Fotos: Nina Raasch.
Anja Schneider, die Ikone der Berliner Club- und Techno-Szene, gewährt intime Einblicke in ihre persönliche Entwicklung innerhalb der Musikindustrie über zwei Jahrzehnte hinweg. Sie erzählt von den Anfängen ihrer Karriere, den unzähligen Auseinandersetzungen, die sie durchstehen musste, und ihren Hoffnungen für die Zukunft.
‘DJ zu werden, war ursprünglich nie meine Absicht’, verrät Schneider. ‘Ich war fasziniert, völlig in den Bann gezogen von der Musik und dem pulsierenden Leben Berlins in den Neunzigern.’ Ihr erster Besuch im legendären Tresor-Club im Jahr 1993 erwies sich als entscheidend. Der rohe, wilde Puls der Underground-Szene sandte ihr eine klare Botschaft: Köln kann warten; Berlin ruft.
Ihre berufliche Laufbahn begann in einer Werbeagentur, und obwohl sie Kommunikationswissenschaften studiert hatte, war es das Radio, das ihr Herz höher schlagen ließ. Bei Kiss FM, Berlins ‘Piratensender’, begann sie, den musikalischen Kosmos ernsthaft zu erkunden. Hier entschlüsselte sie nicht nur die Formel für bahnbrechende Radiosendungen, sondern nutzte auch die Kraft des Mediums, um elektronische Musik weit und breit zu verbreiten. Schneiders DJ-Künste waren das Ergebnis der Not: Bei ihrem ersten Auftritt musste sie direkt nach Paul Kalkbrenner auflegen, was sie unter enormen Druck setzte. Doch genau das spornte sie erst recht an, ihr Handwerk zu verfeinern, betont sie. Im Laufe der Jahre hat sie sich einen festen Platz in den Annalen der Techno-Szene gesichert, stand bei der Love Parade hinter den Plattentellern und gründete ihre eigenen Labels: Mobilee Records im Jahr 2005 und, nach ihrem Ausscheiden bei Mobilee, Sous Music im Jahr 2017.
Fotos: Nina Raasch.
Schneider betrachtet ihre Karriere nicht nur als eine Abfolge von Jobs, sondern als ein einziges, zusammenhängendes Ganzes. Ohne ihr Engagement beim Radio hätte sie sich vielleicht nie hinter die Plattenteller gewagt. Ihre Sendungen dienten ihr als Sprungbrett, um aufstrebende Talente zu entdecken und zu fördern, was wiederum zur Gründung ihrer Labels führte. Heute unterstützt sie junge Künstler mit Leidenschaft und setzt sich für Gleichberechtigung in der von Männern dominierten DJ-Szene ein. Schneider betrachtet die Entwicklung der Techno-Szene mit kritischem Blick, insbesondere die übermäßige Kommerzialisierung und die obsessive Fixierung auf soziale Medien. ‘Ich bleibe jedoch hoffnungsvoll und sehe diese Veränderungen als Chance, die Szene zu verjüngen und neu zu beleben.’
Schneiders Begeisterung für Musik ist ungebrochen. Sie plant, weiterhin ein dynamischer Teil der Szene zu bleiben – sei es durch die Organisation neuer Events, die Ausstrahlung ihrer Podcasts oder die Wiederbelebung ihres Labels, um klassische Tracks neu zu veröffentlichen. Es sind ihr unerschütterliches Engagement, ihr Innovationsgeist und ihre tiefe Liebe zur Musik, die Anja Schneider immer wieder an die Spitze der Techno-Welt bringen. Ihr neuestes Projekt, die ‘PuMp’-Partys im Club Ohm, finden einmal im Monat samstags von 16 bis 20 Uhr statt – ein perfekter Start ins Wochenende, voller großartiger Musik und toller Gesellschaft. Zudem die Jubiläumskompilation Anja Schneider – Neuinterpretationen & Remixe soll im Juni erscheinen.
Kredite
Text von: Christian Bracht
Fotografie: Nina Raasch
Styling: Saskia Jung