Iran: Creativity Under Pressure with Namito

Namito

Namito ist DJ, Produzent und eine der prägendsten Stimmen elektronischer Musik mit iranischen Wurzeln. Seit Jahrzehnten bewegt er sich zwischen Clubkultur, politischer Haltung und musikalischer Innovation. Für ihn ist elektronische Musik nie bloß Soundtrack, sondern Ausdruck von Selbstbestimmung, Widerstand und Solidarität – besonders mit jenen Künstler:innen im Iran, die unter dem repressiven Regime der Islamischen Republik leben und arbeiten. Im Gespräch mit SLEEK spricht Namito über Musik als Akt des Ungehorsams, kreative Netzwerke im Untergrund und seine Hoffnung auf einen freien Iran.

Christian BrachtMusik war im Iran immer mehr als Unterhaltung. Welche Rolle spielt elektronische Musik für Dich als Raum von Freiheit, Identität und Widerstand?

Namito Elektronische Musik ist in der iranischen Bevölkerung extrem beliebt. Es gibt unglaublich viele Künstler:innen, die sich – trotz der brutalen Unterdrückung durch das Mullah-Regime – nicht davon abhalten lassen, sich durch Musik auszudrücken. Diese Menschen haben meinen größten Respekt. Sie sind oft massiver Gewalt ausgesetzt, nur weil sie ein normales, selbstbestimmtes Leben führen wollen. Und trotzdem machen sie weiter. Elektronische Musik ist für sie – und auch für mich – ein Raum von Freiheit, Identität und Widerstand.

CBClubs, Raves und Communitys sind Orte von Selbstbestimmung. Was bedeutet es für Dich, dass diese Räume im Iran unterdrückt werden – und gleichzeitig digital weiterleben?

N Selbstbestimmung ist ein Fremdwort in der Islamischen Republik. Das Regime mischt sich in die intimsten Bereiche des Lebens ein. Clubs und Raves sind deshalb den Machthabern ein Dorn im Auge. Aber das hält die Menschen nicht davon ab, illegale Raves oder Underground-Clubs zu besuchen. Im Grunde scheitert dieses islamistische Regime seit 47 Jahren daran, die Gesellschaft vollständig zu unterjochen. Wenn es nach diesen Steinzeit-Islamisten ginge, würden sie den Iran komplett zerstören – so wie die Taliban Afghanistan zerstört haben. Dass diese Räume heute digital weiterleben, zeigt, wie widerstandsfähig Kultur sein kann.

CB SLEEK steht für Kreativität, die Innovation antreibt. Wo siehst Du Innovation im iranischen Sound – ästhetisch, technisch oder kulturell?

N Ich bewundere jede:n Künstler:in aus dem Iran. Unter diesen Bedingungen überhaupt kreativ zu sein, ist extrem schwierig. Früher ging es in der Musik um Ungerechtigkeit und religiösen Wahnsinn – heute geht es leider oft ums blanke Überleben. Und trotzdem geben sie nicht auf. Viele sind technisch extrem versiert, oft sogar weiter als ich, und arbeiten mit den neuesten Tools, die sie sich nur mit Mühe über VPNs beschaffen können. Diese Mischung aus Notwendigkeit, Kreativität und technischer Raffinesse ist unglaublich innovativ.

CBAls Teil der Diaspora bewegst Du Dich zwischen Welten. Welche Verantwortung hast Du Deiner Meinung nach gegenüber jungen Künstler:innen im Iran?

N Ich habe über die Jahre immer wieder jungen, unbekannten Künstler:innen meine Zusammenarbeit und meine Reichweite angeboten – ganz bewusst auch weiblichen DJs und Produzentinnen. Das ist mein persönlicher Mittelfinger an das Regime. Auch die konsequente Promotion von House Music mit iranischen Einflüssen, die ich in den letzten Jahren veröffentlicht habe, hatte ein klares Ziel: iranische Musik zu modernisieren, andere zu ermutigen, ihre eigenen Werke zu schaffen und zivilen Ungehorsam zu zeigen.

CBKann Musik politische Wirkung entfalten, auch wenn sie nicht explizit politisch ist? Und wo liegen für Dich die Grenzen davon?

N Für mich gibt es da keine Grenzen. Diese fanatischen Islamisten begehen in diesem Moment Massenmord an freiheitsliebenden Menschen. Aus meiner Sicht sind alle Mittel erlaubt, um diesem Regime ein Ende zu bereiten. Musik kann Menschen vereinen – und sie hat in fast allen Revolutionen eine zentrale Rolle gespielt.

Ich zähle die Stunden, bis dieses Regime am Ende ist und wir dieses Interview in einem freien Iran führen können.