Gabriele Stötzer wurde 1976 in der DDR verhaftet, weil sie eine Petition unterschrieben hatte, und wegen „Staatsverleumdung“ zu einem Jahr Haft verurteilt. Wer ihr heute begegnet, trifft auf eine Frau, die davon nicht verbittert ist: Sie lacht viel, erzählt mit Witz und freut sich über jede neue kreative Idee.
Seit mehr als fünfzig Jahren verhandelt Stötzer Fragen von Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Geschlecht. In ihrer Kunst ist der eigene Körper oft der Ausgangspunkt und wird zum Schauplatz von Widerstand und feministischer Selbstbehauptung. Ihr Werk lässt sich nicht von ihrem Leben trennen. Nach der Haft schloss sie sich dem literarisch-künstlerischen Untergrund an und gründete später die Künstlerinnengruppe Erfurt mit. Was sie seither geschaffen hat, ist ein radikaler Gegenentwurf zu staatlicher Repression und Normierung: Es unterwandert Grenzen und lässt Raum für Verletzlichkeit und Sehnsucht.
Jahrzehntelang blieb diese Arbeit am Rand der Wahrnehmung, nun rückt sie ins Zentrum. Der Gropius Bau zeigt mit Dabei sein und nicht schweigen die bislang größte institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin: rund 150 Arbeiten aus Malerei, Literatur, Fotografie, Textilkunst, Super-8-Film, Performance und Aktionen im öffentlichen Raum. Im Herbst 2026 wurde sie außerdem als erste ostdeutsche Künstlerin mit dem Goslarer Kaiserring ausgezeichnet.
Im Gespräch erzählt Gabriele, wie Kunst für sie zu einem Ort von Zeit und Freiheit wurde. Sie spricht über den Untergrund, die Haft und die Frauen, die ihr immer wieder Halt und einen Grund zum Lachen gaben. Als ich mir unser Gespräch später noch einmal anhörte, fiel mir auf, wie viel auch wir beide gelacht haben. Gabriele Stötzer ist eine beeindruckende Frau, die trotz allem, was sie erlebte, ihren Humor nie verloren hat.
HANNAH KLINGER Wie ist es, Arbeiten aus den 70ern und 80ern, teils unter Überwachung entstanden, jetzt nach so vielen Jahren in einem so repräsentativen Raum wie dem Gropius Bau zu sehen?
GABRIELE STÖTZER Es ist interessant, dass man meinen Kunstwerken die Jahre nicht ansieht, sondern dass sie in einer Art Reinheit, Einfachheit und Schlichtheit mit Leichtigkeit dastehen und man ihnen den Kunstwert abnimmt, abgesehen von der ganzen Verfolgung, die man über die Jahrzehnte erlitten hat. Kunst ist eine neue Schöpfung, die, egal wo sie entsteht, etwas Besonderes, Neues und Unwiederbringliches ist und die nur in diesem Moment sein kann. Und dieser Moment wurde durch meine Kunst festgehalten.
HK In deiner Kunst spielt der eigene Körper eine zentrale Rolle. Was bedeutet der Körper für dich als künstlerisches Medium und als politische Instanz?
GS Für mich ist er ein Medium, das ich benutze, um auszudrücken, was ich körperlich meine. Im Alter setzt man sich mit dem eigenen Körper auch noch einmal anders auseinander. Dir passiert, was allen passiert, und davon wird auch niemand verschont. Genauso muss ich, seit ich den Kaiserring bekommen habe und eine Ausstellung im Gropius Bau habe, lernen, damit umzugehen, bekannt zu sein. Manchmal ist man innerlich noch an einem anderen Punkt, während man die äußeren Erwartungen schon verkörpern und tragen muss. Als ich auf der Bühne stand und den Ring gewann, dachte ich mir: „Aha, das ist Gabi Stötzer, aber wer ist eigentlich Gabi Stötzer?“
Ich hatte ein halbes Jahr Zeit, mich auf die Preisübergabe vorzubereiten. Als ich von dem Preis erfuhr, habe ich anfangs eine innerliche und körperliche Veränderung durchlebt. Es fühlte sich so an, als würde man durch den Fleischwolf gedreht werden, doch als ich dann auf der Bühne stand, habe ich mich so gefreut, und es fühlte sich vollkommen normal an. Ich bin wie ein Rockstar auf die Bühne gegangen, war einfach nur froh und habe allen Leuten den Ring gezeigt. Diese Freude steckte auch das Publikum an. Das ist auch genau das, was Kunst will. Man möchte Schönheit und Glück bringen.
HK Wie war das Leben im literarisch-künstlerischen Untergrund?
GS Bei uns im Untergrund waren alle gescheiterte Existenzen, die versuchten, einen Raum für unsere Kunst zu schaffen, den es in der Außenwelt nicht gab. Wenn wir etwas veröffentlichen wollten, mussten wir es selbst schreiben und in die Zeitungen im Untergrund bringen. Wenn wir irgendwo lesen wollten, mussten wir den Raum besetzen und damit rechnen, dass die Stasi kommt. Es waren ganz viele machohafte Männer und sehr wenige Frauen Teil des Untergrunds. Die Männer haben uns abgesprochen, denken und schreiben zu können, sie sahen uns lediglich als „Matratze“ an. Sich mit den Männern einzulassen, durfte man nicht, sonst wurde man degradiert und auf ihr Bild einer Frau reduziert.
