Janina Mütze. Fotos: Rica Rosa.
Veränderung ist eine Konstante – und dennoch löst sie bei vielen Menschen Unsicherheit oder sogar Angst aus. Warum fällt uns Veränderung so schwer? Wie kann unsere Gesellschaft einen besseren Weg finden, mit Veränderungen umzugehen? Janina Mütze, Mitbegründerin und Geschäftsführerin von Civey, einer der führenden Plattformen für digitale Meinungsforschung in Deutschland, spricht mit Christian Bracht über die Herausforderungen des Wandels, den Einfluss von Politik und Wirtschaft sowie die Rolle des Einzelnen in einem sich rasch wandelnden Umfeld.
CHRISTIAN BRACHT Frau Mütze, Veränderungen gibt es überall, doch viele Menschen empfinden sie als beängstigend. Woran liegt das?
JANINA MÜTZE Veränderung ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, bedeutet aber zunächst einen Verlust an Stabilität. Wenn wir akzeptieren, dass wir in eine Phase des Wandels eintreten – und ich denke, man kann mit Sicherheit sagen, dass dies der Fall ist –, dann müssen wir besser darin werden, klare Ziele für diese Phase zu formulieren. Das heißt, wir müssen erklären, warum wir uns verändern, woher diese Veränderung stammt, warum sie gerade jetzt stattfindet und welche Ergebnisse wir uns davon erhoffen können. Sicherheit ist ein tief verwurzeltes Bedürfnis. Veränderung bedeutet oft Unsicherheit, einen Kontrollverlust. Unsere Umfragen zeigen derzeit, dass das Gefühl der Unsicherheit bei den Menschen größer ist als je zuvor. Gleichzeitig nehmen positive Emotionen wie Zuversicht, Hoffnung oder Dankbarkeit ab. Das Problem ist, dass Veränderungen oft ohne eine klare Vision für ein erstrebenswertes Ergebnis angekündigt werden. Die Menschen wissen nicht, was sie von dieser Veränderung zu erwarten haben. Dies führt zu kollektiver Unsicherheit.
CB Gab es in der Geschichte jemals eine vergleichbare Phase des Wandels?
JM Die schiere Anzahl der Bereiche, die derzeit alle gleichzeitig vom Wandel betroffen sind, ist in dieser Form neu. Wir erleben geopolitische Veränderungen, gepaart mit der Digitalisierung sowie Umbrüchen in der Arbeitswelt. Über mehrere Generationen hinweg etablierte Überzeugungen oder Glaubenssätze bröckeln, was dies meiner Meinung nach zu einem einzigartigen Moment in der Geschichte macht. Wenn wir auf das Nachkriegsdeutschland zurückblicken, gab es immer die Hoffnung, dass es besser werden würde. Jetzt gibt es zum ersten Mal eine Generation, die glaubt, dass ihr Leben schlechter sein wird als das ihrer Eltern. Es gibt einen Riss in unserem gesellschaftlichen Selbstbild.
"Auch Politiker müssen lernen, wie sie das Vertrauen zurückgewinnen können, denn das Vertrauen in staatliche Institutionen schwindet rapide. Um eine funktionierende Gesellschaft zu gewährleisten, müssen die Bürger wieder das Gefühl haben, von ihrer Regierung vertreten und ernst genommen zu werden."
CB „Disruption“ ist ein Schlagwort unserer Zeit. Muss echter Wandel zwangsläufig disruptiv sein?
JM Nicht unbedingt. Disruption kann produktiv sein, muss sich aber nicht immer als radikaler Bruch äußern. Was wir in den USA beobachten – massive Umstrukturierungen von Regierungsbehörden, groß angelegte Entlassungen von Beamten von heute auf morgen – trifft auf Deutschland nicht zu. Doch auch hier in Deutschland werden die Rufe nach einer Beschleunigung immer lauter. Viele wünschen sich, dass Entscheidungen konsequenter umgesetzt werden. Wir brauchen nicht immer große, revolutionäre Konzepte, aber wir müssen mutiger werden und klarere Strategien verfolgen.
CB Was sind die drei wichtigsten Schritte für eine erfolgreiche Veränderung?
