Photography by BELLA LIEBERBERG
Anahita Sadighi zählt zu den prägenden Stimmen der Berliner Kunstszene. Als Galeristin und Kuratorin schafft sie Räume, in denen Geschichte, Gegenwart und gesellschaftlicher Diskurs miteinander in Beziehung treten. 1988 in Teheran geboren und in Berlin aufgewachsen, verbindet sie in ihrer Praxis antike Objekte mit zeitgenössischer Kunst und eröffnet Dialoge über Kultur, Identität und Zeit.
Heute führt die Anahita Sadighi Gallery in Berlin-Charlottenburg internationale Positionen, antike Werke und ein interdisziplinäres Programm zusammen. Ihre iranische Herkunft ist dabei kein Hintergrund, sondern Haltung: eine Perspektive, aus der sie dominante Narrative hinterfragt und unterrepräsentierte Stimmen sichtbar macht. Projekte wie Soft Power, die persische Amphoren mit der Bewegung Woman, Life, Freedom verknüpfen, zeigen Kunst als politisches Gedächtnis und als Raum für Verantwortung.
Dieses Gespräch kreist um Identität, Sichtbarkeit und die Frage, welche Rolle Kunst in gesellschaftlichen Umbrüchen spielen kann.
Christian BrachtAls Galeristin bewegst Du Dich zwischen Kunst, Markt und Haltung. Welche Rolle kann zeitgenössische Kunst aus dem Iran heute international spielen – jenseits politischer Zuschreibungen?
Anahita SadighiZeitgenössische Kunst aus dem Iran kann international vor allem eines leisten: Sie erweitert unseren Blick auf zeitgenössische Kunst – ästhetisch, konzeptuell und kulturell. Jenseits politischer Zuschreibungen steht sie in einer jahrtausendealten Tradition, in der Kunst, Literatur, Musik und Philosophie nie Randerscheinungen waren, sondern zentrale gesellschaftliche Kräfte.
Viele iranische Künstler:innen arbeiten aus einer tiefen kulturellen Kontinuität heraus. Ihre Praxis ist geprägt von einer ausgeprägten Sensibilität für Material, Sprache, Symbolik und Metapher – nicht als folkloristisches Erbe, sondern als lebendige, zeitgenössische Übersetzung.
Gerade unter Bedingungen von Druck, Zensur und struktureller Einschränkung haben sich im Iran komplexe, indirekte und poetische Bildsprachen herausgebildet. Diese Arbeiten entziehen sich eindimensionalen politischen Lesarten; sie sind vielschichtig, reflektiert und formal hochentwickelt.
Im Iran selbst existiert eine sehr aktive, progressive Kunstszene. In den vergangenen Jahren habe ich intensiv mit Künstler:innen vor Ort gearbeitet. Ihre Positionen vermitteln eine besondere Form von Nähe und Nuance: Sie erzählen nicht aus der Distanz oder im Rückblick, sondern aus den inneren gesellschaftlichen Erfahrungen heraus – geprägt von Widersprüchen, Humor, Zärtlichkeit und Schärfe zugleich. Diese Stimmen verdienen international deutlich mehr Aufmerksamkeit.
Problematisch wird es dort, wo der westliche Kunstmarkt iranische Kunst auf bestimmte Narrative reduziert – auf Protest, Leid oder das Bild der passiven, unterdrückten Frau. Solche Zuschreibungen reproduzieren häufig einen orientalistischen Blick und stabilisieren bestehende Machtverhältnisse, anstatt sie zu hinterfragen.
Die Realität, wie sie sich auch in den aktuellen Bewegungen zeigt, erzählt eine andere Geschichte: von selbstbestimmten, mutigen und hochpolitischen Akteurinnen, die weit von diesen vereinfachenden Darstellungen entfernt sind.
Internationale Relevanz entsteht für mich dort, wo iranische Kunst nicht erklärt oder legitimiert werden muss, sondern als gleichwertiger Teil globaler Gegenwartskunst gelesen wird – nicht als Symbol, sondern als eigenständige, starke Position. Genau darin liegt ihr Potenzial: unsere Wahrnehmung zu verschieben, komplexere Bilder zuzulassen und Kunst als Raum für Ambivalenz, Tiefe und Resonanz zu begreifen.
CBSLEEK steht für Kreativität, die Innovation antreibt. Wo siehst Du bei iranischen Künstlern neue ästhetische oder konzeptuelle Ansätze, die aus Druck und Einschränkung hervorgehen?
AS Innovative ästhetische und konzeptuelle Ansätze iranischer Künstler:innen entstehen häufig nicht trotz, sondern im bewussten Umgang mit Einschränkung, allerdings nicht im Sinne einer heroisierten Leidensgeschichte, sondern als Ausdruck großer intellektueller und formaler Präzision.
