Das Verschwinden des Josef Mengele ist ein komplexer Film. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez zeigt der Film – zwischen historischen Fakten und fiktionalen Erzählungen – den allmählichen Zerfall Josef Mengeles in der Zeit nach dem NS-Regime und stellt dabei eindrücklich die Frage nach Identität, Schuld und moralischem Abgrund. August Diehl verkörpert diese innere Zersetzung mit großer Intensität, während Kirill Serebrennikow das Geschehen mit einer kraftvollen, theatralischen Bildsprache in Szene setzt. Hier geht es um Erzählungen einer grausamen Epoche, ebenso um die universellen und zutiefst menschlichen Fragen nach Gut und Böse.
Der überwiegend monochrome Film wechselt nur selten in farbige Erinnerungssequenzen – etwa zu erschütternden Szenen im KZ Dachau und zu Mengeles erster Frau Irene, gespielt von Dana Herfurth. Diese Momente öffnen ein emotionales Fenster in eine Zeit davor und berühren durch ihre Unmittelbarkeit.
Im Interview erzählt uns Dana Herfurth von der Herausforderung und Verantwortung, historische Figuren authentisch darzustellen, von der Arbeit am Set und von der besonderen Bedeutung, die solche Rollen für das filmische Erinnern tragen.
© CG Cinéma / Hype Studios / Lupa Film GmbH – „Das Verschwinden des Josef Mengele“ (2025)
SLEEK Ihre Figur heißt Irene Mengele – wie haben Sie sich dieser Nebenrolle genähert und was war für Sie persönlich der spannendste Aspekt, diese Frau im Umfeld einer so schwierigen Geschichte darzustellen?
Dana Herfurth Es war das erste Mal, dass ich eine Figur gespielt habe, die es wirklich gab. Wobei man bei dieser Aussage schon vorsichtig sein muss. Denn, zwar hat es Irene Mengele wirklich gegeben, allerdings ist die Irene Mengele im Film in mehrerlei Hinsicht ausgedacht. Zum Einen wird sie erzählt und gezeigt durch Josef Mengele, der sich erinnert – also, ist es mit großer Wahrscheinlichkeit so, dass seine Wahrnehmung von ihr, ihre tatsächliche Wahrhaftigkeit verzehrt. Die Irene, die wir sehen ist eine Fantasie von Mengele, wie viel wir vom Gezeigten über sie glauben wollen, liegt bei uns. Zum Anderen hat sie nicht sehr viel hinterlassen. Sie stand nie groß in der Öffentlichkeit und nach der Trennung von Mengele hat sie sich sehr zurückgezogen. Runter gebrochen bleiben also nur diese drei Fakten: Sie war Mengeles erste Frau, sie ist die Mutter seines Kindes, sie hat sich von ihm scheiden lassen. Das macht natürlich einen großen Spekulationsraum zu ihrer Person auf, der mir als Schauspielerin sehr viele Freiheiten lässt. Alles was, von verschiedenen Figuren im Film, über sie gesagt wird, sagt im Endeffekt mehr über diese Figuren und die Zeit aus, als über sie selber. Alles was wir von ihr sehen, erzählt uns mehr über Mengele als das wir tatsächlich etwas über sie herausfinden. Diese werkzeugartige Funktion, die sie einnimmt, fand ich super spannend, denn dadurch konnte ich mich auf einen Balanceakt einlassen, der, zwischen Figurensuche und Erzählmittel sein, stattfand, während ich ganz frei in meinem Spiel war.
SLEEK Welche Herausforderungen haben Sie beim Arbeiten mit Regisseur Kirill Serebrennikov und den Produzenten hinsichtlich der historischen Brisanz und der Sensibilität des Themas erlebt?
DH Die Zusammenarbeit mit Kirill war großartig. Er ist ein Perfektionist, aber im besten Sinne. Mit Felix von Boehm hat man einen sensiblen und schlauen Produzenten, was bei diesem Projekt notwendig ist. Herausforderungen taten sich für mich persönlich nicht am Set auf. Wenn dann eher in der Vor- oder Nachbereitung. Sich, vorbereitend auf das Projekt, aber auch ganz generell, mit den Verbrechen von Nazi- und Nachkriegsdeutschland – mit der eigenen Geschichte – zu befassen, ist belastend und ich werde dabei sehr emotional. Es macht mir Angst, es macht mich wütend, es hat mir gezeigt, dass unsere Vergangenheit in unserer Gegenwart so präsent ist, dass wir unbedingt weiterhin darüber reden müssen, dazu forschen müssen, darüber Kunst machen müssen. Das ist meine persönliche Haltung und mit ihr kann ich eine klare Diskrepanz zwischen mir und den Figuren schaffen, die ich so spiele. Eben auch von Irene Mengele.
