Wie ein Zeichner aus einem historischen Attentäter eine Weltikone machte
Ein schmales Lächeln. Hochgezogene Augenbrauen. Ein spitzer Bart. Kaum ein Gesicht ist weltweit so bekannt wie dieses. Es gehört keinem lebenden Menschen, sondern einer Zeichnung. Und es steht für etwas, das sein historisches Vorbild vermutlich kaum verstanden hätte: den Widerstand gegen Macht und Autorität.
Am 5. November 1605 wurde in London ein Anschlag auf das englische Parlament verübt. Guy Fawkes, ein katholischer Verschwörer, hatte mit seinen Mitstreitern geplant, König Jakob I. und die politische Elite in die Luft zu sprengen. Sein Ziel war nicht Demokratie oder Freiheit im heutigen Sinne, sondern ein gewaltsamer Umsturz aus religiösen Motiven. Vier Jahrhunderte später trägt sein Gesicht eine globale Protestbewegung.
Der Zeichner, der Geschichte neu erfand
Der entscheidende Mann hinter dieser Verwandlung heißt David Lloyd. Anfang der 1980er-Jahre entwickelte der britische Comiczeichner gemeinsam mit dem Autor Alan Moore die Graphic Novel V for Vendetta. Ihre Hauptfigur, ein geheimnisvoller Anarchist, kämpft in einem dystopischen Großbritannien gegen einen faschistischen Überwachungsstaat. Lloyd gab diesem Widerstandskämpfer eine Guy-Fawkes-Maske. Nicht als historisch getreues Porträt, sondern als grafische Interpretation: weiße Fläche, schwarze Konturen, ein beinahe spöttisches Lächeln.
Die Figur wurde zur Ikone, die Maske zum Symbol. Spätestens mit der Verfilmung von 2005 begann ihr zweites Leben. Die Hackerbewegung Anonymous übernahm sie; später tauchte sie bei Occupy Wall Street, bei Protesten gegen Überwachung und bei Demonstrationen auf verschiedenen Kontinenten auf. Aus einem Comic wurde ein politisches Zeichen. Aus einem Gesicht eine visuelle Sprache.
Wenn Design mächtiger wird als Geschichte
Das Erstaunliche daran ist nicht nur die Verbreitung. Es ist die vollständige Umdeutung. Der historische Guy Fawkes wollte eine politische und religiöse Ordnung durch eine andere ersetzen. Seine moderne Maske steht dagegen für ganz unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit, Widerstand und Selbstbestimmung.
Diese Widersprüche verschwinden hinter einem außergewöhnlich einfachen Design. Eine Maske braucht keine Übersetzung. Sie funktioniert auf einem Plakat ebenso wie auf einem Profilbild oder in einer Menschenmenge. Sie macht den Einzelnen anonym und zugleich Teil einer sichtbaren Gemeinschaft. Darin liegt ihre eigentliche gestalterische Leistung: Sie verwandelt ein individuelles Gesicht in eine kollektive Identität.
Allerdings ist diese Offenheit auch ihre Schwäche. Wer die Maske trägt, muss sich nicht auf ein gemeinsames politisches Ziel festlegen. Dasselbe Symbol kann für demokratischen Protest, radikale Systemkritik oder ganz andere Interessen stehen. Design schafft Wiedererkennbarkeit. Es garantiert keine gemeinsame Haltung.
Die Macht eines Bildes
Am 5. November erinnern sich die Briten traditionell an einen gescheiterten Anschlag. Die Welt erinnert sich inzwischen auch an ein Bild, das aus diesem Ereignis entstanden ist. David Lloyd hat Guy Fawkes nicht rehabilitiert. Er hat ein Gesicht geschaffen, das sich von seiner historischen Bedeutung lösen konnte.
Vielleicht zeigt kaum ein anderes Beispiel so deutlich, was Design vermag. Es kann Geschichte nicht verändern. Aber es kann verändern, was Menschen in sich sehen. Und manchmal genügt dafür eine einzige Zeichnung.
Christian Bracht ist Herausgeber und CEO von SLEEK sowie Präsidiumsmitglied im German Design Council