Andererseits brachte einem diese Spannung auch etwas. Die Einzige zu sein, die so denkt und frech und verrückt ist, bereitet irgendwo auch Freude, gerade wenn man noch jung ist. Ich habe immer versucht, die Männer zu erschrecken und zu empören, indem ich Texte über Themen, die nach Frauen stanken, extra in den Männerzeitschriften habe veröffentlichen lassen. Das machte mir wahnsinnigen Spaß. Damals war ich sehr naiv und wusste nicht, wie ernst dieses Spiel wirklich war. Man wollte mich ständig in die Psychiatrie oder ins Gefängnis bringen, da ich, weil ich mit Frauenkunst arbeite, psychopathisch sei. Das habe ich schriftlich. So war die Haltung zu mir als Frau damals.
Da wir im Untergrund sehr wenige Frauen waren und es viele Anfeindungen gab, mussten wir uns gegenseitig aufbauen. Freundschaften untereinander waren eine existenzielle Notwendigkeit und sind für mich eine wichtige Kategorie von Menschlichkeit, die ich leben will. Um nicht allein unterzugehen und um die Zerstörung von außen zu überleben, habe ich mir immer Freundinnen gesucht, mit denen man lachen kann.
HK Wie hast du es geschafft, dich politisch und künstlerisch durchzusetzen, obwohl der Überwachungsstaat damals herrschte?
GS Ich war mir der Überwachung nicht bewusst, weder wusste ich, dass Kolleginnen auf mich angesetzt waren. Diese Naivität hat mich auch geschützt, denn es bringt einen nicht weit, ständig in Angst und Zweifel zu leben.
HK 1976 wurdest du verhaftet, weil du Teil der Unterschriftenaktion gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns warst. Wie war die Zeit in Haft für dich, und wie hat sie sich auf dein Verständnis von Kunst ausgewirkt?
GS Ich war im härtesten Frauengefängnis der DDR. Es war total überfüllt, zehn Betten in einem Zimmer, das man mit dreißig anderen Frauen teilen musste. Der einzige Ort, an dem du wirklich mal allein warst, war die Toilette. Wir mussten alle arbeiten, denn die Gefangenen in der DDR haben dem Staat sehr viel Profit gebracht, weswegen auch so viele verhaftet wurden, damit der Nachschub für die Westknete immer da war. Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt immer noch die indoktrinierte Idee des Sozialismus. In Haft bemerkte ich jedoch, dass dieser Sozialismus nicht zu verändern ist, und habe dort dann all meinen Glauben verloren.
Meine Hoffnung habe ich jedoch wieder bei den vielen Frauen gefunden. Da gab es plötzlich lesbische Frauen, volltätowierte Bankräuberinnen und Mörderinnen. Mörder waren für mich immer Männer. „Lesbisch“, den Ausdruck gab es gar nicht in der DDR. Im Knast blühte das alles vor meinen Augen auf. Frauen, die sich liebten, die durch die Scheibe gingen, um die andere zu treffen. Ich sah auch, wie viele versuchten, sich das Leben zu nehmen. Ich war gefangen zwischen Liebe und Selbstzerstörung. In der Zeit habe ich sehr viel über das weibliche Selbst gelernt. Alles, was mir meine Mutter nicht erzählt hat, habe ich dort erfahren.
HK Bald nachdem du entlassen wurdest, hast du deinen Text Dabei sein und nicht schweigen veröffentlicht. Wie war es für dich, diesen Text zu schreiben?
GS Wenn du im Knast bist, entwickelt sich so eine innere Solidarität und energetische Verbindung mit allen. Mit den Frauen, die im Knast sind, aber auch mit allem, was die Frauen getan haben, um dort zu landen. Und du verstehst eigentlich alles, man kann es nachvollziehen. Das war die erste Schwierigkeit, als ich aus dem Knast kam: Ich wusste zu viel. Schon im Gefängnis habe ich begriffen, dass diese Zeit einzigartig ist, also habe ich sie aufgeschrieben, bevor die Verbindung ganz weg war.
HK Du wusstest also, dass diese Zeit vergehen würde?
GS Alles vergeht: die Erinnerungen, die Schmerzen, sogar die Übergabe des Rings. Auch diese einzigartigen Gefühle von Freude und Offenheit. Wenn man das weiß, ist es wie ein Geschenk, das man hatte. Ich habe es aufgeschrieben und gesagt: „Jetzt kannst du gehen.“ Damit hatte ich es vielleicht ein Stück weit verarbeitet, denn ich habe meiner Erfahrung eine Form gegeben.
HK 1984 warst du Mitbegründerin der Künstlerinnengruppe in Erfurt. Wie kam es dazu?
