SLEEK im Gespräch mit Manuel Neukirchner und Prof. Lutz Engelke

27.05.2024 Dortmund City - Eroeffnungsfeier In Motion Fussball u Kunst im Fussballmuseum - Claudia Roth Kulturstaatsministerin , Ministerin Ina Brandes , OB Thomas Westphal , Bernd Neuendorf DFB Praesident u Museumsdirektor Manuel Neukirchner sowie von der Fussball EM 1980 Bernard Dietz - Copyright Stephan Schuetze

Photography by Carsten Kobow.

Christian Bracht: Wie wurde die Auswahl der 175 Werke getroffen, die in der Ausstellung „In Motion – Art & Football“ gezeigt werden?

Manuel Neukirchner: Zunächst einmal war es erstaunlich zu erkennen, wie präsent doch der Fußball als Motiv in der Kunst der europäischen Moderne ist. Insgesamt haben wir rund 500 Werke recherchiert und uns eingehend mit ihnen beschäftigt. Die endgültige Auswahl erfolgte dann nach unterschiedlichen Kriterien: Von der Ästhetik des Bildes über die Relevanz des Künstlers bis hin zu der Frage, welche Wirkung das Werk in dem immersiven Konzept der Ausstellung entfaltet. Zeitweilig ergaben sich schlicht auch Rechtefragen. Nicht jeder Künstler oder nicht jede Institution, die ihn vertritt, sind mit der Veränderung, die das Original in einer solchen immersiven Schau erfährt, einverstanden.

CB: Welche Herausforderungen sind bei der Konzeption einer multimedialen Ausstellung wie dieser aufgetreten und wie wurden sie gelöst?

Lutz Engelke: Bei dieser Fülle und Qualität des Bildmaterials war die erste Herausforderung, überhaupt einen erzählerischen roten Faden zu finden. Zur Verfügung standen historische Ereignisse im 20. Jahrhundert und die Verknüpfung mit allen Kunstepochen der Moderne – vom Futurismus, Kubismus bis hin zur vielfältigen Gegenwartskunst. Dabei wurde sehr schnell klar, dass lineares Erzählen eine begrenzte Dramaturgie zulässt. Zentral für das Projekt war es deshalb, Themenfelder aus den Bildern zu identifizieren, um im Zusammenspiel aller Bilder ein erzählerisches Plateau zu entwickeln.

CB:Können Sie mehr über die dramaturgische Gestaltung der 45-minütigen filmischen Projektion erzählen und welche Rolle die musikalische Untermalung dabei spielt?

LE: Sie fand in drei Schritten statt. Es wurden Schlüsselbilder gefunden – von z. B. Miro, Magritte, Picasso, Banksy, Malewitsch oder Lowry und viele mehr. Diese Bilder waren Ausgangspunkte für weitere 150 Bilder, die überhaupt erst einen erzählerischen Dialog für die digitale Show möglich machten. So entstanden 16 Themencluster, die die mehr als 200 Bilder in ihrer Bedeutung und Emotionalität miteinander verbanden. Dazu gehörten z. B. „Die Poesie des Augenblicks“ und „Schauplatz der großen Gefühle“. Über „Dynamisierung der Körper“ und „Evolution von Raum und Spiel’ bis hin zu medialen Perspektiven „Im Auge des Betrachters“ war einiges dabei.

Am Ende der 45-Minuten-Show entsteht noch einmal ein magischer Moment, ausgelöst durch Leuchtkugel-Vitrinen, die wie Stars von der Decke heruntergelassen werden: Das große Welt-Spiel Fußball wird mit simplen Tippkickfiguren und einem ironischen Lächeln zusammengefasst. Der Raum wird dadurch erst vollständig.

Die Musik, der Sound, ist das wichtigste verbindende Element bei allem. Es ist nicht Untermalung, sondern hat eine eigene Gestaltungskraft, die durch viele Genres – vom Walzer über Jazz bis hin zu sehr hybriden Soundbites – den filmischen Charakter der Gesamtshow unterstreicht. Im Zusammenspiel von Bild und Musik entsteht die Emotion.

