Wenn Klang zur Farbe wird

Danii Pollehn über Sound als Ausgangsmaterial, die Spannung zwischen persönlicher Kunst und Markenauftrag – und was es wirklich bedeutet, Kontrolle abzugeben.

Photo by Franziska Krug / Vuse & glo via Getty Images

Es gibt Fragen, die man als Moderator stellt, weil man sie stellen soll. Und es gibt Fragen, die man stellt, weil man die Antwort wirklich nicht kennt. Bei Danii Pollehn war es die zweite Sorte.

Auf der Booth Stage der OMR 2026 in Hamburg saßen wir uns gegenüber – ich als jemand, der seit zwei Jahrzehnten visuelle Sprache kuratiert, sie als jemand, die visuelle Sprache aus Klang destilliert. Das klingt nach einer ordentlichen Gesprächsgrundlage. Und dann fragt man trotzdem: Aber was passiert da wirklich, bevor du anfängst?

Pollehn ist keine Illustratorin, die auf diese Frage mit Begeisterung und Stimmungsboards antwortet. Sie denkt nach. Sie sagt: Es beginnt fast immer mit einem Unbehagen. Mit einem Klang, einer Melodie, einem einzelnen Wort in einem Song, das sich irgendwo festsetzt und nicht loslässt. Nicht als Idee – als Körpergefühl.

Das ist der Ausgangspunkt der neuen glo-Kampagne “Feel your glo”, für die Pollehn als Kreativpartnerin gewonnen wurde. Das Konzept ist, auf dem Papier, einfach: Der Hamburger DJ und Produzent Marten Hørger – eine der treibenden Kräfte im globalen Bass-House-Universum, kollaboriert unter anderem mit David Guetta und dem ehemaligen Prodigy-Mitglied Leeroy Thornhill – produziert einen Song. Die Community gibt Eindrücke, Stimmungen, Assoziationen. Pollehn übersetzt das in ein visuelles Werk. Drei Disziplinen, ein gemeinsames Ergebnis.

Was das in der Praxis bedeutet, ist komplizierter.

Photo by Franziska Krug / Vuse & glo via Getty Images
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Kontrolle abgeben – aber wie weit?

Pollehn arbeitet mit einem Vokabular, das sich nicht leicht in Kampagnenbriefings übertragen lässt: Intuition, Körpergefühl, das Unfertige als gestalterisches Prinzip. Ihre Mixed-Media-Praxis ist radikal antieffizient – sie baut digitale Animationen, zerlegt sie wieder in analoge Einzelframes aus Papier, Collage und Marker, scannt sie neu ein. Nicht weil das schneller geht. Weil bestimmte Qualitäten nur entstehen, wenn man die Kontrolle an den Prozess abgibt.

Auf der Bühne stellte ich ihr die Frage, die ich für die schwierigste im ganzen Gespräch hielt: Du machst sehr persönliche Arbeit – wie ehrlich kann Kunst unter Kampagnenbedingungen noch sein?

Die Antwort war nicht das, was ich erwartet hatte. Sie sagte, die Frage stelle sich für sie anders: nicht, ob Ehrlichkeit möglich sei, sondern ob der Auftraggeber Ehrlichkeit tatsächlich aushält. Ob er bereit ist, ein Ergebnis zu akzeptieren, das er nicht vollständig kontrollieren kann. Bei glo, sagte sie, sei das der Fall gewesen.

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Eine Biografie der Umwege

Was Pollehn von vielen Illustratoren ihrer Generation unterscheidet, ist, dass sie nicht linear dorthin gekommen ist. Sie hat Modedesign in Hamburg und Berlin studiert, als Stylistin gearbeitet, Textilmuster entworfen und in Paris und New York ausgestellt. Der Weg zur Illustration war kein Plan – er war eine Notwendigkeit. Digitale Tools wurden zum Hebel, der ihr ermöglichte, das, was sie in traditionellen Medien begonnen hatte, in etwas Eigenes zu übersetzen.

Was dabei entstand, weist eine Präzision auf, die man bei oberflächlicher Betrachtung leicht übergeht. Die Farbpaletten wirken expressiv, fast impulsiv – Magenta, Teal, Orange, Lila, immer in Kombination, nie zufällig. Das Lettering ist kein ornamentales, sondern ein inhaltliches Element. Und die Motive – weibliche Körper, botanische Formen, Hände, Gesten – sind keine Dekoration. Sie erzählen von jemandem, der aus persönlicher Erfahrung schöpft. Aus Krankheit, aus Heilung, aus dem langen Weg dazwischen.

Darüber haben wir auf der Bühne nicht direkt gesprochen. Aber es war präsent – in der Art, wie Pollehn über Verletzlichkeit als kreative Ressource spricht, über das Recht, “unfertig” zu sein, über die Frage, was es bedeutet, sich in einem Werk zu zeigen, das dann einer Marke gehört.

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Was das OMR-Publikum damit anfangen kann

Die OMR ist kein Kunstforum. Das Publikum dort denkt in Conversion Rates, Kampagnen-ROI und Brand Safety. Was Pollehn ihnen trotzdem zu sagen hat, ist praktisch: Kreative, die aus echter Erfahrung arbeiten, liefern keine bessere Ästhetik – sie liefern eine andere Qualität der Aufmerksamkeit. Arbeit, die getragen wurde, bevor sie produziert wurde.

Für Marken bedeutet das eine Zumutung: Man muss loslassen, bevor man weiß, was dabei herauskommt.

Danii Pollehns Antwort auf die Frage, was sie Marken raten würde, die Illustratoren wie sie beauftragen, war so knapp wie treffend: „Gebt uns das Thema.“ Nicht die Lösung.

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Auf der Bühne und danach

Was vom Gespräch bleibt: das Bild einer Künstlerin, die ihr Handwerk aus echtem Material gebaut hat – und die genau weiß, wo die Grenze zwischen künstlerischer Integrität und kommerziellem Auftrag verläuft. Und die diese Grenze nicht als Bedrohung begreift, sondern als Bedingung, unter der interessante Arbeit erst möglich wird.

“Feel your glo” ist eine Kampagne. Aber das Gespräch, das sie ausgelöst hat, war mehr als das.

Danii Pollehn lebt und arbeitet in Lissabon. Ihre Arbeit ist unter daniipollehn.com zu finden. Marten Hørger spielt auf der BAT Aftershow der OMR 2026.