Photography by Espen Eichhöfer.
Christian Bracht: Jenny, was hat dich nach deiner Zeit beim MoMA und PS1 in New York dazu bewogen, nach Berlin zurückzukehren?
Jenny Schlenzka: Naja, einmal natürlich der Job. So eine große, schöne, spannende Herausforderung. Und ein wundervolles Haus mit wahnsinnigem Potenzial. Dazu kamen persönliche Gründe. Ich bin ja ursprünglich aus Berlin und meine Familie wohnt hier. Meine Kinder, die in New York geboren sind, sind jetzt neun und fünf. Mir war klar: Wenn wir nicht jetzt umziehen, dann verpassen wir irgendwann den Zug. Als das die Zusage kam, haben wir kurz diskutiert und dann „Ja“ gesagt und sind jetzt hier – und es fühlt sich gut an!
CB: Kannst du uns von einem Projekt erzählen, das dich besonders inspiriert hat, seitdem du wieder in Berlin bist?
JS: Am meisten inspiriert mich die Zusammenarbeit mit Künstler*innen. Eine der großen Visionen ist das Residency-Programm auszubauen. Die deutsche Malerin Kerstin Brätsch ist bereits in ihr Atelier im Gropius Bau eingezogen und nach und nach wollen wir das ganze zweite Obergeschoss in Ateliers umwandeln. Schon jetzt arbeitet Kerstin da und es gibt ständig etwas Neues zu sehen. Das gefällt mir super. Diese kreativen Prozesse geben mir gerade sehr viel Energie. Wenn ich mir vorstelle, dass neben unseren Büros im Gropius Bau bald viele spannende Künstler*innen arbeiten, dann bekomme ich richtig gute Laune.
CB: Wunderbar. Wie siehst du die Rolle der Kunst und Kultur in der heutigen Gesellschaft, vor allen Dingen vor dem Hintergrund dieser globalen Unsicherheiten? Es gibt ja eigentlich keinen Tag, wo es nicht irgendwelche Bad News gibt.
JS: Kunst und Kultur sind wichtig und die Stimmen von Künstler*innen sind gerade weil wir in unsicheren Zeiten leben unverzichtbar. Kunstschaffende haben meiner Erfahrung nach weniger Angst vor Veränderungen, Ungewissheit und Neuem, sondern schöpfen stattdessen daraus, um Kunst zu machen, neue Ideen zu entwickeln, neue Räume zu eröffnen und Horizonte zu erweitern.
CB: Du bist bekannt für deine innovativen Ansätze in der Programmgestaltung. Gerade in New York hast du da ja viele spannende Dinge gemacht. Wie integrierst du diese Kreativität in deine aktuellen Projekte hier in Berlin?
JS: Ich finde, Ausstellungshäuser und Museen müssen sich permanent neu erfinden, weil sich die Welt permanent neu erfindet und ich bin immer interessiert an neuen Formaten. Ich finde das Medium der Ausstellung wahnsinnig interessant und relevant. Aber ich glaube, es darf nicht statisch bleiben, muss immer wieder neu hinterfragt werden, neugestaltet werden. Ein Schritt in diese Richtung ist, dass wir Künstler*innen große Ausstellungen kuratieren lassen.
Photography by Espen Eichhöfer.
CB: Gibt es spezifische Themen oder Trends in der Kunstwelt, die du momentan besonders spannend findest und die in deiner Arbeit hier in Berlin einfließen?
JS: Ich glaube, es gibt endlich ein Bewusstsein dafür in der Kunstwelt oder der Museumswelt, dass wir aus unserem Elfenbeinturm raus müssen, wenn wir weiterhin relevant sein und eine gesellschaftliche Bedeutung haben wollen.
CB: Inwieweit unterscheidet sich die Kunstszene in Berlin von der in New York und wie beeinflusst dieser Unterschied deine Arbeit?
JS: Letzte Woche hatte ich Lunch mit Adam Weinberg, dem ehemaligen Direktor des Whitney Museums. Er hat eine kluge Beobachtung gemacht und gesagt, New York ist die Stadt des Kunstmarktes und Berlin ist die Stadt der Künstler*innen. Und ich finde, das stimmt total.
CB: Kannst du uns etwas sagen über eine bevorstehende Ausstellung oder eine Veranstaltung, die du momentan planst?
JS: Mein Programm geht im September los mit einer großen Retrospektive des thailändischen Künstlers Rirkrit Tiravanija, der seit den Neunzigern auch eine Wohnung und sein Studio in Berlin hat. Und er ist nicht von ungefähr der erste Künstler, den wir zeigen. Das Experimentieren mit Formaten, das Hinterfragen, damit Spielen – und das auf eine sehr zugängliche und gleichzeitig komplexe, kritische Weise. Ich freue mich riesig darauf.
CB: Letzte Frage Jenny. Welche positiven Veränderungen wünschst du dir in der Kunstwelt in den nächsten Jahren und was möchtest du dazu beitragen?
JS: Ich wünsche mir, dass wir ein noch viel breiteres Publikum erreichen und zeigen können, dass alle an Kunst teilhaben können und dass ihre Wünsche und Vorstellungen bei uns einen Raum und einen Platz finden.