27.06.2023, Fussball, Fußball, Politik, Begegnungsreise des Bundespräsidenten 2023, Station im Deutschen Fussballmuseum, DFM, Deutsches Fußballmuseum, DFM-Museumsdirektor Manuel NEUKIRCHNER,

Photography by Carsten Kobow.

CB: Welche Bedeutung haben die soziologischen und formalen Akzente in der Bildlegende oberhalb der Arena und wie tragen sie zur Gesamtwahrnehmung der Ausstellung bei?

MN: Die Kontextualisierung der gezeigten Kunstwerke war uns enorm wichtig. Natürlich steht jedes erst einmal für sich selbst und entfacht eine subjektive Wirkung im Auge des Betrachtenden. Aber grundsätzlich ist es schon einmal eine spannende Ausgangslage, dass sich die Entwicklung der Kunst der europäischen Moderne mit der Geschichte des Fußballs zeitlich überlagert. Dabei können wir die verschiedenen Stilepochen gleichberechtigt nebeneinander betrachten. Nichts ist besser oder schlechter geworden. Genauso wie beim Fußball. Und beide Bereiche, die Kunst und der Fußball, reflektieren und – bis zu einem gewissen Grad – dechiffrieren sich gegenseitig. Über diese Zeitachse haben wir noch eine eigene Timeline gelegt. Die 16 Kapitel der immersiven Schau spannen den Bogen vom ursprünglichen Wesen des Spiels mit den Akteuren, der Spielfläche und dem Ball bis hin zum komplexen Spielgeschehen. Einflüsse durch Krieg und gesellschaftliche Umbrüche bilden eine Zäsur, ehe der Fußball durch neue Perspektiven und Charaktere den Mythos des Sports formt und gestaltet. Gleichwohl bleibt er wortwörtlich ein Spielball, äußerer wie innerer Einflüsse, durch die seine ursprüngliche Unschuld kaum noch zu erkennen ist. Analog zum Kunstwerk bleibt es am Ende im Auge des Betrachters, wie der Fußball wahrgenommen wird.

CB: Warum haben Sie sich entschieden, keine Originalwerke in der Ausstellung zu zeigen, und welche Vorteile sehen Sie in der Verwendung von Projektionen?

MN: Annähernd 200 Original-Werke aus der ganzen Welt hier in unserem Haus in Dortmund zusammenzutragen, wäre eine nicht zu bewältigende logistische und finanzielle Herausforderung gewesen. Auch aus konservatorischer Sicht lassen sich in unseren Räumlichkeiten nicht die optimalen Bedingungen für derartige Kunstwerke herstellen. So zeigen wir nun aber eine Gesamtschau der Kunst der europäischen Moderne zum Sujet Fußball, wie es sie in dieser Komplexität zuvor noch nicht gegeben hat. Und es sind ja nicht nur die vielfältigen Projektionen mit immer wieder neuen überraschenden Blickwinkeln und Perspektiven, die Wirkung entfachen, sondern auch ihr Zusammenspiel mit Tönen, Klängen und unterschiedlichen Lichtimpressionen.

CB: Wie wurde sichergestellt, dass die Bilder trotz ihrer geringen Größe in der Ausstellung die gewünschte Wirkung erzielen?

LE: Aktuelle Bildbearbeitungsprogramme helfen, die Bilder für unterschiedliche Größen entsprechend anzupassen. Dabei wird nicht die Substanz des Originals verändert. Die großen Projektionsflächen verlangen eine enorme Rechnerleistung, sodass simple Veränderungen bei bestimmten Bildern zum Teil mehr als zwei Tage brauchen, um neu gerendert werden zu können. Uns war aber sehr wichtig, dass die Besucher die Bilder auch in den Originalgrößen zu sehen bekommen. Dafür gibt es eine spezielle sogenannte Digital Lounge. Und ein Magritte, der in der Show auf 20 Metern auftaucht, stellt sich überraschend als ein Bild von 80 mal 60 Zentimeter Größe heraus.

27.05.2024 Dortmund City - Eroeffnungsfeier In Motion Fussball u Kunst im Fussballmuseum - Claudia Roth Kulturstaatsministerin , Ministerin Ina Brandes , OB Thomas Westphal , Bernd Neuendorf DFB Praesident u Museumsdirektor Manuel Neukirchner sowie von der Fussball EM 1980 Bernard Dietz - Copyright Stephan Schuetze

Photography by Carsten Kobow.

