Danii Pollehn über Sound als Ausgangsmaterial, die Spannung zwischen persönlicher Kunst und Markenauftrag – und was es wirklich bedeutet, die Kontrolle abzugeben.
Es gibt Fragen, die man als Moderator stellt, weil man sie stellen soll. Und es gibt Fragen, die man stellt, weil man die Antwort wirklich nicht kennt. Bei Danii Pollehn Es war die zweite Sorte.
Auf der Booth Stage der OMR 2026 saßen wir uns in Hamburg gegenüber – ich als jemand, der seit zwei Jahrzehnten visuelle Sprache kuratiert, sie als jemand, die visuelle Sprache aus Klang destilliert. Das klingt nach einer guten Gesprächsgrundlage. Und dann fragt man trotzdem: Aber was passiert da eigentlich wirklich, bevor du anfängst?
Pollehn ist keine Illustratorin, die auf diese Frage mit Begeisterung und Moodboards antwortet. Sie denkt nach. Sie sagt: Es beginnt fast immer mit einem Unbehagen. Mit einem Klang, einer Melodie, einem einzelnen Wort in einem Lied, das sich irgendwo festsetzt und nicht mehr loslässt. Nicht als Idee – als Körpergefühl.
Das ist der Ausgangspunkt der neuen glo-Kampagne “Feel your glo”, für die Pollehn als Kreativpartnerin gewonnen wurde. Das Konzept ist – auf dem Papier – einfach: Der Hamburger DJ und Produzent Marten Hørger – eine der treibenden Kräfte im globalen Bass-House-Universum, die unter anderem mit David Guetta und dem ehemaligen Prodigy-Mitglied Leeroy Thornhill zusammenarbeitet – produziert einen Song. Die Community liefert Eindrücke, Stimmungen und Assoziationen. Pollehn setzt dies in ein visuelles Werk um. Drei Disziplinen, ein gemeinsames Ergebnis.
Was das in der Praxis bedeutet, ist komplizierter.
Die Kontrolle abgeben – aber in welchem Umfang?
Pollehn arbeitet mit einem Vokabular, das sich nicht ohne Weiteres in Kampagnenbriefings übertragen lässt: Intuition, Körpergefühl, das Unfertige als gestalterisches Prinzip. Ihre Mixed-Media-Praxis ist radikal ineffizient – sie erstellt digitale Animationen, zerlegt diese wieder in analoge Einzelbilder aus Papier, Collage und Filzstift und scannt sie erneut ein. Nicht, weil das schneller geht. Sondern weil bestimmte Qualitäten nur entstehen, wenn man die Kontrolle an den Prozess abgibt.
Auf der Bühne stellte ich ihr die Frage, die ich für die schwierigste des gesamten Gesprächs hielt: Du machst sehr persönliche Arbeit – wie ehrlich kann Kunst unter Kampagnenbedingungen noch sein?
Die Antwort war nicht das, was ich erwartet hatte. Sie sagte, die Frage stelle sich für sie anders: nicht, ob Ehrlichkeit möglich sei, sondern ob der Auftraggeber Ehrlichkeit tatsächlich ertragen könne. Ob er bereit sei, ein Ergebnis zu akzeptieren, das er nicht vollständig kontrollieren könne. Bei glo, sagte sie, sei das der Fall gewesen.
Eine Biografie der Umwege
Was Pollehn von vielen Illustratoren ihrer Generation unterscheidet, ist, dass ihr Weg dorthin nicht geradlinig verlief. Sie studierte Modedesign in Hamburg und Berlin, arbeitete als Stylistin, entwarf Textilmuster und stellte in Paris und New York aus. Der Weg zur Illustration war kein Plan – er war eine Notwendigkeit. Digitale Werkzeuge wurden zum Hebel, der es ihr ermöglichte, das, was sie in traditionellen Medien begonnen hatte, in etwas Eigenes zu übersetzen.
Was dabei entstanden ist, zeichnet sich durch eine Präzision aus, die man bei oberflächlicher Betrachtung leicht übersieht. Die Farbpaletten wirken ausdrucksstark, fast impulsiv – Magenta, Teal, Orange, Lila, immer kombiniert, niemals zufällig. Das Lettering ist kein ornamentales, sondern ein inhaltliches Element. Und die Motive – weibliche Körper, botanische Formen, Hände, Gesten – sind keine Dekoration. Sie erzählen von jemandem, der aus persönlicher Erfahrung schöpft. Aus Krankheit, aus Heilung, aus dem langen Weg dazwischen.
Darüber haben wir auf der Bühne nicht direkt gesprochen. Aber es war spürbar – in der Art und Weise, wie Pollehn über Verletzlichkeit als kreative Ressource spricht, über das Recht, “unfertig” zu sein, über die Frage, was es bedeutet, sich in einem Werk zu zeigen, das dann einer Marke gehört.
Was das OMR-Publikum damit anfangen kann
Die OMR ist kein Kunstforum. Das Publikum dort denkt in Conversion-Raten, Kampagnen-ROI und Brand Safety. Was Pollehn ihnen dennoch zu sagen hat, ist praxisnah: Kreative, die aus echter Erfahrung arbeiten, liefern keine bessere Ästhetik – sie liefern eine andere Qualität der Aufmerksamkeit. Arbeit, die bereits vor ihrer Produktion durch etwas getragen wurde.
Für Marken ist das eine Zumutung: Man muss loslassen, bevor man weiß, was dabei herauskommt.
Danii Pollehns Antwort auf die Frage, was sie Marken raten würde, die Illustratoren wie sie beauftragen, war ebenso knapp wie treffend: „Gebt uns das Thema.“ Nicht die Lösung.
Auf der Bühne und danach
Was von dem Gespräch bleibt: das Bild einer Künstlerin, die ihr Handwerk aus echtem Material aufgebaut hat – und die genau weiß, wo die Grenze zwischen künstlerischer Integrität und kommerziellem Auftrag verläuft. Und die diese Grenze nicht als Bedrohung versteht, sondern als Voraussetzung, unter der interessante Arbeit erst möglich wird.
“Feel your glo” ist eine Kampagne. Aber die Diskussion, die sie ausgelöst hat, war mehr als das.
Danii Pollehn lebt und arbeitet in Lissabon. Ihre Arbeit ist unter daniipollehn.com zu finden. Marten Hørger tritt bei der BAT-Aftershow der OMR 2026 auf.