Gerhard Richter in Paris: Eine Retrospektive des Sehens

Gerhard Richter Photo © Werner Bartsch. Courtesy the artist and David Zwirner. Instagram: @wernerbartsch

Paris, Oktober 2025 – In einer Zeit, in der sich Bilder binnen Sekunden millionenfach verbreiten, ist Gerhard Richter ein Künstler der Verlangsamung. Einer, der den Blick zurückfordert – auf Bilder, auf Geschichte, auf Wahrnehmung selbst. Die neue Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton zeigt nun auf spektakuläre Weise, wie vielschichtig, widerspenstig und radikal dieses Werk ist. Über 275 Werke aus sieben Jahrzehnten spannen sich in 34 Räumen. Die Retrospektive, kuratiert von Dieter Schwarz und Nicholas Serota, ist monumental – in Umfang, Anspruch und Wirkung.

Installation view of the exhibition Gerhard Richter, Galerie 10, Fondation Louis Vuitton, Paris, October 13, 2025. Works shown (left to right): Abstraktes Bild, 2017 (CR 950-4); Abstraktes Bild, 2017 (CR 950-3); Abstraktes Bild, 2017 (CR 952-1). © Gerhard Richter 2025 (18102025). Photograph: © Fondation Louis Vuitton / Marc Domage.
Installation view of the exhibition Gerhard Richter, Galerie 1 entrance, Fondation Louis Vuitton, Paris, October 12, 2025. Wall mural after an archive photograph: In the Cologne Studio, 2005 © Hubert Becker. In the background: Gerhard Richter, Hirsch, 1963 (CR 7). © Gerhard Richter 2025 (18102025). Photograph: © Fondation Louis Vuitton / Marc Domage.

Vom Unschärfeeffekt zur Farbbombe

Die Ausstellung folgt einem streng chronologischen Aufbau – und genau das funktioniert hier. Beginnend mit den frühen schwarz-weißen Fotoübertragungen (Tisch, 1962) über die berühmten Unschärfe-Porträts bis zu den monumentalen abstrakten Rakelbildern offenbart sich Richters Fähigkeit zur ständigen Selbstüberwindung. Er bricht mit Konventionen, aber nie aus dem Bild. Alles bleibt Bild.

Seine berühmten Arbeiten wie Onkel Rudi, Ema (Akt auf einer Treppe) oder das Zyklusprojekt 18. Oktober 1977 wirken heute nicht wie Kapitel einer Biografie, sondern wie Marker einer kulturellen Gedächtnisleistung. Was wir sehen, ist nie das, was wir zu sehen glauben – Richter führt uns das permanent vor Augen. Und doch bleibt er nie distanziert. Die Malerei – auch in ihrer Kälte – ist bei ihm immer auch eine menschliche Geste.

 

Gerhard Richter, Tisch, 1962 (CR 1). Oil on canvas, 90 × 113 cm. Private collection. © Gerhard Richter 2025 (18102025). Photograph: © Jennifer Bornstein.

Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild

Richter selbst hat oft betont, er habe „kein Programm, keinen Stil, keine Richtung“. Genau das wird in Paris spürbar. Diese Retrospektive ist kein linearer Erfolgsweg, sondern ein Flickenteppich aus Zweifeln, Verwerfungen, Neuerfindungen. Die Ausstellung macht das nicht nur sichtbar, sondern lässt es einen körperlich erleben. Besonders eindrucksvoll: der Raum mit den farbintensiven Rasterbildern (4900 Farben, 2007) – ein regelrechtes Aufgehen der Form in Fläche, Licht, Rhythmus.

Die Arbeiten stehen sich gegenüber, überlagern sich, widersprechen einander. Da ist das Zarte der Aquarelle neben dem Brutalen der RAF-Serie. Das Flüchtige der Tintenwolken neben dem Beharrlichen der Farbtafeln. Wer Richter sehen will, muss bereit sein, ihn nicht zu verstehen.

