Iran: Creativity Under Pressure with Leyla Piedayesh

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Leyla Piedayesh, Modedesignerin und Gründerin des Labels Lala Berlin, ist eng mit dem Iran verbunden – nicht nur familiär, sondern auch emotional und kulturell. Als Tochter iranischer Eltern verfolgt sie die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des Landes aus der Distanz, jedoch mit großer innerer Nähe. Im Gespräch mit SLEEK-Herausgeber Christian Bracht spricht sie über die aktuelle Situation im Iran, über Mode als Ausdruck von Widerstand und Selbstbehauptung sowie über die kreative Energie einer jungen Generation, die trotz massiver Einschränkungen nach Freiheit strebt.

Christian Bracht Du beobachtest die Entwicklungen im Iran aus der Distanz, aber mit persönlicher Verbundenheit. Wie nimmst du die aktuelle Situation wahr – und was berührt dich dabei am meisten?

Leyla Piedayesh Es sind gemischte Gefühle: tiefe Trauer und Angst. Die Geschichte meiner Eltern holt mich immer wieder ein – sie steigt hoch wie ein dichter Nebel und verdunkelt den Blick. Diese Vergangenheit ist nie wirklich vorbei, sie lebt im Körper, in der Erinnerung, im Herzen weiter.

Gleichzeitig versuche ich bewusst, sie zumindest für einen Moment beiseitezuschieben, um auf das zu schauen, was jetzt passiert. Ich sehe eine neue Generation junger Menschen, die es satt hat, unterdrückt zu sein. Sie wollen nichts anderes als Freiheit: die Möglichkeit, ihre Potenziale zu entfalten, ihr eigenes Leben zu leben und selbst zu entscheiden, wer sie sein wollen.

Was mich am meisten berührt – und fast überwältigt – ist ihr Mut. Ein Mut, der aus tiefem Unmut über ein aufgezwungenes Leben entsteht. Ein Mut, der sie fernab von jeder Sicherheit auf die Straße treibt, mit dem klaren Bewusstsein, dass es ihr letzter Tag sein könnte. Wenn ich mir das wirklich vorstelle, weiß ich nicht, ob ich selbst diese Stärke hätte – oder ob ich mich aus Angst lieber verstecken würde.

Und dann ist da auch Stolz. Ein tiefer, körperlicher Stolz. Der Stolz, verbunden zu sein mit einem Volk unzerstörbarer Geister, voller Kreativität, Würde und Liebe. Zu wissen: Ich gehöre dazu. Ich bin eine von ihnen.

In solchen Momenten blüht mein Herz auf, meine Brust schwillt vor Emotion. Ein Teil von mir will dort sein, auf den Straßen Irans, in der ersten Reihe, bereit, mit dem eigenen Leben für eine Zukunft in Freiheit zu kämpfen – nicht nur für mich, sondern für alle anderen. Für das Gute. Für die Hoffnung.

CB Kreativität war im Iran immer auch ein Mittel des Ausdrucks unter Druck. Welche Rolle können Mode, Stil und äußere Erscheinung heute noch als Form von Selbstbehauptung spielen?

LP Nach der Women, Life, Freedom-Bewegung fällt sofort das unglaubliche Stilbewusstsein der jungen Menschen auf, besonders der Frauen. Sie haben sich vieler auferlegter „Pflichten“ entledigt, sind bewusster und selbstbestimmter geworden und zeigen durch ihre Kleidung eine Selbstsicherheit, die uns hier im Westen oft überrascht.

Wenn ich den Look in Teheran sehe – modern, innovativ, manchmal kühn, immer cool – bleibt mir fast der Atem stehen. Die Gen Z nutzt jede Möglichkeit, Mode und persönlichen Stil als Werkzeug des Widerstands einzusetzen. Sie sagen damit: „Ich existiere. Ich entscheide über mich. Ich lasse mich nicht verbiegen.“

In einem Umfeld, das Kontrolle fordert und Anpassung erzwingt, wird Kreativität zu einem sichtbaren Akt der Selbstbehauptung. Mode und Stil werden zu Zeichen von Identität, Mut und Freiheit – leise oder laut, aber immer unübersehbar.

CB SLEEK steht für Kreativität, die Innovation antreibt. Wo siehst du im Iran – trotz aller Einschränkungen – kreative Energie, die nach Veränderung strebt?

LP Überall dort, wo Menschen neue Wege finden, ihre Ideen auszudrücken: in Mode, Kunst, Musik, Design oder auf digitalen Plattformen. Junge Designer:innen experimentieren mit Tradition und Moderne, verschlüsseln Botschaften in ihren Arbeiten und verbinden Handwerk mit zeitgenössischen Formen.

Diese kreative Energie ist da – sie bleibt jedoch oft unsichtbar für die Welt, weil sie sich hinter Vorsicht, Andeutungen und Tarnung verbergen muss.

CB Der Iran verfügt über eine reiche textile Tradition und enormes handwerkliches Wissen. Welche Chancen bleiben ungenutzt, solange Freiheit und wirtschaftliche Öffnung fehlen?

LP Wenn ich an die Handwerkskunst im Iran denke, stockt mir der Atem. Alles ist durchdrungen von Präzision, Geduld und Liebe zum Detail. Hände verwandeln Stoffe, Holz, Metall und sogar Essen in kleine Meisterwerke. Teppiche, Stickereien, Schmuck oder Keramik – jedes Stück erzählt von Kreativität, Können und jahrhundertealter Tradition.

Doch so großartig diese Fähigkeiten sind, so begrenzt bleiben ihre Möglichkeiten ohne wirtschaftliche Freiheit und offene Märkte. Weltweit wird ein enormes Potenzial übersehen: Kooperationen, Innovationen und die Chance, Kultur und Tradition in neue, zeitgenössische Kontexte zu übersetzen, bleiben ungenutzt.

Solange junge Kreative nicht die Freiheit haben, ihr Talent zu entfalten, bleibt ein Schatz verborgen, der die Welt bereichern könnte.

CB Wenn du an junge Frauen im Iran denkst, die zwischen Anpassung, Mut und Risiko leben müssen: Was wünschst du ihnen – und was kann die internationale Kreativszene konkret tun?

LP Ich wünsche ihnen vor allem, dass ihre Stimmen gehört werden. Dass sie nicht leise bleiben müssen, um zu überleben, sondern laut sein dürfen – sichtbar, präsent, unübersehbar. Freiheit entsteht nicht im Verborgenen, sondern durch Aufmerksamkeit, Öffentlichkeit und kollektives Hinsehen.

Die internationale Kreativszene trägt hier eine große Verantwortung. Es geht darum, diese Stimmen zu verstärken, ihre Arbeiten zu zeigen und ihre Geschichten weiterzutragen. Plattformen zu öffnen und Räume zu schaffen, in denen sie sichtbar sind – nicht als Opfer, sondern als Gestalterinnen: als kreative, mutige Frauen mit Haltung.

Je lauter ihre Stimmen im Außen werden, desto größer wird der Druck – und desto schwieriger wird es, sie zu ignorieren oder zum Schweigen zu bringen. Sichtbarkeit ist Macht. Aufmerksamkeit ist Schutz.

Genau hier kann internationale Solidarität ansetzen: durch Kollaborationen, Ausstellungen, Medienpräsenz und neue, auch unkonventionelle Wege, um ihre Kreativität und ihren Mut über Grenzen hinweg sichtbar zu machen.