Wiebke Siem, “Türmchenhut, dreifarbig”, 1987, Foto: © Wiebke Siem
Das Stadtmuseum, die Berlinische Galerie, heißt die Besucher ab heute bis zum 30. Mai 2022 willkommen mit “Bilder in der Mode – Kleidung in der Kunst. Fotografie, bildende Kunst und Mode seit 1900”, wobei die Beziehung zwischen Mode, künstlerischen Strömungen und Gesellschaft untersucht wird, und zwar anhand von Darstellungen aus dem 20. Jahrhundert in Form von Fotografien, Gemälden, Zeichnungen, Modedesigns und zeitgenössischer Kunst.
“Welche Rolle hat die Mode in der Malerei, Zeichnung und Fotografie des vergangenen Jahrhunderts gespielt? Nach welchen Regeln wurden Kleidung und Kostüme in der bildenden Kunst eingesetzt? Wie kleideten sich Künstler und wie präsentierten sie sich damals und heute? Wie wird Mode in der zeitgenössischen Kunst als Medium genutzt?” – Ausgehend von diesen Fragen entfaltet sich der Erzählstrang der Ausstellung mehr oder weniger chronologisch in thematischen Abschnitten und beleuchtet eine Vielzahl von Künstler*innen wie Anna Muthesius, Helmut Newton, Lotte Laserstein, Christian Schad, Sibylle Bergemann, August Sander, Alexandra Hopf oder den queeren Fotografen Rolf von Bergmann. Die ausgewählten Werke und Kleidungsstücke sind wie Fenster zu bestimmten Zeitpunkten und verknüpfen die Modereformbewegung um 1900 mit dadaistischen Ideen der 1920er Jahre und avantgardistischen Kreationen der zeitgenössischen Kunst.
Rund 270 Exponate verdeutlichen die starke kommunikative Kraft und den semiotischen Wert der Kleidung, denn Mode ist nicht nur das Werk von Designern, sondern ein Bild voller Anspielungen, das den Kontext einer Epoche widerspiegelt. Sie spiegelt verschiedene Aspekte wider, indem sie ästhetische Vorstellungen, Politik, Schönheitsideale und gesellschaftliche Veränderungen im Zusammenhang mit technologischen Innovationen veranschaulicht. Der Wandel kultureller Werte spiegelt sich oft in der Geschichte der Kunst und der Mode wider.
Ausstellungsansicht: "Bilder in der Mode – Kleidung in der Kunst. Fotografie, bildende Kunst und Mode seit 1900", Berlinische Galerie, Foto: © Harry Schnitger
So war beispielsweise Anna Muthesius eine Verfechterin der Anti-Mode und eine Vorreiterin der Reformbewegung in Deutschland. Sie lehnte das körperlich einengende Korsett in der Damenmode ab. Sie entwarf ihre eigenen Modelle, die auf ihrer Philosophie basierten, über die sie 1903 ein Buch veröffentlichte, Das Eigenkleid der Frau („Women’s Own Dress“) ermutigt Frauen, sich nicht von Modetrends leiten zu lassen und selbst zu entscheiden, was sie tragen möchten.
Jacob Hilsdorf, Anna Muthesius, 1911, © Urheberrecht abgelaufen, Reproduktion: Anja Elisabe, Berlinische Galerie
In Designzeitschriften wurden unterschiedliche Reaktionen auf verschiedene Reformstile veröffentlicht; darauf folgte ein rasch wachsender Zeitschriftenmarkt, und in den 1920er Jahren wurde die Modeillustration zu einem wichtigen Ausdrucksmittel und Einkommensquelle für Künstlerinnen wie beispielsweise Jeanne Mammen. Ihre Illustrationen und Zeichnungen fingen die Metropole Berlin in den goldenen 20er Jahren ein und zeigten gesellschaftliche Szenen, die verdeutlichten, was moderne Frauen zu jener Zeit ausmachte.
Jeanne Mammen, “In der Bar”, erschienen in “Simplicissimus”, 1930, Jg. 35, Nr. 40, um 1930, Berlinische Galerie, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022
Lotte Laserstein (1898–1993), „Dame mit rotem Barett“, 1931, Berlinische Galerie, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Anja Elisabeth Witte
Ein weiteres Highlight der Ausstellung ist Lotte Laserstein, die sich durch ihr Werk aus den letzten Jahren der Weimarer Republik auszeichnet, insbesondere durch die Bildporträts der “Neuen Frau” aus weiblicher Perspektive.
Lasersteins sorgfältig komponierte Gemälde bleiben realistisch und stellen die emanzipierte Frau mit sinnlicher Kleidung und Körperlichkeit in den Vordergrund. Ein Großteil ihres künstlerischen Schaffens besteht aus Frauenporträts, während sie nur selten männliche Modelle malte. Laserstein zählt zu den bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, obwohl ihre Werke in der Nachkriegszeit vernachlässigt wurden und sie erst seit den 1990er Jahren verspätete Anerkennung erhielt.
August Sander, Ohne Titel (Raoul Hausmann als Tänzer), 1929, © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August-Sander-Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Reproduktion: Anja Elisabeth Wi
Verändernde Modetrends spiegeln gesellschaftliche Wandlungen wider – so auch in der Zeit des Modernismus, als sich die Kleidung der Künstler nicht mehr nur auf Malerkittel beschränkte. Im Jahr 1929 posierte Raoul Hausmann, eine der Schlüsselfiguren des Berliner Dada, in seiner selbst entworfenen ’Oxford-Hose’ vor August Sanders Kamera. Parallel dazu interpretierte die zeitgenössische Künstlerin Alexandra Hopf, inspiriert von den “Oxford-Hosen”, das Kleidungsstück für diese Ausstellung als textiles Objekt. Aus dieser Auseinandersetzung entstand eine Installation, die Bewegung, Licht und Klang vereint.
Ausstellungsansicht: "Bilder in der Mode – Kleidung in der Kunst. Fotografie, bildende Kunst und Mode seit 1900", Berlinische Galerie, Foto: © Harry Schnitger
Wenn wir über künstlerische Ausdrucksformen sprechen, war die LGBT-Bewegung in West-Berlin Ende der 1970er und in den 1980er Jahren eine treibende Kraft, als kreative Menschen alternative Lebensweisen ausprobierten. Für queere Künstler*innen war Kleidung ein Mittel zur Selbstermächtigung, während sich ihre Werke mit Geschlechtsidentität auseinandersetzten, was sich unweigerlich auch in der Mode widerspiegelte. Der Fotograf Rolf von Bergmann wurde zu einem wichtigen Chronisten der Berliner Szene und vertraute der Berlinischen Galerie zahlreiche Designobjekte aus seinen eigenen Performances an, die nun erstmals im Museum zu sehen sind.
Rolf von Bergmann, Run-a-Ways (Serientitel), New York 1979 © Berlinische Galerie / VG Bild- Kunst, Bonn 2022
Neben bedeutenden Positionen der Kunstgeschichte präsentieren zeitgenössische Künstlerinnen wie Wiebke Siem, Ursula Sax und Alexandra Hopf Kleidung als skulpturale oder performative Installationen, in denen sie historische Vorbilder einfließen lassen, beispielsweise die geometrischen, konstruktivistischen Uniformen, die nach der Russischen Revolution von Avantgarde-Künstlern wie Warwara Stepanowa, Wladimir Tatlin und Alexander Rodtschenko entworfen wurden.
Alexandra Hopf, Nachlass von A. Rodtschenko, # 1–8, 2012, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Alexandra Hopf