Fotos: Roman März.
Gute Kunst macht sich verwundbar. Deshalb ist sie oft das Erste, was angegriffen wird, wenn politische Systeme konservativer werden oder in den Faschismus abgleiten.
Ich schreibe über Haltung, weil ich mich täglich damit auseinandersetze – in der Malerei, einem Medium, das oft als zu glatt, zu schön, zu endgültig missverstanden wird. Es fordert mich heraus, weiter zu gehen und visuelle Gewohnheiten zu hinterfragen. Ich nutze die Malerei wie eine Leinwand, etwas, mit dem ich interagieren kann, etwas, das mir Dinge zurückwirft.
Meine Arbeit lotet die Oberflächen der Gegenwart aus. Sie stellt sich Körper vor, die sich durch Netzwerke bewegen, Emotionen, die mit politischen Systemen verflochten sind, und das Innenleben der darin gefangenen Subjekte. Es handelt sich dabei weder um einen Protest noch um einen Kommentar, sondern um eine Art des Nachdenkens durch Bilder – teils Experiment, teils Auferlegung.
Fotos: Roman März.
In letzter Zeit stelle ich oft zwei Figuren einander gegenüber. Ob sie sich umarmen oder versuchen, einander zu erwürgen, bleibt offen. Was mich interessiert, ist der Raum zwischen ihnen, das Dritte, das entsteht, wenn zwei Subjekte aufeinandertreffen. Niklas Luhmann definierte soziale Systeme nicht als Ansammlungen von Individuen, sondern als Kommunikationsnetzwerke. Beziehungen sind für ihn nicht das, was zwischen Menschen besteht, sondern das, was durch gegenseitige Beobachtung und potenzielle Verbindung entsteht.
Genau das versuche ich einzufangen: Wie lassen sich Beziehungen in einer Welt sichtbar machen, in der Nähe und Kontrolle zunehmend digitaler werden? Wie drücke ich Emotionen in abstrakter Form aus? Wie schaffe ich Bilder, die offen sind und nachhallen?
Vielleicht beginnt alles mit Mut. Denn etwas zu zeigen bedeutet, sich selbst zu zeigen. Und gute Kunst muss verletzlich sein – nicht, weil sie eine Funktion erfüllt, sondern weil sie per Definition zweckfrei bleiben muss. Wenn sie einem klaren Zweck dient, wird sie zu einer öffentlichen Bekanntmachung oder zu Propaganda.
Künstlerische Haltung ist nicht lautstark. Im Gegensatz zu politischen Haltungen, die durch Klarheit und Slogans wirken, sind künstlerische Haltungen vielschichtig, subtil und oft widersprüchlich. Sie schreit nicht, sondern leistet Widerstand. Ihre Kraft liegt nicht in der Botschaft, sondern in der Struktur. Nicht in der Klarheit, sondern in der Komplexität.
Fotos: Roman März.
Wenn künstlerische Haltung mit politischer Meinung verwechselt wird, verschwimmen die Grenzen – und die Kunst läuft Gefahr, instrumentalisiert zu werden. Neben echter künstlerischer Überzeugung und offener Politisierung gibt es eine dritte, vielleicht entmutigendste Form der Haltung: dekorative Kunst. Kunst, die leicht zu konsumieren ist, auf die Inneneinrichtung zugeschnitten und für Instagram aufbereitet. Lifestyle-Kunst. Keine Aussage, nur Form. Keine Fragen, nur ästhetische Lösungen. Keine Haltung, nur Stimmung.
Diese Künstler besetzen oft Räume, die einst für anspruchsvolle oder provokative Werke reserviert waren. Heute prägen dort fröhliche Farbpaletten und eine designorientierte Ästhetik das Bild, die vage an Joan Mitchell oder Keith Haring erinnern. Sie ahmen die Oberfläche bedeutungsvoller Kunst nach, ohne das Bedürfnis zu verspüren, eine eigene innere Haltung zu entwickeln.
Fragt man sie, sprechen sie von “Schönheit” und “Ausdruck”, als würden sie eine weniger selbstreflexive Version romantischer Ideale rezitieren. Sie sind Teil dessen, was ich als “OnlyFans-ifizierung” der Kunst bezeichnen würde: Es sieht aus wie Kunst, geht aber niemals ein Risiko ein. Es dient lediglich der Dekoration – vorzugsweise des Kapitals.
Natürlich kann eine bestimmte Haltung auch im Rahmen des Kapitalismus zum Tragen kommen. Man denke nur an Andy Warhol, dessen Werk Klarheit und Kohärenz bewahrte, obwohl es sich der Marktlogik verschrieb. Konsistenz, Hierarchie, Kanon. Ja, das sind gewichtige Begriffe, aber die Kunst muss sich mit ihnen auseinandersetzen und darf sie nicht ignorieren.
Fotos: Roman März.
Künstlerinnen wie Marianna Simnett schaffen es, mit diesen Widersprüchen umzugehen. Ihr Webshop, der in der Welt der hohen Kunst oft als Tabu gilt, bricht mit dem romantischen Ideal des „Unverkäuflichen“. Und doch wirkt ihre Geste nicht wie Selbstdarstellung, sondern wie eine subtile Form des Widerstands – ein Weg, als Frau, die Kunst schafft, in einem von Männern dominierten System zu überleben. Dank Kontext und Inhalt ist ihr Handeln subversiv, nicht oberflächlich.
Dennoch ist dies nicht ganz widerspruchsfrei. Die einen sehen darin kommerziellen Opportunismus, die anderen einen Beweis dafür, dass die künstlerische Geste längst vom Markt vereinnahmt wurde. Eine Haltung steht immer in einem Kontext.
Félix González-Torres hat sich einst in “Ohne Titel” (Plakat mit einem leeren Bett) Ein öffentliches Foto von zwei Abdrücken in Kissen und Bettlaken. Obwohl es sehr persönlich war, war es nicht offen politisch. Es war still, offen und emotional weitreichend. Die Identität des Künstlers ist präsent, steht aber nicht im Vordergrund. Die Kraft liegt in der Mehrdeutigkeit. Eine Plakatwand, die für nichts wirbt – und doch alles sagt.
Fotos: Roman März.
Diese Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, ist es, was gute Kunst ausmacht. Für mich bedeutet künstlerische Haltung, Entscheidungen zu treffen, ohne zu wissen, ob sie richtig sind. Das Risiko des Scheiterns einzugehen. Bilder zu schaffen, die das Selbst nicht behaupten, sondern es immer wieder hinterfragen. Denn Kunst, die nichts wagt, wird irrelevant.
Ein Leben ohne Kunst könnte dennoch einen Sinn haben.
Aber das wird keine Bedeutung haben.