GS Man braucht immer Mitstreiterinnen. Es war der Gedanke der Gemeinschaft, der mich im Gefängnis hat überleben lassen. Du musst jemanden haben, den du liebst oder magst, mit dem du dich austauschst und mit dem du lachst. Das habe ich immer wieder aufgebaut.
HK Wie sah eure Arbeit aus?
GS Wenn jemand vorschlug, einen Film oder etwas ganz Neues zu machen, setzten wir es einfach um, ohne lange zu zögern. Keine konnte der anderen vorwerfen, zu kompliziert oder zu schwierig zu sein, denn wir brauchten einander alle als Mitgestalterinnen. Da fiel alles Kleinliche weg. Hinterher warst du so froh über das, was ihr geschaffen hattet, dass der Rest nicht mehr zählte. Das kann ich allen sagen: Haltet euch an die höhere Idee, nicht an die niederen Dinge. Das gibt dir mehr Kraft und Freude, und den anderen auch. Wenn du teilst, hast du mehr davon.
HK Du nutzt Malerei, Literatur, Fotografie, Textilkunst, Super-8-Film und Performance Art als Medien für deine Kunst. Wie kamst du dazu, dich in deiner Kunst so breit zu fächern?
GS Das mit der Textilkunst entstand, als wir in Erfurt in besetzten Häusern nach Bauhaus-Vorbild Werkstätten gemacht haben. Wir waren am Rand einer Diktatur auf der Suche nach unserer eigenen Meinung und Kunstform. Dafür hatte ich meinen Webstuhl. Mich interessierte das Weben, weil es eine alte Frauenkunst ist. Ich lernte zu spinnen, zu knüpfen und zu weben und machte Lumpenteppiche. Diese Teppiche habe ich dann auf Märkten in Thüringen verkauft. Als ich vor meinen Lumpenteppichen stand, war ich fasziniert davon, dass ohne Zeichnungen Figuren daraus entstanden. Meine ersten Figuren waren noch uneinig mit sich selbst und haben dadurch etwas Eklektizistisches und Schönes, sie erinnern an etwas, das nicht ganz perfekt ist. Sie haben sich aus einer perfekten Welt in unsere unperfekte gerettet. Als ob sie die Transaktion vom Irrelevanten ins Relevante oder vom Irrealen ins Reale nicht richtig geschafft hätten.
Rückblickend habe ich schon immer mit dem Material gearbeitet, das ich in dem Moment brauchte, um das auszudrücken, was ich meinte und fühlte. Wenn ich eine Idee habe, die mich erfreut, schiebe ich alles andere auf und nehme mir Zeit für meine Kunst. Denn Kunst braucht Zeit, das vergisst man manchmal in seinem Alltag.
HK Du beschäftigst dich in deiner Kunst viel mit der Bedeutung von Freiheit. Was bedeutet Freiheit für dich?
GS Freiheit ist immer das, was man selber kann. Manche Leute wollen glücklich sein, können es aber gar nicht sein. Oder sie denken, sie müssten gewisse Dinge erfüllen, um glücklich sein zu dürfen, dabei können sie es gar nicht erfüllen. Es ist eine innere Entscheidung, ob man frei ist oder nicht, ein existenzieller Anspruch, den ich als Erstes an mich selbst habe, unabhängig von anderen. Ich muss mir selbst die Freiheit geben und die Zeit nehmen, um das zu gestalten, was ich will. Man muss sich selbst verzeihen und annehmen, um mit sich im Reinen zu sein.
HK Warum hast du dich für die Kunst entschieden?
GS Ich war immer politisch aktiv und wurde deshalb schnell verhaftet. Ich dachte: Gehst du in die Kunst, bist du nicht so schnell dran. Ich brauche Zeit, und die Politik lässt dir keine. Dort geht alles hin und her, du musst dich ständig verteidigen, und am Ende beantwortest du nur noch die Vorwürfe der anderen. Also bin ich dahin gegangen, wo ich Zeit habe, und habe dort gefunden, was ich kann.
HK Was möchtest du weitergeben?
GS Mir ist wichtig, dass wir Frauen neugierig aufeinander sind und zueinander stehen. Für mich ist das Weibliche eine Vision kreativer Schöpferkraft, das Positive und Neue. Deshalb arbeite ich figurativ und viel mit Frauen. Aber es ist auch eine Frage der Energie, die über das Geschlecht hinausgeht. Es gibt immer Menschen, die neugierig sind, etwas wollen und aufbauen. Man muss sich nur fragen: Wohin gehe ich? Was will ich? Was öffnet mein Herz? Dem Zerstörerischen gegenüber bin ich machtlos, also gehe ich dorthin, wo ich etwas bewirken kann. Wer grundsätzlich schafft und Kunst macht, dessen Welt will ich leben.
HK Kannst du dadurch alles verarbeiten, was dir nahekommt?
GS In der Kunst kann ich viel verarbeiten, aber ihre Macht liegt darin, gesellschaftlich etwas zu bewirken. Deshalb hat es Sinn, bekannt zu werden: Dann hören die Leute zu.