsmodell entstehen würde.

Natürlich war diese Zeit nicht für alle ein Aufbruch. Für viele Ostberliner bedeutete die Transformation auch Arbeitsplatzverlust, Unsicherheit und den Zusammenbruch vertrauter Strukturen. Die kulturelle Freiheit der einen entstand in einer gesellschaftlichen Umbruchphase, die andere teuer bezahlten. Gerade deshalb sollte man diese Jahre nicht romantisieren. Aber man kann aus ihnen etwas lernen.

Der Erfolg und sein Preis

Berlin wurde zur internationalen Kulturmetropole. Die Clubs prägten die elektronische Musik, die Galerien machten die Stadt zu einem wichtigen Kunststandort, und Künstler und Kreative aus aller Welt kamen. Und mit ihnen kam das Kapital. Was zunächst billig und unattraktiv gewesen war, wurde begehrt. Immobilien wechselten die Eigentümer, Mieten stiegen, Zwischennutzungen endeten. Der Tresor musste 2005 seinen ursprünglichen Standort verlassen. Das Tacheles wurde 2012 geräumt; heute befindet sich im historischen Gebäude das Fotografiska, umgeben von einem neu entwickelten Quartier.

Die Kreativszene hatte Berlin attraktiv gemacht. Doch ihr Erfolg war nur ein Faktor in einer umfassenderen wirtschaftlichen Entwicklung, die zunehmend jene Räume verdrängte, auf denen ein Teil dieses Erfolgs beruhte. Das ist der Widerspruch vieler kreativer Metropolen: Sie leben von kultureller Eigenständigkeit und verwandeln sie zugleich in einen wirtschaftlichen Standortvorteil. Irgendwann wird das Ungewöhnliche zur Marke. Und die Marke wird teurer als das, aus dem sie entstanden ist.

Photography by Bekky Bekks
Photography by Danilo Parazzone

Was Berlin heute fehlt

37 Jahre nach dem Mauerfall ist Berlin noch immer eine bedeutende Kulturmetropole. Aber der Raum für Experimente wird knapper. Ateliers verschwinden, Clubs geraten unter wirtschaftlichen Druck, und unabhängige Kulturorte müssen um ihre Existenz kämpfen. Selbst das Berliner Arbeitsraumprogramm, das bezahlbare Produktionsräume sichern soll, steht unter finanziellem Druck. Dabei liegt das Problem nicht allein in den hohen Mieten. Es liegt auch in unserer Vorstellung davon, wie eine erfolgreiche Stadt funktionieren soll. Jeder Leerstand gilt als ungenutztes Potenzial. Jede Fläche soll aktiviert, jeder Standort optimiert, jede Nutzung wirtschaftlich begründet werden.

Doch nicht alles, was wertvoll ist, lässt sich im Voraus bewerten. Ein leerstehendes Gebäude kann eine schlechte Immobilieninvestition sein und zugleich der Ausgangspunkt einer neuen kulturellen Bewegung. Ein improvisierter Club kann wirtschaftlich unbedeutend beginnen und Jahre später die internationale Wahrnehmung einer Stadt verändern. Die Frage ist deshalb nicht, ob Berlin auf Stadtentwicklung und wirtschaftliche Nutzung verzichten sollte. Natürlich nicht. Die Frage ist, ob wir bereit sind, auch Räume zuzulassen, deren zukünftigen Wert wir noch nicht kennen.

Die Freiheit des Ungeplanten

Kreativität braucht nicht zwangsläufig kostenlose Räume. Sie braucht auch keine dauerhafte Unordnung. Und selbstverständlich können öffentliche Förderung, professionelle Infrastruktur und kluge Stadtplanung viel ermöglichen. Aber sie braucht etwas, das in einer durchorganisierten Gesellschaft zunehmend selten wird: Offenheit. Orte, an denen nicht jede Nutzung feststeht. Zeit, in der ein Experiment noch kein Ergebnis liefern muss. Menschen, die etwas beginnen dürfen, ohne bereits zu wissen, was daraus wird. Die eigentliche Ressource Berlins nach 1989 war deshalb nicht allein der Leerstand. Es war die Freiheit, ihn neu zu denken. Daraus entstand ein kultureller Reichtum, der die Stadt bis heute prägt.

Am 9. November erinnern wir uns zu Recht an den Fall der Mauer, an die Freiheit und an die Überwindung einer Diktatur. Vielleicht sollten wir auch darüber nachdenken, was diese neu gewonnene Freiheit kulturell ermöglichte. Und welche Verantwortung daraus für die Gegenwart entsteht. Denn eine Stadt, die jeden Quadratmeter optimiert, riskiert, genau jene Kreativität zu verlieren, die sie einst attraktiv gemacht hat. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Berlin noch einmal so werden kann wie 1989. Sondern ob wir heute überhaupt noch bereit wären, etwas Vergleichbares entstehen zu lassen. Oder ob wir es sofort verwalten würden.

Christian Bracht ist Herausgeber von SLEEK, Vorsitzender des Freundeskreises der UdK Berlin sowie Präsidiumsmitglied im German Design Council