Die afrikanischen Kulturen, die die westliche Kunst geprägt haben

 

Hannah Höch, From an ethnographic museum, No X and a Helmet Mask from the Baule Region Links: Hannah Höch, „Aus einem ethnografischen Museum, Nr. X“. Rechts: eine Helmmaske aus der Region der Baule

 
Picasso wird immer ein Synonym für den Kubismus bleiben. Was jedoch oft übersehen wird, ist, wie sehr diese Kunstbewegung von der afrikanischen Kunst geprägt war. Eine weitere Kunstbewegung, die stark von der afrikanischen Kunst beeinflusst wurde, ist der Dadaismus. Der Dadaismus, der 1915 in Hugo Balls berühmt-berüchtigtem Zürcher Nachtclub „Cabaret Voltaire“ gegründet wurde, ließ sich von Kunst und Kulturen aus aller Welt inspirieren. In diesem Schweizer Club trafen sich linksgerichtete Schriftsteller, Künstler und Denker zu Abenden mit progressiver Musik und Performances. Viele ihrer Darbietungen ahmten afrikanische Rituale nach, um das Publikum und sich selbst aufzurütteln und herauszufordern. Die Dada-Künstler wollten gegen bürgerliche Ideale und die Heuchelei der europäischen Gesellschaft rebellieren, die sich zwar als überlegen ansah, aber dennoch die Schrecken des Ersten Weltkriegs zuließ. In den Augen der Dadaisten hatte die europäische Kultur ihre Glaubwürdigkeit verloren, weshalb sie sich dem Rest der Welt zuwandten und gezwungen waren, dessen Reichtum und Gültigkeit anzuerkennen.
 

Uknown Artist, Mountain Sheep Katsina and Unkown Artist, Force Figure Links: Unbekannter Künstler, Katsina-Figur „Bergschaf“. Rechts: Unbekannter Künstler, Kraftfigur

Das Vermächtnis

Die Aneignung weltweiter Kulturen und Kunstwerke führte zu einem bahnbrechenden Fortschritt in der westlichen Kunst und prägte unsere Sicht- und Denkweise neu. So verschmolzen beispielsweise genreübergreifende Performances Musik, Text und Tanz; Poesie entstand allein aus Klängen; und die Lebensdauer eines Materials spielte keine Rolle mehr.
Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Dadaismus findet im Berlinische Galerie mit dem Titel “Dada Africa: Dialog mit dem Anderen” beleuchtet die Verbindung zwischen Dada und außereuropäischen Kulturen. Zu den 120 ausgestellten Werken gehören unter anderem eine Helmmaske (Bo Nun Amuin) des Volkes der Baule (Elfenbeinküste, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts) sowie eine hölzerne Ahnenfigur (Osterinsel, 19. Jahrhundert), die im selben Raum zu sehen sind wie Man Rays “Fisherman’s Idol” (1926) und Hannah Höchs “Aus einem ethnografischen Museum Nr. X” (1925). Diese kuratorische Gegenüberstellung eröffnet viele der Werke europäischer Künstler in einem neuen, aufschlussreichen Licht, lässt jedoch die Tatsache außer Acht, dass Dada auch sehr problematisch sein kann.
 

Raoul Hausmann, People are Angels and Live in Heaven and Sophie Taeuber, Arp Abstract Motif Links: Raoul Hausmann, „Menschen sind Engel und leben im Himmel“. Rechts: Sophie Taeuber, „Arp – Abstraktes Motiv“

Die Kontroverse

Vom Titel bis hin zu den Exponaten verlagert die Ausstellung den Fokus gezielt auf außereuropäische Kunst. Dennoch leidet sie nach wie vor unter derselben Engstirnigkeit, die den Dadaisten selbst vorgeworfen wird. Von Anfang an betrachtete Dada außereuropäische Kulturen als das “Andere” und schreckte nicht davor zurück, deren “Andersartigkeit” zu exotisieren. Dieser Opportunismus ist in der Kunst seitdem fast unhinterfragt geblieben: von Jean-Luc Godards Zitat “Es kommt nicht darauf an, woher man Dinge nimmt – sondern wohin man sie bringt” bis hin zu Ai Weiwei indem er die Schwimmwesten der Flüchtlinge als seine Farbpalette nutzte.
Durch Juxtaposition und andere Techniken erfand der Dadaismus zwar neue Sichtweisen und konfrontierte Nazideutschland mit neu belebten Schönheitsidealen in der Kunst. Dabei wurde jedoch übersehen, dass er die Heuchelei des Westens fortsetzte, indem er die Schrecken der europäischen Kolonialisierung einfach ignorierte und sich diese aneignete, anstatt mit ihnen in einen Dialog zu treten.
Die Vielfalt des Dada-Repertoires prägt die Kunst bis heute, einschließlich der Probleme, die mit der Aneignung einhergehen. Diese Ausstellung dokumentiert die kulturellen Schnittstellen, die der Dadaismus geschaffen hat, und lässt dabei Raum für individuelle Einschätzungen der komplexen politischen Implikationen. Sie wirft die Frage auf, wo die westliche Kunst heute ohne den Dadaismus stünde – aber vielleicht noch wichtiger: Wo stünde sie ohne den Rest der Welt?.
 

Marcel Janco. Design for Dada Poster and Mechanical head of Raoul Hausmann Links: Marcel Janco. Entwurf für ein Dada-Plakat. Rechts: Mechanischer Kopf von Raoul Hausmann

 
Dada Afrika” ist bis zum 7. November 2016 in der Berlinischen Galerie zu sehen“