Unter Bedingungen von Zensur, Kontrolle und gesellschaftlichem Druck haben sich im Iran über Jahrzehnte künstlerische Strategien entwickelt, die mit Andeutung, Verschiebung und Mehrdeutigkeit arbeiten. Metapher, Symbol, Abwesenheit und das Ungesagte spielen dabei eine zentrale Rolle. Diese indirekten Bild- und Sprachformen sind hochentwickelte künstlerische Verfahren. Sie verlangen Aufmerksamkeit, Lesekompetenz und ein aktives Mitdenken und genau darin liegt ihre Innovationskraft.
Besonders spannend ist, wie selbstverständlich viele iranische Künstler:innen disziplinübergreifend arbeiten. Die Grenzen zwischen Bildender Kunst, Literatur, Film, Musik oder Performance lösen sich zunehmend auf. Das hat auch mit der kulturellen Geschichte Irans zu tun, in der Poesie, Rhythmus, Ornament und Erzählung stets eng miteinander verbunden waren. Diese Tradition der Verdichtung und Codierung findet heute neue, zeitgenössische Ausdrucksformen.
Gleichzeitig beobachte ich bei vielen jüngeren Positionen eine große konzeptuelle Klarheit und einen bewussten Widerstand gegen Vereinfachung. Statt plakative Aussagen zu formulieren, insistieren diese Arbeiten auf Komplexität. Sie verweigern eindeutige Lesarten und entziehen sich schnellen Zuschreibungen, auch jenen des westlichen Kunstmarktes.
Besonders wichtig ist mir dabei der Blick auf Künstler:innen, die im Iran selbst arbeiten. Ihre Praxis ist oft radikal gegenwartsbezogen: nah am Alltag, an Körpern, Beziehungen und sozialen Mikrostrukturen. Innovation zeigt sich hier weniger als spektakulärer formaler Bruch, sondern als feine Verschiebung von Perspektiven – als neue Sensibilität für das, was sichtbar gemacht werden kann, ohne vereinnahmt zu werden.
In diesem Sinne ist Kreativität im iranischen Kontext nicht nur ein ästhetischer Motor, sondern auch eine Form geistiger Beweglichkeit. Sie zeigt, dass Innovation nicht zwangsläufig aus äußerer Freiheit entsteht, sondern aus der Fähigkeit, innerhalb von Grenzen neue Räume des Denkens, Fühlens und Wahrnehmens zu eröffnen. Genau diese Fähigkeit macht viele iranische künstlerische Positionen international so relevant.
CB Viele iranische Künstler arbeiten im Exil oder im Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Gefahr. Wie gehst Du als Galeristin mit dieser Verantwortung um?
AS Verantwortung beginnt für mich mit Zuhören. Nicht jede Form von Sichtbarkeit ist hilfreich, nicht jede Einladung bedeutet Schutz. Gerade für Künstler:innen, die im Iran selbst leben, kann jede Form von Öffentlichkeit reale Konsequenzen haben. Als Galeristin sehe ich meine Aufgabe deshalb nicht darin, Sichtbarkeit um jeden Preis zu erzeugen, sondern Räume zu schaffen, die informiert, respektvoll und verantwortungsvoll sind.
In der Praxis bedeutet das, Entscheidungen konsequent gemeinsam mit den Künstler:innen zu treffen: Welche Arbeiten können gezeigt werden? In welchem Kontext? Mit welcher Sprache und für welches Publikum? Diese Form der Zurückhaltung verstehe ich nicht als Einschränkung, sondern als integralen Bestandteil einer ethischen kuratorischen Praxis.
Gleichzeitig positioniere ich mich bewusst gegen eine Form von Voyeurismus, die im internationalen Kunstbetrieb leider existiert. Das Spannungsfeld zwischen Gefahr und Sichtbarkeit darf nicht zum ästhetischen Effekt werden.Künstler:innen dürfen nicht zu Beweisstücken politischer Zustände gemacht werden. Sie sind eigenständige Subjekte mit komplexen Biografien, Haltungen und künstlerischen Strategien. Diese Würde zu wahren, ist für mich zentral.
Im Exil stellen sich andere Fragen. Distanz kann neue Perspektiven eröffnen, bringt aber auch neue Projektionen mit sich. Gerade hier ist es wichtig, nicht nur jene Narrative zu reproduzieren, die international besonders gut lesbar sind, sondern auch Ambivalenzen, Brüche und Widersprüche sichtbar zu lassen. Ich sehe meine Rolle darin, diese Vielschichtigkeit zu schützen – auch gegenüber Marktmechanismen, die nach klaren, emotional eindeutigen Geschichten verlangen.
