LINKS Charlie Stein fotografiert von Dale Grant RECHTS Jorinde Voigt fotografiert von Dale Grant.
Christian Bracht: “Recombining Realities” klingt faszinierend. Könnt Ihr erläutern, wie der Titel die Essenz der Ausstellung einfängt und welche Realitäten genau rekombiniert werden?
Jorinde Voigt: Ich habe den Titel vorgeschlagen und es geht darum, dass wir die Realität, die wir beide erfahren, unterschiedlich wahrnehmen – Charlie ist etwas jünger als ich – und darüber im Austausch sind, uns mitteilen.
Charlie Stein: Das einzige was zwei Künstler machen können, ist es, ihre Realitäten, repräsentiert durch ihre Arbeit, miteinander zu kombinieren. “Re-” weil unser Austausch – auch eine Kombination zweier Realitäten – ja schon vorher immer wieder stattgefunden hat. Das Andere ist, dass wir gegenwärtig in einer Welt der Pluralität von Realitäten leben. Im Unterschied zu den 80ern und 90ern haben wir heute Menschen, die sich selbst, wenn sie sich über ihre Identität austauschen als Millennial, Gen Z, Boomer oder Gen X bezeichnen. Die Aufgabe der Gesellschaft gegenwärtig ist es, die pluralistischen Realitäten in ihr so in Dialog zu setzen, dass etwas Neues, Responsives und Resilientes entsteht.
CB: Inwiefern hat der persönliche und künstlerische Austausch zwischen Euch beiden in den letzten zehn Jahren die Entwicklung Ihrer individuellen künstlerischen Praktiken beeinflusst? Könnt Ihr ein Beispiel dafür geben, wie Eure individuellen Arbeiten in der Ausstellung miteinander in Dialog treten und was Besucher davon mitnehmen können?
CS: Ich glaube, dass meine Arbeit in den letzten Jahren einen langsamen aber steten Wandel von Hyperfiguration hin zu einer Offenheit durchlebt haben, die man durchaus als Abstraktion bezeichnen könnte. Meine Arbeit ist psychologischer und persönlicher geworden. Obwohl Jorindes Arbeiten immer sehr konzeptionell verortet sind, stellen wir immer wieder fest, wie wichtig die eigene Person, die innere Haltung und persönliche Erlebnisse unsere ästhetischen und künstlerischen Entscheidungen beeinflussen. In der Kunstakademie musste ich alles erklären können, anhand von Belegen, teils aus der Physik, teils aus der Soziologie. Ich glaube, wenn man genau erklären kann, was die konkrete Aufgabe und Intention einer künstlerischen Arbeit ist, dann kann man sich zur Ruhe setzen. Kunst gibt es nur, wenn etwas im Verborgenen bleibt. Sonst ist es Illustration oder Propaganda. Und das interessiert mich nicht.
JV: Es ist das Teilen von Erfahrungen, nicht das gegenseitige Einflussnehmen. Der Dialog entsteht für mich durch die Unterschiedlichkeit der Arbeiten. Durch die dialogische Anordnung erfährt jede Arbeit für sich eine Erweiterung.
Charlie Stein performing Jorinde Voigt’s score “Private Artist” during Manifesta11 in Zurich. Foto von Charlie Stein.
CB: Könnt Ihr beschreiben, wie dieser Dialog zwischen Euch beiden über die Jahre entstanden ist und wie er in der Ausstellung zum Ausdruck kommt?
JV: “Recombining Realities” basiert auf gemeinsamer Realität und gemeinsamer Diversität. Wir leben in einer Stadt. Wir nutzen verschiedene Informationen,haben Unterschiede. Aber wir haben auch Ähnlichkeiten. Charlie Stein setzt sich in ihrer Arbeit, der Malerei, mit ihren Themen auf verschiedenen visuellen Ebenen auseinander. Ich dagegen arbeite konkret abstrakt. Ich lande derzeit auch in der Malerei, auch in der Skulptur, und komme dabei von Konzeptkunst und Minimalismus. Bei mir geht es immer um die Reduktion von dem, was ich wahrnehme, in Form des Erschaffens eines Konzentrates. Und werfe ich zurück in die Welt zur Diskussion.
CS: Das besondere an der Zusammenarbeit ist, dass unsere Arbeiten auf den ersten Blick komplett unterschiedlich aussehen. Abstraktion versus Figuration, erst einmal scheinen unsere künstlerischen Praktiken keine klar erkennbare Verwandtschaft aufzuweisen und auch in der Vergangenheit, haben wir zumindest von außen betrachtet, ganz unterschiedlich gearbeitet. Ich glaube die Art und Weise, wie wir unsere Arbeiten angehen ist aber ähnlich und wenn man unsere Arbeit verfolgt hat, dann wird auch klar, dass wir über sehr viele Gemeinsamkeiten verfügen. Wir arbeiten häufig im direkten Umgang mit dem Raum und dem Kontext in dem wir ausstellen, wir haben beide in der Vergangenheit auch Arbeiten gemacht, die eher der Performance- oder Konzeptkunst zugeschrieben werden können. So haben wir uns auch kennengelernt – ich kannte Jorindes Arbeit und wollte sie für ein Performance Projekt einladen, das Maurizio Cattelan damals für die Manifesta initiiert hatte, die von Christian Jankowski, meinem damaligen Professor kuratiert wurde. Das war vor zehn Jahren – Gregor Hildebrandt hat uns einander vorgestellt.
LINKS "Body with a view", 2024, 100 x 80 x 2.5 cm, Öl auf Leinwand, Charlie Stein, Foto: Charlie Stein RECHTS Portrait (Shoulder), 2024, 250 x 140 x 2.5 cm, Öl auf Leinwand, Charlie Stein, Foto: Charlie Stein.
Virtually Yours (Infinite Power), 150 x 150 cm, Öl auf Leinwand 2024, Charlie Stein, Foto: Roman März.
CB: Eure Ausstellung findet während des Berlin Gallery Weekend statt. Welche Bedeutung messt Ihr dem Event (BGW) zu?
JV: Ich liebe das Gallery Weekend, weil die Stadt international besucht wird.
CS: Die Lebendigkeit der Berliner Kunstszene hängt vom internationalen Interesse ab und es ist die Aufgabe der Stadt Berlin genau das zu fördern.
CB: Gibt es besondere Ausstellungen und Shows, die ihr empfehlt anzusehen?
CS: Ich habe Kraupa-Tuskany Zeidler, Société und Michel Majerus Estate mit Cory Arcangel auf meiner Liste. Wer Poetics of Encryption in den Kunstwerken noch nicht gesehen hat sollte das unbedingt tun – Gallery Weekend oder nicht.
CB: Was erhofft Ihr Euch in Bezug auf die Reaktionen des Publikums auf Eure Ausstellung? Gibt es bestimmte Aspekte oder Werke, die Ihr besonders hervorheben möchtet?
CS: In der Ausstellung wird eine Form der Co-Existenz unterschiedlicher Positionen gefeiert. Ich freue mich zu sehen, wie die Arbeiten zusammenkommen und dann eine Art der gedoppelten Realität entsteht. Natürlich freut es mich, wenn sich die Begeisterung überträgt, aber in erster Linie geht es mir darum, dass die Ausstellung einen besonderen Moment in meinem Leben und meiner Entwicklung für mich darstellt.