Installation view of the exhibition Gerhard Richter, Galerie 9, Fondation Louis Vuitton, Paris, October 13, 2025. Works shown: 4900 Farben, 2007 (CR 901); 6 stehende Scheiben, 2002–2011 (CR 879-5). © Gerhard Richter 2025 (18102025). Photograph: © Fondation Louis Vuitton / Marc Domage.
Installation view of the exhibition Gerhard Richter, Galerie 1, Fondation Louis Vuitton, Paris, October 12, 2025. Works shown: 4 Glasscheiben, 1967 (CR 160); Zehn große Farbtafeln, 1966–1971–1972 (CR 144). © Gerhard Richter 2025 (18102025). Photograph: © Fondation Louis Vuitton / Marc Domage.

Ein Monument – mit Schatten

Bei aller Opulenz bleibt die Frage: Ist diese Ausstellung zu viel des Guten? 34 Räume, fast drei Hektar Kunst – das fordert. Manche Besucher dürften auf halber Strecke aussteigen. Auch der Katalog (so die FAZ) sei „freudlos-verkopft“ – zu viel Theorie, zu wenig Vermittlung. Wer ohne Vorwissen kommt, könnte schnell abgehängt werden. Die Schau stellt hohe Ansprüche – aber das ist bei Richter vielleicht auch Teil des Deals.

Die Ausstellung wirkt wie eine Antwort auf ein Kunstsystem, das in Likes, Labels und Lifestyle denkt. Richter verweigert das alles. Und genau das macht ihn so zeitgemäß.

Warum diese Schau gerade jetzt wichtig ist

Was Gerhard Richter in Paris zeigt, ist keine kunsthistorische Feier eines Altmeisters. Es ist ein Kommentar zur Gegenwart. In einer Welt der Deepfakes und generierten Bilder bleibt sein Werk eine Schule des Sehens. Richter malt gegen das Eindeutige, gegen die schnelle Gewissheit. Er nimmt die Ambivalenz ernst. In Zeiten visueller Reizüberflutung ist das ein politisches Statement.

Für ein digitales Publikum – und besonders für Leser von SLEEK – liegt der Reiz dieser Schau auch im Metabild: Richter nutzt es, um das Bild zu befragen. Seine Auseinandersetzung mit Fotografie, Medienästhetik und der Rolle des Künstlers als Filter zwischen Welt und Wahrnehmung ist denn je relevanter.

Gerhard Richter: KI. Badende (Small Bather), 1994 Oil on canvas © Gerhard Richter 2025 (20102025) Courtesy the artist and David Zwirner.

Das Gegenstück zur Retrospektive
Parallel zur großen Schau in der Fondation Louis Vuitton zeigt David Zwirner in Paris eine konzentrierte Soloausstellung, die Richters Werk im kleineren Maßstab, aber mit großer Präzision beleuchtet. Zu sehen sind Fotobilder, abstrakte Gemälde, neue Zeichnungen sowie Glasinstallationen wie 3 Scheiben (2023) – Arbeiten, die sein fortwährendes Spiel mit Wahrnehmung, Spiegelung und Bildraum verdichten. Im Dialog mit der monumentalen Retrospektive entsteht so ein seltenes Doppelporträt des Künstlers: das analytische Studio-Richter direkt neben dem musealen Monument-Richter.

Fazit: Ein Pflichttermin – mit Anspruch
Diese Ausstellung ist kein Spektakel. Sie ist ein Erfahrungsraum. Wer Richter begegnet, trifft auf ein Werk, das sich entzieht – und gerade dadurch Tiefe gewinnt. Die Fondation Louis Vuitton liefert den Rahmen, den ein Künstler wie Gerhard Richter verdient: weit, offen, würdig. Und wer nach diesem Großformat noch tiefer einsteigen will, findet mit der Zwirner-Schau den idealen Gegenpol: eine präzis verdichtete Nahaufnahme desselben künstlerischen Kosmos.

Wer sich darauf einlässt, wird mit einem der bedeutendsten Kunsterlebnisse dieses Jahrzehnts belohnt. Wer es oberflächlich konsumieren will, geht lieber in eine andere Ausstellung.

Gerhard Richter – Retrospektive

Fondation Louis Vuitton, Paris

17. Oktober 2025 – 11. Februar 2026