JM Erstens: eine überzeugende Vision. Die Menschen müssen wissen, worauf sie mit dem Wandel hinarbeiten. Zweitens: echte Dynamik. Der Wandel muss spürbar vorangetrieben werden. Drittens: Akzeptanz und Erfolgserlebnisse. Menschen akzeptieren Veränderungen nur, wenn sie erkennbare Vorteile mit sich bringen.
CB Sollten Politiker offener über Veränderungen sprechen?
JM Ja, Politiker müssen entschlossener handeln; sie müssen für Sicherheit sorgen, anstatt die Menschen sich selbst zu überlassen, damit sie über dystopische Informationen grübeln. Die Programme vieler Parteien sind viel zu vage, was ein Problem darstellt. Es bedarf einer radikalen Zukunftsvision, und es spielt fast keine Rolle, für welche Strategie sich die Politiker entscheiden, solange sie diese über Jahre hinweg konsequent verfolgen.
CB Sie haben gesagt, die Politik müsse mutiger sein. Was genau sollte sich ändern?
JM Politiker müssen ehrlicher vermitteln, dass wir gerade einen grundlegenden Wandel erleben. Anstatt Panik zu schüren, müssen sie unsere aktuelle Realität erklären. Zu viele Parteiprogramme enthalten unrealistische Versprechen. Stattdessen brauchen wir eine langfristige Strategie für die Wirtschaftsentwicklung, die digitale Transformation und die Zukunft der Arbeit. Diese Strategie muss konsequent umgesetzt werden. Politiker müssen zudem lernen, wie sie das Vertrauen zurückgewinnen können, denn das Vertrauen in staatliche Institutionen schwindet rapide. Um eine funktionierende Gesellschaft zu gewährleisten, müssen die Bürger wieder das Gefühl haben, von ihrer Regierung vertreten und ernst genommen zu werden.
Christian Bracht. Fotos: Kristian Schuller.
CB Sie beobachten die Stimmung in der Gesellschaft sehr genau. Glauben Sie, dass Deutschland bereit für einen radikalen Wandel ist?
JM Der Druck, Veränderungen herbeizuführen, ist enorm. Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft zu mutigen Entscheidungen fähig ist – sofern klare Ziele vorliegen. Die Menschen spüren, dass ‘Weiter wie bisher’ nicht mehr funktioniert. Doch wir müssen den Wandel so gestalten, dass er nicht als Bedrohung, sondern als Chance wahrgenommen wird. Wir müssen klar kommunizieren, welche Veränderungen notwendig sind und vor allem, welche langfristigen Vorteile diese Veränderungen für uns alle mit sich bringen werden.
CB Die Angst vor dem Unbekannten ist eines der größten Hindernisse für Veränderungen. Wie kann die Gesellschaft lernen, Veränderungen als etwas Positives zu betrachten?
JM Durch Ehrlichkeit – Ehrlichkeit als Konzept. Es ist interessant zu beobachten, dass in so vielen Ländern – insbesondere in Deutschland – der Begriff der Wahrheit keine Rolle mehr spielt. Wir haben keine einzige Wahrheit mehr, auf die wir uns alle einigen können und die wir dann als Grundlage für die Suche nach Lösungen nutzen. Stattdessen müssen wir nun lernen, mit unterschiedlichen Wahrheiten umzugehen. Ehrlichkeit könnte ein Weg nach vorn sein.
CB Wenn wir uns in zehn Jahren wieder unterhalten, was wird Ihrer Meinung nach die größte Veränderung sein, die uns als Gesellschaft beschäftigen wird?
JM Das lässt sich schwer vorhersagen, aber ich denke, irgendwann werden wir uns mit der Frage auseinandersetzen müssen, welche Bedeutung menschliche Arbeit noch hat. Künstliche Intelligenz wird viele Arbeitsplätze ersetzen, darunter auch hochqualifizierte Berufe. Die Herausforderung für die Gesellschaft wird darin bestehen, wie wir diesen Wandel gesellschaftlich akzeptabel gestalten können. Gleichzeitig wird sich die geopolitische Ordnung weiter verändern. Die Stabilität, an die wir uns seit langem gewöhnt haben, könnte sich in den kommenden Jahrzehnten durchaus ändern.