„Ich will eigentlich immer nur spielen“, antwortete Ben schon als kleiner Junge auf die Frage, was er später einmal werden wolle. Von ersten Spielszenen im Kinderzimmer, bei denen er alle Figuren mit unterschiedlichen Stimmen selbst verkörperte, bis hin zu prägenden Rollen – so fand Ben durch Selbstvertrauen und den Mut, Neues auszuprobieren, seinen ganz eigenen Weg.
An dem ersten milden Sonnentag im Februar begrüßt mich Ben, der gerade von der Mailänder Fashion Week zurückgekehrt ist, in unserem Videogespräch. Schnell wird klar: Eine einzige Bezeichnung wie „Schauspieler“ wird ihm nicht gerecht.
Zwar ist Ben, der neben seinen deutschen auch spanische Wurzeln hat, bereits seit mehreren Jahren auf der Leinwand zu sehen (u. a. in der Serie Maxton Hall) – daneben ist er aber auch Musiker und konnte durch seine Jobs in der Gastronomie bereits während seiner Schulzeit intensive Menschenstudien betreiben, die ihn bei der Wahl seiner Rollen inspirieren. Das Prinzip dieser Vielseitigkeit bzw. das Motto, das Ben durch seine vielfältigen Aktivitäten verkörpert, lautet: „Folge dem, was dich glücklich macht“.
Mein Interview mit Ben entwickelte sich von der Nachzeichnung seines Lebensweges zu einer Reflexion darüber, welchen Einfluss Schauspiel und Musik auf seine persönliche Entwicklung haben und welche Rolle soziale Medien in diesem Zusammenhang spielen. Und das führte durchaus zu einer Erkenntnis, die er Menschen mit auf den Weg geben möchte, die ihren Weg finden wollen.
Hanna Jungwirth Wann hast du deine Kreativität entdeckt?
Ben Felipe Meine Mutter erzählt immer, dass sie mich in meinem Kinderzimmer gehört hat, wie ich meine Stimme verstellt habe. Ich habe Szenen gespielt, in denen ich mal die eine und dann die andere Rolle übernommen habe. Irgendwann fragte mich mein Bruder: „Was willst du später einmal werden?“ Ich sagte: „Ich will eigentlich immer nur spielen.“ Er meinte: „Dann musst du Schauspieler werden.“ Von diesem Moment an war mir klar, was ich wollte. Es gab trotzdem noch verschiedene Phasen – eine Zeit lang wollte ich Opernsänger werden, habe viel getanzt und wollte Musicals machen. Ich hatte auch Phasen, in denen ich etwas ganz anderes machen wollte. In der Schule habe ich aber schnell gemerkt, dass es das Einzige ist, was ich gut kann, was mir leichtfällt und mir ohne große Anstrengung Freude bereitet. Meine Lehrer haben das sehr gefördert und gesagt: „Ist egal, wenn du keine guten Noten hast, du wirst eh Schauspieler.“ Dadurch habe ich die Schule etwas schleifen lassen, das Abitur aber später nachgeholt. Es war immer klar, dass ich der kleine Künstler in der Familie bin, auch wenn ich zwischendurch Angst hatte und darüber nachgedacht habe, doch noch etwas anderes zu studieren. Ich hatte immer ein gutes Urvertrauen, dass alles irgendwohin führt.
HJ Du hast auch eine Zeit lang in der Gastronomie gearbeitet. War das ein Beruf, den du dir langfristig hättest vorstellen können?
BF Mit 14 habe ich in der Gastronomie angefangen, weil es mir Spaß gemacht hat. Später bin ich auf eine Schule gegangen, die Geld gekostet hat, und habe meinen Eltern versprochen, dass ich dieses Geld selbst verdienen werde. Also habe ich ein halbes Jahr lang Vollzeit in der Gastronomie gearbeitet. Zu Beginn meiner Karriere hatte ich immer diesen Wechsel: an einem Tag Gastronomie, am nächsten Tag ein Casting. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mein Beruf als Schauspieler darunter leidet – man konnte sich nicht so gut vorbereiten und war ständig übermüdet. Ich habe mir gesagt, dass ich lieber auf die finanzielle Sicherheit verzichte und dafür das mache, was ich wirklich will. Das hat sich ausgezahlt, denn die Castings wurden besser und ich war konzentrierter. Trotzdem gehört die Gastronomie absolut zu meinem Weg dazu. Sie gibt mir auch die Gewissheit, dass ich dort wieder gut Fuß fassen könnte, falls es mit der Schauspielerei mal nicht weitergehen sollte. In der Gastronomie lernt man extrem viel – wie man mit schwierigen Gästen umgeht oder sich mal zurücknimmt. Solche Begegnungen und Beobachtungen beflügeln meine Kreativität für den Schauspielerberuf total.
HJ Würdest du sagen, dass du dich gut mit deinen Rollen identifizieren kannst?
BF Für mich ist es immer wichtig, dass ich verstehen kann, warum jemand etwas tut. Das heißt nicht, dass ich es richtig finden muss – aber ich muss es nachvollziehen können. Erst dann wird eine Rolle für mich interessant und überhaupt spielbar. Ich glaube, es fällt mir auf jeden Fall leichter, laute Rollen zu spielen; Intimität zu zeigen, fällt mir schwerer. Trotzdem finde ich es interessanter, Rollen zu spielen, in denen man genau diese andere Seite zeigt.
