Berlin ist die Stadt, die weiß, was es kostet, wenn Freiheit verschwindet. Am Sonntag entscheidet sie, wer sie regiert. Das ist kein kleiner Moment.
Es gibt keine Stadt in Deutschland, die das, worum es bei einer Wahl geht, in ihrem Stadtbild so deutlich sichtbar macht wie Berlin. Man muss nicht lange suchen: die Reste der Mauer an der Bernauer Straße, das Brandenburger Tor, das jahrzehntelang am Rand eines Niemandslands stand, die Gedenkstätten für die Menschen, die an der Mauer starben. Checkpoint Charlie ist heute umzingelt von Souvenirläden und Touristen und doch noch immer eine Erinnerung an eine Zeit, in der Menschen ihr Leben riskierten, um auf die andere Seite dieser Stadt zu gelangen.
Sie taten es für etwas, das heute selbstverständlich erscheint: selbst entscheiden zu können, wo und wie man lebt, was man sagt – und von wem man regiert wird. Demokratie ist in Berlin deshalb kein abstrakter Begriff. Sie ist Architektin, Geschichte und das, was diese Stadt von dem trennt, was sie einmal war.
Wer das weiß – und in Berlin weiß man es, wenn man aufmerksam durch die Stadt geht –, für den ist der Gang zur Wahlurne am Sonntag mehr als ein lästiges Bürgerpflicht-Ritual. Er ist eine bewusste, physische und persönliche Geste.
Berlin wählt am 20. September 2026 ein neues Abgeordnetenhaus. Rund 2,5 Millionen Menschen sind wahlberechtigt, doch nicht alle werden wählen. Bei der Wiederholungswahl 2023 lag die Wahlbeteiligung bei rund 63 Prozent, mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten blieb also zu Hause. Auch das ist ihr Recht. Demokratie bedeutet nicht, wählen zu müssen, sondern wählen zu dürfen. Wer dieses Recht nicht nutzt, trifft allerdings ebenfalls eine Entscheidung und überlässt anderen, wie die politischen Mehrheiten aussehen. Diese Mehrheiten sind diesmal besonders offen.
Die letzten Umfragen sehen Linke und CDU eng beieinander, dahinter folgen AfD, Grüne und SPD. Kleinere Parteien kämpfen um den Einzug ins Abgeordnetenhaus. Keine Partei wird Berlin allein regieren können. Gerade in einer solchen Wahl zählt die Beteiligung, nicht weil eine einzelne Stimme Berlin allein verändert, sondern weil aus einzelnen Stimmen Mehrheiten werden.
Wer regiert, ist nicht egal. Es geht um Wohnungen und Mieten, Schulen und Kitas, Verkehr und Infrastruktur, Sicherheit und Kultur. Es geht um die Frage, wie viel der Staat regeln soll und wie viel Freiheit er seinen Bürgern lässt, um Migration und Integration, wirtschaftliche Dynamik und um die sehr konkrete Frage, ob eine Verwaltung funktioniert, wenn man sie braucht.
Darüber kann man sehr unterschiedlicher Meinung sein. Man kann mehr oder weniger Staat wollen, höhere öffentliche Ausgaben für notwendig oder Haushaltsdisziplin für wichtiger halten. Man kann den Wohnungsmarkt stärker regulieren oder darauf setzen, dass mehr gebaut wird. Auch bei Migration, Verkehr, Sicherheit und Klimapolitik kann man zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Genau das ist Demokratie: nicht darin übereinzustimmen, was richtig ist, sondern darin, wie wir darüber entscheiden.
Berlin ist dafür ein besonderer Ort, nicht weil „Freiheit“ ein hübsches Wort für das Stadtmarketing wäre, sondern weil diese Stadt erlebt hat, was geschieht, wenn Freiheit verschwindet.
Menschen kletterten über Mauern, gruben Tunnel, schwammen durch die Spree und über die Ostsee. Sie versteckten sich in Autos, flogen mit selbstgebauten Ballons und riskierten ihr Leben an Grenzübergängen – nicht für eine abstrakte politische Theorie, sondern für die Möglichkeit, ihr eigenes Leben zu bestimmen. Für Reisefreiheit, Meinungsfreiheit und politische Freiheit, für das Recht, eine Regierung zu kritisieren und schließlich auch abwählen zu können.
Heute genügt dafür ein Kreuz, und vielleicht ist gerade diese Einfachheit das Problem: Was selbstverständlich geworden ist, verliert leicht seinen Wert.
Vor wenigen Tagen war der Internationale Tag der Demokratie. Die Vereinten Nationen stellten ihn in diesem Jahr unter das Motto, Stimmen hörbar zu machen und Menschen stärker an politischen Entscheidungen zu beteiligen. Was zunächst groß klingt, wird am Sonntag sehr konkret: ein Wahllokal, ein Tisch, ein Stimmzettel, ein Stift, ein paar Kreuze. Der Zettel wird gefaltet und in eine Urne eingeworfen.
Zunächst passiert nicht mehr. Und doch steckt in diesem unspektakulären Vorgang eine der radikalsten Ideen moderner Gesellschaften: Niemand entscheidet für dich – nicht der Staat, eine Partei, ein Unternehmen, ein Algorithmus, deine Freunde oder die Menschen, die auf Instagram oder TikTok am lautesten sind. Du entscheidest selbst.
Deshalb: Geh wählen. Nimm jemanden mit, der es sonst vielleicht nicht tun würde, schau dir an, wer kandidiert, und lies nicht nur die Plakate, sondern auch die Programme. Prüfe Behauptungen, widersprich und ändere deine Meinung, wenn die besseren Argumente auf der anderen Seite liegen. Dann triff eine Entscheidung.
Nicht weil es die perfekte Partei gibt oder Politik alle Probleme lösen wird, und auch nicht, weil deine einzelne Stimme am Montagmorgen plötzlich Berlin verändert hat, sondern weil Freiheit davon lebt, dass Menschen sie nutzen. Berlin hat lange genug erlebt, was es bedeutet, wenn andere entscheiden. Am Sonntag muss niemand für dich entscheiden.
Geh wählen. Nicht weil deine Stimme alles entscheidet, sondern weil niemand anderes sie für dich haben sollte.