© CG Cinéma / Hype Studios / Lupa Film GmbH – „Das Verschwinden des Josef Mengele“ (2025)
SLEEK Wie haben Sie sich auf die Dreharbeiten vorbereitet — gab es historische Recherchen zu Ihrer Rolle, Gespräche im Ensemble oder spezielle Inszenierungsvorgaben, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
DH Dadurch dass es so gut wie keine Quellen zu Irene Mengele gibt und diese Figur mehr über Josef Mengele, die Zeit und den Ort als über sich selbst erzählt, habe ich mich eben auch eher mit diesen Themen befasst. Während ich mich damit auseinandergesetzt habe, ploppte bei mir immer wieder ein und dieselbe Frage auf; auf die ich immer noch keine Antwort habe: Wie viel hat sie gewusst? Kirill hat sie immer als die eine große Liebe des Josef Mengeles gesehen, die ihn wirklich verletzt hat und die ihn nicht losließ. Sie muss sehr eindrucksvoll gewesen sein, wenn sie so tiefe Spuren an einem Mann wie Mengele hinterlassen hat. Es war damals sehr ungewöhnlich sich scheiden zu lassen, dementsprechend muss sie auch sehr selbstbestimmt gewesen sein. Und so ist am Set dann aus dem ganzen Informationsgemisch, den Fantasien und auch den Fragen, die wir zu ihr hatten, gepaart mit August Diehls´ Mengele, die Irene entstanden, die wir im Film sehen.
SLEEK Rückblickend: Was nehmen Sie persönlich aus dieser Produktion mit — in Bezug auf Ihre Schauspielarbeit, Ihre Sicht auf Geschichte oder Ihr Verhältnis zu Nebenrollen im Film im Allgemeinen?
DH Ich konnte und durfte August Diehl bei der Arbeit zusehen. Das war für mich ein richtiger Gamechanger in Sachen Rollenverständnis, Verteidigung der Figur und die Einsicht, dass man mit der Figurenentwicklung nie fertig ist. Der Film ist zwar ein finales Produkt, aber die Suche nach dem Menschen, den man verkörpert kann gar keinen Endpunkt erreichen. August dabei zu erleben, wie er immer weiter gesucht hat, nie aufgehört hat zu hinterfragen und dann seine Spielwut am eigenen Leib zu erleben war sehr inspirierend für mich und ich hab daraus unendlich viel mitnehmen können. Ich versuche ihm seitdem nachzueifern.
© CG Cinéma / Hype Studios / Lupa Film GmbH – „Das Verschwinden des Josef Mengele“ (2025)
SLEEK Gab es während der Dreharbeiten einen Moment, der Sie emotional besonders berührt oder irritiert hat – sei es im Spiel oder in der Auseinandersetzung mit der historischen Figur im Hintergrund?
DH Ich muss als Schauspielerin, die Wahrheiten meiner Figuren verkörpern. Diese Wahrheiten stimmen teilweise nicht mit meinem privaten Moralkodex überein, aber es ist für das Geschichten erzählen, für das Aufzeigen von Missetaten wichtig, dass diese Menschen gezeigt werden. Also, muss jemand sie auch spielen. Deshalb muss man sich während des Spielens kurz frei machen von sich selbst, von allem was man denkt und für richtig hält. Man muss versuchen seine Figur zu verstehen, man muss in nichts mit ihr mitgehen, aber man darf sie für den Moment des Spielens nicht verurteilen. Nach den Dreharbeiten habe ich mich natürlich gefragt wie der Film bei den Zuschauenden ankommen wird, wie er aufgefasst wird, wie die Reaktionen ausfallen werden und ich hatte auch Angst, dass er auf Grund seines Themas verurteilt oder abgelehnt werden könnte.
SLEEK Wie hat diese Rolle – so klein sie im Gesamtgefüge auch erscheinen mag – Ihren Blick auf Schauspiel als Beruf oder auf Ihre zukünftige Rollenwahl beeinflusst?
DH Ich möchte in Zukunft wieder historische Figuren spielen. Mich an einem Thema oder Ereignis, das wirklich stattgefunden hat, einer Person abzuarbeiten, die es wirklich gegeben hat, mich dazu in Verhältnis zu setzten, die Zeit verstehen, den Menschen aus den historischen Quellen herauszuschälen und zu verkörpern, hat mir großen Spaß gemacht. Auch wenn es bei Irene Mengele kaum Quellen gab. Auch, die Erfahrung, dass ich als Darstellerin eine Verantwortung für meine Rollen und die Filme habe, die ich verkörpere, die ich hier noch mal sehr explizit gemacht habe, hat meine Lust auf kontroverse Themen vergrößert.