New York City Taxi Top, Werbung, 1998–2004. MAK Helmut Lang Archiv. Foto: MAK/Christian Mendez.
Mit «Séance de Travail» widmet das MAK dem österreichischen Designer Helmut Lang erstmals eine umfassende Überblicksschau und damit einen tiefen Einblick in ein Werk, das Mode, Kunst und Identität seit den späten 1980er Jahren maßgeblich geprägt hat. Statt eines klassischen Rückblicks entsteht ein vielschichtiger Raum, der Langs Arbeitsweise sichtbar macht. Eine Ästhetik, die Reduktion mit Gefühl vereint, und ein Denken, das kreative Felder nicht begrenzt, sondern miteinander verschränkt.
Die Präsentationen, die Lang selbst als Arbeitssitzungen bezeichnete, bilden den Ausgangspunkt der Ausstellung. Seine frühen Shows waren performativ, bewusst prozesshaft und von einer dokumentarischen Direktheit geprägt. Schon ab 1988 bewegten sich Models, Freundinnen und Freunde unterschiedlicher Altersgruppen durch rohe industrielle Räume in Paris und New York. Mode, Architektur, Klang und Publikum verschmolzen zu Situationen, die eher wie künstlerische Interventionen wirkten als klassische Modenschauen. In diesen Atmosphären entwickelte Lang eine Sprache, die bis heute als Gegenentwurf zur überinszenierten Ästhetik der Jahre davor verstanden wird.
Kuratorin Marlies Wirth greift dieses Denken auf und verwandelt das MAK Helmut Lang Archiv, das mehr als zehntausend Einträge umfasst, in einen offenen Erfahrungsraum. Polaroids, Prototypen, Fotografien, Werbematerialien, Architekturmodule oder Videodokumentation der Runway-Präsentationen erscheinen gleichwertig nebeneinander. Die Ausstellung folgt Langs egalitärer Haltung: Jedes Element, ob flüchtig oder monumental, trägt Bedeutung. Zum ersten Mal sind auch die vollständigen Séance de Travail Runway-Shows in lebensgroßen Projektionen mit Originalmusik zu sehen. Zudem werden die Displaycontainer aus den ehemaligen Flagship Stores von Lang maßstabsgetreu rekonstruiert und machen seine präzisen gestalterischen Prinzipien räumlich erfahrbar.
Die Schau zeigt einen Designer, der kompromisslos experimentierte und zugleich sensibel auf gesellschaftliche Strömungen reagierte. Rochenleder neben Samtstickereien, Pferdehaar neben PVC, Materialien, die nicht dem Showmoment dienen, sondern einer intensiven Beschäftigung mit Körper, Funktion und Identität. Lang entwickelte damit eine visuelle Formensprache, die einer neuen kreativen Generation ein anderes Verhältnis zu Stil und Selbstentwurf eröffnete und Menschen ansprach, die Mode zuvor skeptisch betrachteten.
Mit Marlies Wirth haben wir über diesen offenen Blick auf Material und Prozess gesprochen, über konzeptuelle Shownotes, urbane Interventionen und über die Frage, wie Identität entsteht, damals wie heute.
Helmut Lang Parfums Beihefter aus der Zeitung The New York Times, Text von Jenny Holzer (2001). MAK Helmut Lang Archiv. Courtesy of hl-art.
SLEEK Sie arbeiten seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Design, digitaler Kultur und kuratorischer Forschung. Wie hat sich Ihr persönlicher Zugang zu Helmut Langs Werk entwickelt?
Marlies Wirth Die Art, wie Helmut Lang als Künstler und auch als Person an Dinge herangeht, ist mir sehr nah. Die Künstlerinnen, mit denen er arbeitet, wie Jenny Holzer und Louise Bourgeois, sind Positionen mit starker feministischer, auch politischer Haltung. Dass er genau diese als Wegbegleiterinnen aussucht – es sind ja auch langjährige Freundschaften entstanden – hat mich von Anfang an sehr interessiert und berührt.