CB: Können Sie mehr über den separaten Projektionsraum und die Möglichkeiten, die er den Besuchern bietet, berichten?

LE: Der eigentliche digitale Kunstraum ist im Museum speziell für die Ausstellung neu entstanden. Der Ursprungsgedanke war, ein Atelier des 20. Jahrhunderts zu zeigen.

Entstanden ist ein sogenannter Fraktaler Raum, der die Architektur des Museums in die Inszenierung mit einbezieht. Deshalb sind die großen Projektionsflächen zum Teil mit integrierten Spiegelflächen ergänzt. So entstand aus einem viereckigen Raum eine perspektivische Vielschichtigkeit. Für den Besucher ist das eine Einladung zum Flanieren. Er kann immer wieder neue Zentralperspektiven entdecken, sobald er sich im Raum bewegt. Jedes projizierte Bild hat eine eigene Lichtstimmung – darauf aufbauend ist eine Inszenierung im Raum entstanden, die die auf die Bilder eingeht um ihre Stimmung in die ganze Umgebung erweitert.

Photography by Carsten Kobow.

CB: Welche Rolle spielt die Sammlung des Deutschen Fußballmuseums in den Obergeschossen in Bezug auf die Ausstellung „In Motion – Art & Football“?

MN: Unsere Dauerausstellung offenbart die grundsätzliche Haltung, mit der wir den Fußball betrachten. Nämlich über das Geschehen auf dem Spielfeld hinaus, mit einem Blick auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge und die soziokulturellen Phänomene des jeweiligen Zeitgeistes, in dem sich die Fußballereignisse abgespielt haben. Unsere Exponate setzen wir nicht einfach nur hinter Glas, sondern inszenieren sie im Raum. Insofern erfährt diese Haltung eine Fortsetzung in der Sonderausstellung, die zwei vordergründig ganz unterschiedliche kulturelle Bereiche auf völlige neue Weise zusammenführt. Beide Ausstellungsebenen sind emotional miteinander verknüpft, sind sie letztendlich doch immer auch eine Begegnung mit der eigenen Biografie.

CB: Welche Rückmeldungen haben Sie bisher von den Besuchern der Ausstellung erhalten und wie planen Sie, diese in zukünftige Projekte einfließen zu lassen?

MN: Der Kunst über den Fußball kennen zu lernen, ist für viele unserer Besucherinnen und Besucher ein neuer, ungewohnter, aber sehr willkommener Zugang zur vermeintlichen Hochkultur. Das ist für unsere Arbeit eine schöne Bestätigung, die uns zugleich auffordert, uns immer wieder neu zu erfinden.

CB: Was nehmen sie mit aus der Arbeit mit Kunst und Fußball?

LE: Genau wie das große Spiel auf dem Fußballplatz ist Kunst und Fußball immer ein Teamprojekt gewesen. Es gibt unzählige Rollen und Positionen, von der Architektur und Medienproduktion über Musik und Sound bis hin zum technischen Zusammenspiel und allem anderen. Es lebt von dem Spirit – und der war fantastisch. Kunst und Fußball sind sehr emotionale Partner. Beide lassen aus dem „Ich“ ein „Wir“ werden.

Photography by Carsten Kobow.

Manuel Neukirchner

Manuel Neukirchner, 1967 in Essen geboren, Studium der Allgemeinen Literaturwissenschaft, Neueren Deutschen Literaturgeschichte und Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal, ist Ausstellungsmacher und Autor und leitet als Gründungsdirektor das 2015 eröffnete Deutsche Fußballmuseum in Dortmund, dessen Planung und Gesamtrealisierung er von 2009 bis 2015 verantwortete. Neukirchner ist auch Vorsitzender der Geschäftsführung der DFB-Stiftung Deutsches Fußballmuseum. Im Zuge seiner Museumsarbeit veröffentlicht der ehemalige Print- und Hörfunkjournalist als Autor und Herausgeber Bücher und Beiträge zu kulturhistorischen Themen, vorwiegend zum Fußball.