Adak Pirmorady
Adak Pirmorady wurde als Kind iranischer Migrant:innen in Berlin geboren. Nach einem Medizinstudium, ihrer Promotion sowie einem Zweitstudium der Kulturwissenschaften widmet sie sich heute intensiv ihrer eigenen künstlerischen Entfaltung. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Portraitmalerei, der Entwicklung eines zeitgenössischen Körperbildes und abstrakter Kunst.
Neben ihrer künstlerischen Praxis ist Dr. med. M.A. Adak Pirmorady Ambulanzleitung am Campus Benjamin Franklin (CBF), Psychoanalytikerin und Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Zudem ist sie Vorstandsvorsitzende der Europäischen Künstlergilde für Medizin und Kultur. In ihrer Arbeit verbindet sie medizinisches, kulturelles und politisches Denken — mit besonderem Fokus auf Iran, Gesundheit und gesellschaftliche Verantwortung. Mit Sleek spricht sie über die Politisierung von Gesundheit im Iran, kreative Überlebensstrategien unter Repression und die Rolle von Medizin als stiller Raum von Würde, Widerstand und Selbstbestimmung.
Christian Bracht Gesundheit ist immer auch politisch. Wie zeigt sich das im iranischen Gesundheitssystem besonders deutlich?
Adak Pirmorady Gesundheit hat im Iran einen sehr besonderen Stellenwert. Die Geschichte der Medizin ist untrennbar mit der persischen Kultur verbunden. Bereits im Zoroastrismus war Medizin eng mit Ethik sowie einem ganzheitlichen Körper-Geist-Verständnis verknüpft. Figuren wie Avicenna sind tief in der kulturellen Identität Irans verwoben.
Selbst die heutige islamische Republik mit all ihren Repressionen kann dieses tief ritualisierte Denken einer ganzheitlichen Medizin den Menschen nicht nehmen. Gleichzeitig ist der aktuelle Zugang zu medizinischer Versorgung und zu Medikamenten stark von Machtstrukturen, Sanktionen und staatlicher Kontrolle abhängig. Besonders marginalisierte Gruppen haben keinen gleichberechtigten Zugang zur Versorgung.
46 Jahre Diktatur machen nicht nur das System, sondern auch die Menschen mürbe. Wenn wir die ursprüngliche Seele der Medizin bewahren wollen, muss sich strukturell etwas ändern.
CB Kreativität entsteht oft dort, wo Systeme versagen. Wo erlebst Du im medizinischen oder gesellschaftlichen Alltag im Iran improvisierte Innovation?
AP Kreativität entsteht im Iran sehr häufig aus Notwendigkeit. Ärzt:innen, Familien und Gemeinschaften entwickeln informelle Lösungen, um Engpässe zu überbrücken, fehlende Ressourcen zu ersetzen und medizinische Versorgung trotz systemischen Versagens aufrechtzuerhalten.
Doch Kreativität hat noch eine weitere, existenziellere Bedeutung: Sie sichert das Überleben. Innerhalb eines totalitären Systems schafft Kreativität Räume, in denen Trauer, Wut und Ohnmacht überhaupt erlebbar werden dürfen. Wie viele Hinrichtungen hält eine Gesellschaft aus? In fast jeder Familie gibt es politisch ermordete Menschen.
Die Zurückgebliebenen, die Liebenden, brauchen Strategien, um weiterzumachen. Kreative Räume ermöglichen ein Weiterleben trotz Ohnmacht, trotz Wut und trotz der Unmöglichkeit, sich Gehör zu verschaffen.
CB Frauen sind im Iran massivem Stress und Gewalt ausgesetzt. Welche langfristigen gesundheitlichen Folgen werden aus Deiner Sicht unterschätzt?
AP Der permanente Druck aus Repression, Gewalt und Kontrolle führt zu chronischem Stress mit langfristigen psychosomatischen Folgen. Depressionen, Angststörungen und körperliche Erkrankungen sind weit verbreitet, werden jedoch häufig entpolitisiert und individualisiert.
Psychotherapie in einer Diktatur ist kaum möglich. Zentrale Wirkfaktoren therapeutischer Prozesse können sich nur in einem angstfreien Raum entfalten — und genau dieser fehlt. Was bleibt, sind Beruhigungsmittel oder Medikamente zur Schlafinduktion. Diese fördern Abhängigkeiten und führen langfristig zu keiner nachhaltigen Verbesserung der psychischen Gesundheit.
CB Welche Rolle spielen Ärztinnen und Ärzte im Iran jenseits der Medizin – als Vertrauenspersonen, als stille Widerständler?
AP Ärztinnen und Ärzte übernehmen im Iran häufig Rollen weit über die Medizin hinaus. Sie sind Vertrauenspersonen, stille Dokumentierende von Gewalt und bieten Schutzräume im Alltag. Damit üben sie oft eine leise, aber bedeutsame Form von Widerstand aus.
Gleichzeitig ist jede Patientin und jeder Patient von einer ständigen Angst begleitet: Ist die behandelnde Person vertrauenswürdig? Wenn nicht, kann das im iranischen System Gefängnis, Folter oder sogar Hinrichtung bedeuten. Dieses Spannungsfeld prägt jede medizinische Begegnung.
CB Wenn Du an die Zukunft denkst: Was müsste sich strukturell ändern, damit Gesundheit, Würde und Selbstbestimmung real möglich werden?
AP Notwendig wäre eine grundlegende Entpolitisierung der Gesundheitsversorgung, die rechtliche Gleichstellung von Frauen sowie ein freier Zugang zu medizinischem Wissen. Ebenso zentral ist Prävention: Kinder müssen früh die Bedeutung von Gesundheit, körperlicher Selbstbestimmung und Gleichberechtigung lernen.
Erst wenn diese Grundlagen gegeben sind, können Gesundheit, Würde und Selbstbestimmung tatsächlich möglich werden.