Die Faszination war auch dieser egalitäre Zugang: Unsichtbare Arbeit wird sichtbar und als aufbewahrenswert erachtet. Die Polaroids – einfach Gebrauchsfotografie – werden hier zusammen mit den Fotografien aus den “Backstage Series” von Juergen Teller gezeigt, weil sie die Aussage treffen, dass das Menschliche im Vordergrund steht, das Unfertige, Unperfekte. Helmut Lang hat seine Präsentationen bewusst als Séance de Travail bezeichnet, als Arbeitssitzung, als Work in Progress, um den fortlaufenden Prozess der Veränderung, Anpassung und Verfeinerung zum Ausdruck zu bringen.
S Die Ausstellung ist als Mixed-Media-Präsentation angelegt und überschreitet bewusst klassische Modeausstellungen. Was war Ihnen dabei wichtig?
MW Wichtig war mir, dass es ein Erfahrungsraum wird. Die Überlegung, wie man eine Ausstellung von Helmut Lang gestaltet, wurde relativ schnell beantwortet: Mit seinem eigenen Konzept von “Display”. Für seine Flagship-Stores arbeitete Lang mit dem Architekten Richard Gluckman zusammen. Die schwarzen modularen “Container” eignen sich perfekt, um in Vitrinen übersetzt zu werden. Sie lenken Blick und Aufmerksamkeit durch bewusstes Verbergen und Enthüllen. Wir haben eine Halle mit Glasdach, die eine ganz ähnliche Atmosphäre erzeugt wie bei Langs Séance de Travail. Es geht nicht um historische Rekonstruktion, sondern um die Vermittlung einer Idee, die der Raum darstellt, damit die Gestaltungsstrategien Helmut Langs räumlich erlebbar werden.
S Das Helmut-Lang-Archiv im MAK umfasst mehr als 10.000 Datensätze. Nach welchen Kriterien haben Sie die Auswahl für diese Ausstellung getroffen?
MW Nach den thematischen Schwerpunkten des Ausstellungskonzepts. Mit gezieltem Suchen nach Architekturprojekten, künstlerischen Kollaborationen und Materialien, die den Arbeitsprozess hinter den Kulissen zeigen. Zum Kapitel “Backstage” haben wir umfassende Serien von Polaroids, darunter vollständige Run-of-Show-Polaroids, teils mit mehreren Notizen – so wird die Arbeit an der Lookabfolge nachvollziehbar. Dieser Backstage-Gedanke wurde zum konzeptuellen Leitgedanken: Ich möchte den Besucherinnen ein ähnliches Erlebnis vermitteln wie ich es hatte: die Freude des Entdeckens und wenn sich viele einzelne kleine Momente zu einem großen Ganzen verbinden. Deshalb gibt es nicht nur finale Versionen zu sehen, sondern auch den Prozess ihrer Entwicklung.
In Showabläufen und einem Showbudget wird auch die Arbeit im Hintergrund sichtbar, zum Beispiel wie viel Dressers verdient haben. Damit gibt es einzigartige Behind-the-Scenes-Einblicke in die Modeindustrie der 90er und 2000er Jahre.
„Helmutlang Backstage“ Schablone, Helmut Lang Collection Hommes Femmes Séance de Travail # Été 94 (1993), Helmut Lang Collection Hommes Femmes Séance de Travail # Hiver 94/95 (1994). MAK Helmut Lang Archiv. Courtesy of hl-art.
S Welche Rolle spielt Langs Philosophie „alles ist gleich wichtig“ bei der Auswahl?
MW Das war ein Leitgedanke, weil es das Motiv des gesamten Archivs ist. Jeder Proof ist ebenso viel wert wie das gedruckte Cover, Architekturfotografien und Lookbooks dokumentieren, was längst nicht mehr existiert. Bei den Kleidungsstücken lag der Fokus auf Material und Textur: Rochenleder, Pferdehaar, PVC-Tops, bestickter Samt. Die haptische Qualität von Stoffen und ihre kulturelle Bedeutung ist bei Lang ebenso relevant wie Referenzen zu Utility- und Workwear, also Kleidung als adaptive Oberfläche.
S Welche Stücke oder Dokumente gibt es, die Sie unbedingt zeigen wollten, weil sie etwas Wesentliches über Langs kreativen Prozess verraten?