HJ Inwiefern haben dich bestimmte Rollen verändert?
BF Bei Kitz Ich habe Hans gespielt, der auf dem Land aufwächst und mit seiner Sexualität hadert. Danach habe ich viele Nachrichten von Menschen erhalten, die die Serie gemeinsam mit ihren Eltern gesehen haben – und bei denen der Vater dadurch besser verstanden hat, wie sich der Sohn fühlt. Das hat mich sehr bewegt. Man setzt sich automatisch mit sich selbst auseinander: Wie würden meine eigenen Eltern reagieren? Jede Rolle bringt Dinge zum Vorschein, die man vielleicht verdrängt hat. Wichtig ist nur, gesund damit umzugehen und trotzdem professionell arbeiten zu können. Und auch künstlerisch prägen mich Rollen. Am Ende des Tages kann man sagen: Wir drehen einen Film, gehen auf den roten Teppich, alle haben Geld verdient – und gut ist. Aber für mich fehlt da der künstlerische Anspruch. Auch Unterhaltungsfernsehen kann Substanz haben. Maxton Hall, zum Beispiel, hat vielleicht keinen extrem hohen Arthouse-Anspruch, vermittelt aber dennoch eine klare Botschaft über Liebe und gesellschaftlich relevante Themen. Für mich ist entscheidend, dass jede Szene etwas erzählt und einen Eindruck hinterlässt.
HJ Spürst du schon vor Beginn eines Projekts, ob eine Rolle dich irgendwie anspricht?
BF Ich tue mich total schwer mit Proben. Wenn ich zu Hause ein Drehbuch lese, entsteht in meinem Kopf sofort ein Film: Ich habe Bilder vor Augen und denke: Okay, so stelle ich mir das vor, das wird richtig gut. Das kann aber auch schnell zu einer Enttäuschung führen, wenn man dann am Set steht und merkt, dass alles ganz anders ist als gedacht. Bei Proben ist es oft so, dass schon vorher viel ausprobiert wird und dann Anweisungen kommen wie: „Mach es mehr so oder so.“ Dann merke ich, dass ich das in diesem Moment noch gar nicht kann. Ich arbeite eher intuitiv, tauche in die Situation ein und schaue, was passiert. Vielleicht steht da plötzlich ein Glas, und aus dem Moment heraus nehme ich es und werfe es auf den Boden – einfach, weil es sich richtig anfühlt. Aber genau das funktioniert für mich bei Proben nicht. Wenn ich es vorher festlege oder zu oft wiederhole, fühlt es sich leblos an. Dann ist es nicht mehr die echte Situation, sondern nur noch eine Wiederholung davon.
HJ Geht es dir bei Social Media eher um das Image oder um Authentizität?
BF Social Media ist für mich extrem schwierig. Man zeigt nur die schönen Seiten. Ich würde nichts posten, wenn ich weinend auf dem Sofa sitze, weil man das nicht mit jedem teilen möchte. Es ist verständlich, dass die Welt nur die schönen oder lustigen Seiten zeigt. Gerade bei meiner Musik ist es schwierig, weil sie so persönlich ist. Auf TikTok soll man tanzen, Werbung machen – das ist mir manchmal unangenehm. Ich glaube, wenn ich einen Weg fände, es authentisch zu gestalten, würde es besser funktionieren. Aber ich weiß noch nicht genau, wie. Social Media hat aber auch vieles ermöglicht. Ohne wäre vieles nicht möglich gewesen.
HJ Kannst du deine Gefühle besonders gut durch Musik zum Ausdruck bringen?
BF Ja, auf jeden Fall. Musik ist wie eine Therapie. Oft entsteht ein Song aus einem Gefühl heraus. Mein Produzent spielt etwas auf dem Klavier, und das löst dann etwas in mir aus – einen Satz, ein Thema. Und daraus entsteht ein Song. Viele denken, ich sei depressiv, wenn sie meine Musik hören. Aber mir geht es gut. Ich schreibe einfach lieber über tiefgründigere Themen als über Partys.
HJ Schauspiel oder Musik? Könntest du dich entscheiden?
BF Nein. Beides ist für mich Therapie. Beim Schauspiel lösen Figuren etwas in mir aus, bei der Musik sind es Melodien. Manchmal höre ich sogar Musik, um mich auf eine Rolle einzustimmen. Für mich gehört das zusammen.
HJ Was würdest du Menschen raten, die nicht wissen, welchen Beruf sie ergreifen sollen?
BF Ich würde sagen: Habt weniger Angst vor Unsicherheit. Probiert verschiedene Dinge aus. Macht Praktika. Findet heraus, wofür ihr eine Leidenschaft entwickelt. Man hat mehr Zeit, als man denkt. Mit Anfang 20 dachte ich, bis 30 müsse ich alles erreicht haben. Jetzt bin ich fast 30 und denke: 30 ist eigentlich noch richtig jung. Nehmt euch den Druck, aber arbeitet trotzdem hart für euren Traum. Macht etwas, das euch erfüllt – das Geld kommt dann meistens von selbst.
Alle Fotos von SARAH STORCH