Sami Khedira: „Spieler sind mittlerweile Marken”

Photography by Nico Kramer. Image Courtesy of Balira.

Weltmeister, Unternehmer, Markengründer. Ein Gespräch über Identität nach dem Abpfiff, die Logik von Balira und die WM in Nordamerika.

Der Berliner Flagship-Store von CYBEX am Kurfürstendamm ist an diesem Samstagvormittag mehr als nur eine Verkaufsfläche. Mit Partnern wie der Kaffeemarke Balira, gegründet von Sami Khedira, entsteht hier ein Format, das auf echte Begegnungen setzt: Gespräche über Leistung, zweite Karrieren, Lebensmodelle. In einer Zeit, in der Marken zunehmend zu Gastgebern kultureller Erlebnisse werden, steht dieser Vormittag exemplarisch für einen Wandel, den SLEEK schon länger beobachtet: Community schlägt Konversion. Wir haben Khedira im Anschluss an den Panel-Talk getroffen.

Weltmeister, Unternehmer, Markengesicht; welche Rolle fühlt sich heute am echtesten an?

Sami Khedira lacht kurz, bevor er antwortet. Die Frage hat er sich offensichtlich selbst gestellt. „Ich war als Sportler schon immer ein bisschen neugieriger als andere. “Warum trainiert man so? Wie lässt sich Leistung optimieren? Was passiert drumherum?” Als er 2021 seine aktive Karriere in Berlin beendete, hatte er eigentlich geplant, ein Jahr lang gar nichts zu tun. „Nach zwei Wochen habe ich gemerkt: Mir ist langweilig. Das geht einfach nicht.”

Was folgte, war kein eleganter Pivot, sondern echte Arbeit. Trainerausbildung, der UEFA-Masterlehrgang für internationale Spieler, und schließlich Balira, eine Kaffeemarke, die aus einem Gespräch mit Bekannten entstand und die Khedira anfangs selbst nicht einordnen konnte. „Ich konnte damit erstmal nichts anfangen. Aber dann habe ich mich reingelesen, reingearbeitet, Expertise dazugeholt.” Das klingt weniger nach Prominentenventure als nach dem, was Khedira ein Leben lang getan hat: sich mit Disziplin einem Ziel näherzuarbeiten.

Photography by Nico Kramer. Image Courtesy of Balira.

Autobiografie in der Tüte

Balira hat vier Röstungen. Sie heißen Stuttgart, Turin, Madrid, Berlin. Die vier Stationen einer Karriere, die Khedira zum Weltmeister gemacht haben. Produktstrategie oder Selbstinszenierung? „Beides wäre falsch”, sagt er. Die Idee entstand aus einer schlichten Beobachtung: Guter Kaffee ist in Italien keine Frage des Preises. „Du gehst an die Raststätte, trinkst einen Espresso für 80 Cent, und der ist herausragend. In Deutschland kriegst du oft nur Wasser mit ein bisschen Brühe.”

Anderthalb Jahre haben Khedira und sein Team damit verbracht, die eigenen Geschmackserfahrungen aus vier Städten in vier Röstungen zu übersetzen. „Andere machen eine Netflix-Doku oder schreiben ein Buch. Ich habe eine Kaffeemarke gegründet.“ Aber das ist ja eher daraus resultierend.” Seit Sommer 2025 ist Balira im Lebensmitteleinzelhandel erhältlich, inzwischen auch bei EDEKA. Dass dafür das eigene Gesicht die Türen öffnet, räumt Khedira offen ein und sieht es pragmatisch: „Spieler sind mittlerweile Marken. Das sieht man im Medienmarkt immer mehr.”

Nicht ins Loch gefallen

Viele Hochleistungssportler verlieren sich nach dem Karriereende. Die Leere nach dem Abpfiff ist gut dokumentiert, sowohl klinisch als auch anekdotisch. Khedira ist eine andere Geschichte. „Mir wird einfach nicht langweilig”, sagt er, ohne dass es wie eine Selbstschutzbehauptung klingt. Was ihn trägt, ist weniger eine ausgefeilte Lebensphilosophie als vielmehr ein genuines Interesse an Input: an neuen Feldern, an anderen Menschen, an unbekannten Fragen.

Gleichzeitig ist er präzise darin, was er nicht mehr tut. Er sagt nur Dingen zu, von denen er überzeugt ist. Kooperationen, Panelgespräche, Marken — alles wird nach demselben Kriterium gemessen: Steckt da ein Mensch dahinter, mit dem ich arbeiten will? Macht mir das wirklich Freude? „Ich mache nichts, wo ich sage: Da könnte man mehr Geld verdienen oder mehr Reichweite erzielen.”

Photography by Nico Kramer. Image Courtesy of Balira.

Was wäre ohne den Titel gewesen?

Beim Warmmachen vor dem WM-Finale 2014 in Rio verletzte sich Khedira. Vor einer Milliarde Zuschauern. Er sah das Spiel von der Tribüne aus. Deutschland wurde Weltmeister. Mit ihm, aber ohne ihn. Hätte ein anderer Ausgang sein Leben verändert?

„Für meine Zufriedenheit nicht”, sagt er nach kurzem Nachdenken. „Aber in der Nachbetrachtung muss man ehrlich sein: Es hilft. Mit Vorträgen, mit Sponsoren, weil du eine andere Geschichte erzählen kannst.” Der Weltmeistertitel ist für Khedira kein Identitätskern, sondern ein Bonus, den er gerne mitnimmt. Eine seltene Haltung in einem Milieu, das dazu neigt, Trophäen zur Persönlichkeit zu machen.

Vorfreude auf Nordamerika

Die WM beginnt in wenigen Tagen. USA, Mexiko, Kanada. Drei Gastgeber, 48 Teams, eine neue Dimension des Turniers. Khedira wird vor Ort sein, zumindest in der Vorrunde. Sein Bruder Rani spielt für Tunesien; New York wird ein Ausgangspunkt sein. Neid auf die aktiven Spieler? Nostalgie? „Ich habe extreme Vorfreude auf hochklassigen Fußball und großes Entertainment.”

Für Deutschland ist er vorsichtig optimistisch. Den Geist der Heim-EM 2024 hat er wahrgenommen, ebenso die Rückschläge. Nordamerika bietet eine andere Bühne und Khedira schätzt genau das: „Die USA sind ein Land für Entertainment und Begeisterung. Ich hoffe, dass der Sport im Mittelpunkt steht und so wenige Nebengeräusche wie möglich entstehen.” Was er sich außerdem erhofft: ein, zwei unbekannte Spieler, die das Turnier zu ihrem Durchbruch machen. Das klingt nach jemandem, der Fußball noch immer als Spiel sieht und nicht als Kulisse für etwas anderes.

Balira Kaffee ist erhältlich unter balira.de sowie im Lebensmitteleinzelhandel.