MW Die frühen “Shownotes” der 1980er Jahre sind sehr speziell – da noch keine Lookbooks produziert wurden, beschreiben sie die Atmosphäre und Intention der Kollektion mit Worten: Die rebellische Frau, die zur Arbeit geht, aber trotzdem sanft sein kann – eine typische Geschlechterrollendebatte der damaligen Zeit. Die Beschreibung vermittelt uns ein Bild im Kopf, ohne dass ein konkretes Bild da ist. Die konzeptuelle, textbasierte Kampagne zum Parfum 2001 greift das konzeptuelle Denken wieder auf: Jenny Holzers Text “I SMELL YOU ON MY SKIN” vermittelt den Akt des Riechens und die emotionale Ebene davon, und nicht das Parfum als Produkt.
S Wie vermittelt die Ausstellung diese Innovationskraft, ohne dabei in Nostalgie zu verfallen?
MW Helmut Lang hat mit Mut zum Experiment vieles ausprobiert, was noch nicht im Mainstream angekommen war. Nicht weil er unbedingt der Erste sein wollte – und diese Relevanz kann man teils auch erst retrospektiv bewerten – sondern weil es ihn interessiert hat. Dazu gehören die Werbungen auf den Taxi-Tops in New York ebenso wie das Video einer Runway-Show auf seiner Website zu präsentieren oder im National Geographic ein Inserat zu schalten.
Die Vorverlegung der Runway-Präsentationen in New York vor die europäische Fashion Week entstand aus Pragmatismus: Warum erst im November zeigen, wenn man im September bereit ist? Andere Designer*innen zogen sofort mit, und der Schedule ist bis heute so geblieben.
S Welche Rolle spielt die politische und kulturelle Atmosphäre der 1990er und frühen 2000er Jahre für das Verständnis seines Œuvres heute?
MW Der Wechsel von Wien nach New York, eine schnelle, urbane Kultur, eine Dichte an Informationen, Bildern und unterschiedlichen Menschen sowie einer ins Berufsleben strebenden neuen Generation von Kreativen und Intellektuellen ist die Umgebung, in der Lang ab den 1990er Jahren arbeitet. Das ist ein großer Kontrast zu seiner Kindheit am Land in Österreich und auch zum eher traditionellen, europäischen Paris. Die Übersättigung mit Glamour-Fashion-Bildern war bei vielen Designern angekommen. Bei Helmut Lang ist die Idee, Identität anders aufzufassen: Anstatt Kleidungsstücke als Produkte in den Kampagnen zu zeigen, sich Gedanken zu machen über soziale und politische Gefüge. Die Auswahl von kulturellen Referenzen und Botschaften, wie von Jenny Holzer oder Robert Mapplethorpe ist gezielt und das sendet codierte Signale.
S Helmut Lang sagt über das Archiv: „Die Vergangenheit ist nie einfacher als die Gegenwart; die Gegenwart ist immer die Möglichkeit.“ Was bedeutet dieses Zitat für Sie als Kuratorin?
MW Was zum Ausdruck kommt, ist, dass man das JETZT bedenken muss und die Konsequenzen, die etwas künftig haben kann. “Stay in the present” als Aufruf, etwas nicht nur so zu machen oder zu akzeptieren, weil es immer schon so war. Sondern: Wie kann ich einen Perspektivenwechsel hervorbringen? Das wollen wir auch mit dieser Ausstellung.
S Was hoffen Sie, dass Besucher:innen aus der Ausstellung mitnehmen?
MW Die Überlegung, dass Identität nicht konstruiert werden muss, sondern ein fortlaufender Prozess ist. Helmut Lang hat mit emotionaler Nuancierung und kultureller Sensitivität gearbeitet – nicht provokant der Provokation wegen, sondern um die Wahrnehmung herauszufordern. Sein Zitat: „Find the courage to find your own voice.” bezieht sich nicht nur auf kreatives Schaffen, sondern auch auf unseren Alltag: Man kann dasselbe Outfit anhaben wie jemand anderes, wird aber nicht zu dieser Person. Es geht um Empowerment der eigenen Persönlichkeit, Authentitzät und Haltung – in der Gestaltung und im Leben.
Ausstellung „Helmut Lang: Séance de Travail 1986–2005″ ist vom 10. Dezember 2025 bis 3. Mai 2026 im MAK Wien zu sehen.
Helmut Lang, Videostill, Helmut Lang Collection Hommes Femmes Séance de Travail Défilé # Hiver 94/95 (1994). Abgebildete Person: Kirsten Owen. MAK Helmut Lang Archiv. Courtesy of hl-art.