Mailand, Fuorisalone 2026.
Im Chiostri di San Simpliciano, einem gotischen Kreuzgang aus dem 14. Jahrhundert, hat Gucci etwas Unerwartetes gewagt: keine Runway-Nostalgie, keine digitale Spektakelmaschine — sondern zwölf gewebte Wandteppiche. Ein Medium, das an mittelalterliche Schlösser, an Memorialkultur, an die Langsamkeit des Handwerks erinnert. Und genau darin liegt die Intelligenz dieses Projekts.
Demna, seit seiner Ernennung zum Creative Director mit dem Erbe des Hauses ringend, hat die Ausstellung Gucci Memoria nicht als Verbeugung, sondern als Befragung konzipiert. Die Tapisserie-Folge beginnt mit einem jungen Guccio Gucci im Portier-Outfit des Londoner Savoy — und endet mit Demna selbst, im Atelier, hinter ihm ein Gamer-Chair. Vergänglichkeit und Gegenwart, Mythos und Ironie in einem einzigen Bild. Das sitzt.
Was die Installation leistet, ist ästhetisch und konzeptuell zugleich: Sie überführt 105 Jahre Markengeschichte in ein Bildmedium, das per se Kontinuität verkörpert. Teppiche überdauern. Sie werden vererbt, restauriert, interpretiert. Gucci setzt damit ein selbstbewusstes Zeichen — wir sind nicht Trend, wir sind Archiv.
Der große Kreuzgang gehört einer dreidimensionalen Neuinterpretation des Flora-Motivs: eine begehbare Garteninstallation, die aus dem ikonischen Print von 1966 einen Raum macht. Das Original, von Vittorio Accornero in 37 Farben und ebenso vielen Druckgängen für Grace Kelly entworfen, hat hier seinen vielleicht konsequentesten Auftritt: nicht auf Seide, sondern als Umgebung. Als Gedächtnis, das man betritt.
Flankiert wird Gucci Memoria von einem Pre-Launch der neuen Flora-Accessories — Giglio und Jackie 1961 — in vier Mailänder Stores. Und von Gucci-Giardino-Getränkeautomaten im kleineren Kreuzgang, die Dosen mit Charakternamen wie Super Incazzata oder Mega Pesantone ausgeben. Demna liebt solche Reibungen. Sie funktionieren.
Gucci Memoria ist bis zum 26. April täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet.
Chiostri di San Simpliciano, Piazza Paolo VI 6, Mailand.