Verantwortung bedeutet für mich letztlich, langfristig zu denken: Beziehungen aufzubauen statt Einzelmomente zu verwerten, Vertrauen zu entwickeln, statt bloß Aufmerksamkeit zu erzeugen. Strukturen zu schaffen, in denen Künstler:innen selbst bestimmen können, wie sie gesehen werden wollen. In diesem Sinne ist kuratorische Arbeit immer auch Care-Arbeit.
CBDer westliche Kunstmarkt sucht oft nach klaren Narrativen. Wie vermeidet man es, iranische Kunst auf Leid, Protest oder Herkunft zu reduzieren?
AS Der erste Schritt besteht darin, sich der eigenen Erwartungshaltungen bewusst zu werden. Der westliche Kunstmarkt operiert häufig mit vereinfachenden Narrativen, weil sie schnell lesbar, emotional wirksam und ökonomisch verwertbar sind. Im Fall iranischer Kunst führt das nicht selten zu einer Reduktion auf Leid, Protest oder Herkunft – als würde das Werk primär über seinen politischen Kontext funktionieren.
Dieser Logik lässt sich nur durch bewusste kuratorische Entscheidungen begegnen. Indem Werke nicht als Illustration politischer Zustände präsentiert werden, sondern als eigenständige ästhetische und konzeptuelle Positionen. Das bedeutet, über Form, Material, Referenzen und innere Logik zu sprechen – nicht ausschließlich über Biografie oder Herkunft. Herkunft ist ein Kontext, aber sie darf nicht zur Klammer werden, die alles erklärt.
Problematisch ist zudem ein orientalisierender Blick, der bestimmte Bilder immer wieder bestätigt: die passive, leidende Frau, die stumme Gesellschaft, das scheinbar monolithische „Andere“. Solche Darstellungen mögen international anschlussfähig sein, reproduzieren jedoch bestehende Machtverhältnisse und blenden die tatsächliche Vielfalt iranischer Lebensrealitäten aus. Die aktuellen Bewegungen zeigen hingegen selbstbestimmte, mutige und hochreflektierte Akteur:innen – Bilder, die diesen Klischees fundamental widersprechen.
Als Galeristin versuche ich, genau hier gegenzusteuern. Dazu gehört auch, Positionen sichtbar zu machen, die im Iran selbst entstehen und oft eine andere Form von Nähe, Komplexität und Gegenwartsbezug vermitteln als das, was im internationalen Diskurs dominiert. Diese Arbeiten entziehen sich einfachen Lesarten – und genau darin liegt ihre Stärke.
Letztlich geht es um Verantwortung im Umgang mit Sichtbarkeit. Und darum, Raum zu lassen für das, was Kunst im besten Fall leisten kann: nicht zu vereinfachen, sondern Komplexität sichtbar zu machen.
CBWenn Du auf die nächste Generation iranischer Künstler blickst: Was macht Dir Hoffnung – und was braucht es, damit aus Kreativität langfristig Freiheit und Zukunft entstehen können?
AS Was mir Hoffnung macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der viele junge iranische Künstler:innen heute arbeiten. Diese Generation denkt nicht mehr in binären Kategorien von Tradition und Moderne, Ost und West, sondern bewegt sich selbstverständlich zwischen diesen Räumen – zwischen Tradition und Gegenwart, Intimität und Öffentlichkeit, persönlicher Erfahrung und kollektiver Erinnerung.
Besonders berührend finde ich die Haltung vieler junger Künstler:innen im Iran selbst. Ihre Arbeit ist geprägt von großer Wachheit und Nähe zum Alltag: zu sozialen Beziehungen, Körpern, Gesten und Mikroerfahrungen. Sie verweigern einfache Antworten und insistieren auf Komplexität und genau darin liegt für mich ihre Reife und Zukunftsfähigkeit.
Damit aus Kreativität langfristig Freiheit entstehen kann, braucht es jedoch mehr als individuelles Talent. Es braucht Schutzräume, Netzwerke und nachhaltige Strukturen. Internationale Institutionen, Galerien und Sammler:innen tragen hier eine Verantwortung: nicht nur Sichtbarkeit zu ermöglichen, sondern Kontinuität. Freiheit entsteht dort, wo Menschen langfristig arbeiten, denken und auch scheitern dürfen, ohne permanent instrumentalisiert zu werden.
Ich glaube fest daran, dass Kreativität eine Form von Widerstand ist, aber ebenso eine Form von Fürsorge. Wenn Kunst Räume öffnet, in denen Menschen sich gesehen fühlen, in Beziehung treten und neue Vorstellungen von Zusammenleben entwickeln können, entsteht daraus etwas sehr Konkretes: Hoffnung. Nicht als abstraktes Versprechen, sondern als gelebte Praxis. Und genau darin liegt für mich das größte Potenzial der nächsten Generation iranischer Künstler:innen – sie denken Freiheit nicht als Zustand, sondern als Prozess, der gemeinsam gestaltet wird.
Hier geht es zu Anahitas Website.