Iran: Creativity Under Pressure with Hossein Rezvani

Hossein Rezvani

Hossein Rezvani ist Designer, Unternehmer und Brückenbauer zwischen Kulturen. Aufgewachsen in Deutschland, verwurzelt im persischen Teppichhandwerk, hat er seine Karriere von der Ökonomie auf die kreative Seite des Lebens gelenkt. Mit seinem Unternehmen verbindet er jahrhundertealte Handwerkstradition mit zeitgenössischem Design und bringt so den Perserteppich in die Moderne. In einem Gespräch mit Christian Bracht für SLEEK erzählt Hossein von seinen Erfahrungen, seinen Inspirationsquellen und der Verantwortung, die Design und Kultur heute tragen.

Christian Bracht Du hast die Ökonomie hinter dir gelassen, um dich dem persischen Teppichhandwerk zu widmen. Was hat dich zu diesem radikalen Schritt bewogen – und was hast du dabei über Wert gelernt?

Hossein Rezvani Meine Familie war schon immer in der Teppichbranche tätig, was mich ironischerweise dazu brachte, sie meiden zu wollen. Selbst mein Vater studierte Volkswirtschaft, bevor er schließlich wieder ins Familienunternehmen zurückkehrte – ein Ausstieg war also nie wirklich eine Option. Nach meinem BWL-Studium arbeitete ich etwa sechs Monate im Finanzwesen, merkte aber schnell, dass mir das zu trocken war. Von neun bis fünf am Schreibtisch zu sitzen und auf Zahlen zu starren, war einfach nicht mein Ding.

In meiner Jugend reiste ich, wenn möglich, oft mit meinem Vater in die Ursprungsländer, um Teppiche auszusuchen und Knüpfer zu besuchen. Dieses Leben – das Reisen, die Begegnungen mit Menschen, das Erleben anderer Kulturen – war das genaue Gegenteil vom Büroalltag. Etwas zu erschaffen, das Wert hat und nachhaltig ist, gibt einem eine ganz andere Sichtweise aufs Leben. Danach ist es schwer, wieder hinter einem Schreibtisch Platz zu nehmen.

CB Der persische Teppich steht für jahrhundertealte Tradition. Wie gelingt es dir, dieses kulturelle Erbe zu bewahren und gleichzeitig zeitgenössisch weiterzuentwickeln?

HR Genau hier liegt die Herausforderung. Wir reden über ein Produkt, das im Herzen eines jeden Persers verankert ist. Wichtig ist, dass auch bei einer Neuinterpretation die Wurzeln und der Ursprung des Designs erkennbar bleiben. Ich liebe antike Teppiche – sie sind meine Inspirationsquelle Nummer eins.

Wenn man sich den Großteil meiner Designs anschaut, erkennt man sofort klassische Ornamente als Grundlage, während ich durch Reduzierung von Farben und Mustern versuche, eine neue Design-DNA zu schaffen. Die Teppiche sollen modern aussehen, sind aber auf den zweiten Blick klar als Perserteppiche identifizierbar. Mein Wunsch ist es, etwas zu schaffen, das bleibt – ein Teppich, der emotional berührt und vielleicht zum Klassiker von morgen wird.

CB SLEEK steht für Kreativität, die Innovation antreibt. Wo liegt für dich Innovation im Handwerk – im Design, im Prozess oder im gesellschaftlichen Kontext?

HR Kreativität und Innovation gehen Hand in Hand. Ohne Kreativität keine Innovation – und umgekehrt. Unsere Gesellschaft erlebt eine Beschleunigung des Alltags, und das gilt auch für die Designwelt. Der Druck, immer neue Designs zu kreieren, kann ermüdend sein, fördert aber auch Kreativität.

Als Designer muss man sich ständig neu erfinden. Stillstand ist kontraproduktiv. Wer nicht innovativ arbeitet, bleibt auf der Strecke. Gleichzeitig muss es eine Balance geben: Man kann das Rad nicht neu erfinden, aber man kann versuchen, zeitlose, bedeutsame Produkte zu schaffen. Veränderung ist unvermeidlich, aber gewisse Grundpfeiler sollten immer erhalten bleiben – sei es im Design oder im gesellschaftlichen Leben. Ein persisches Sprichwort bringt es gut auf den Punkt: „Auf Rat hören, ist die Wurzel des Wohlstandes.“

CB Deine Arbeit verbindet Iran und Deutschland. Wie beeinflusst diese doppelte Perspektive deine Haltung zu Kultur, Markt und Verantwortung?

HR Es ist die perfekte Kombination. In Deutschland ist alles ruhig, zurückhaltend und zurückgenommen – sehr grau. Im Iran und Nahen Osten ist es genau umgekehrt: laut, energiegeladen, farbenfroh und ausdrucksstark.

Für Teppiche funktioniert dieser Kontrast wunderbar. Die Disziplin und der Minimalismus Europas, vereint mit dem Reichtum und der Emotionalität der persischen Kultur, schaffen in meinen Designs ein natürliches Gleichgewicht. Es geht darum, Kulturen zu verbinden, Brücken zu bauen und neue Märkte zu erschließen – eine Aufgabe, die nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich wichtig ist.

CB Wenn du an den Iran denkst: Welche Rolle können Handwerk, Design und kulturelle Produktion künftig spielen, um wirtschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven zu öffnen?

HR Der Iran blickt auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück und verfügt über eine der ältesten und einflussreichsten Kunsttraditionen der Welt. Gleichzeitig hat das Land enormes intellektuelles und technologisches Potenzial, das durch junge, gut ausgebildete Menschen angetrieben wird, oft aber durch politische Strukturen und internationale Isolation gebremst wird.

Als Designer sehe ich es als unsere Aufgabe, als Botschafter der Kultur zu agieren. Wir tragen Neuinterpretationen in die Welt und eröffnen neue Sichtweisen auf Vorurteile oder Ideologien. Für mich ist der Perserteppich dieses Medium: ein kulturelles und künstlerisches Traditionsobjekt, das Türen öffnet und Menschen miteinander verbindet. Gibt es etwas Schöneres, als Kulturen über Produkte zusammenzubringen? Ich denke nicht.