Am 13. August 1961 ging Berlin schlafen und wachte in einer anderen Stadt auf. Über Nacht wurden Straßen aufgerissen, Stacheldraht gespannt, Familien getrennt, Nachbarschaften zerschnitten. Keine Kriegserklärung, kein Volksentscheid – ein Politbüro-Beschluss, umgesetzt zwischen Mitternacht und Morgengrauen.
65 Jahre später ist der 13. August das nüchternste aller Berliner Gedenkdaten: kein Fest, kein Feuerwerk, nur die Erinnerung daran, wie schnell Freiheit verschwinden kann, wenn niemand sie verteidigt.
Das ist die eigentliche Lektion des Mauerbaus, und sie unterscheidet sich vom 9. November: Der Mauerfall zeigt, dass Unfreiheit überwindbar ist. Der Mauerbau zeigt, dass Freiheit nicht garantiert ist. Beides gehört zusammen, aber nur eines davon warnt.
Berlin gilt heute als die freieste Stadt der Welt – mit offener Kunstszene, radikaler Clubkultur und einem urbanen Raum, in dem sich Lebensentwürfe entfalten können, die anderswo unmöglich wären. Diese Freiheit wirkt selbstverständlich, gerade weil sie so gegenwärtig ist.
Der 13. August erinnert daran, dass sie das nicht ist. Die Mauer war keine Naturkatastrophe. Sie war eine politische Entscheidung, die eine offene Stadt fast über Nacht in eine geschlossene verwandelte. Offenheit lässt sich genauso beschließen wie Abschottung – nur meist langsamer, unauffälliger, über Gesetze statt über Beton.
Genau deshalb fällt der 65. Jahrestag dieses Jahr in eine besonders wache Zeit: Am 20. September wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Es entscheidet mit über Mietrecht und Ateliers, über Nachtleben und Sicherheit, über Zuwanderung und darüber, wie offen diese Stadt für Gründerinnen, Künstler und Zugezogene bleibt.
SLEEK positioniert sich nicht dazu, wer diese Wahl gewinnen soll – eine Redaktion, die editorische Unabhängigkeit für sich beansprucht, sollte sie auch ihren Lesern zugestehen. Aber der 13. August ist ein guter Tag, um sich klarzumachen: Die Freiheit, die Berlin ausmacht, wurde einmal in einer einzigen Nacht kassiert. Sie zu bewahren ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Daueraufgabe – auch und gerade an der Wahlurne.