Eine stille Revolution: Die Ordnung

In dieser Essayreihe geht Sidney Gersina der Frage nach, ob Feminismus heute noch gebraucht wird - denn Gleichberechtigung gilt heute oft als selbstverständlich, ist jedoch nicht gesichert.

Lange bevor sich Religion, Philosophie und Wissenschaft mit dem Leben auseinandersetzten und nach Erklärungen suchten, ehrten die Menschen es dort, wo es sichtbar entstand: im Schoß der Frau. Aus dieser Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens entstanden Vorstellungen weiblicher Ursprungskraft, wie zahlreiche archäologische Figuren nahelegen, die als Schöpfergottheiten gedeutet werden. Mit der Sesshaftigkeit veränderten sich die Verhältnisse. Besitz wurde weitergegeben und Herkunft musste eindeutig sein. Um Abstammung zu sichern, wurde weibliche Sexualität zunehmend reguliert und nicht länger nur als intime Begegnung, sondern auch als Risiko verstanden.

Auch das religiöse Weltbild veränderte sich. Viele der einst verehrten, erdverbundenen Göttinnen traten in den Hintergrund, während männliche Götter an Bedeutung gewannen, die vom Himmel herab über Recht und Ordnung wachten. Nicht mehr das Leben selbst wurde verehrt, sondern die Regeln, die über das Leben bestimmten. Das Göttliche wurde zu etwas Abstrakterem und Autoritärem, das Anbetung, Gehorsam und Opfer verlangte. Mit dieser Verschiebung wich die unmittelbare Erfahrung einer göttlich legitimierten Ordnung, die fortan bestimmte, was als richtig und wahr galt.

Dieser kulturelle Bruch hatte weitreichende Folgen. Der Mann stand nun im Zentrum, nicht mehr nur als Gegenpart zur Frau, sondern als eigentlicher Schöpfer. Bis heute beanspruchen Männer, im Namen Gottes zu sprechen. Sie deuten, lehren und entscheiden, während Frauen zuhören, unterstützen und dienen sollen. Weiblichkeit wurde auf zwei Rollen reduziert: die reine, gehorsame, sich aufopfernde Frau und ihr Gegenbild, die verführerische Sündenquelle. Im Christentum erscheinen diese beiden Frauentypen als Maria und Eva. Ähnliche weibliche Archetypen finden sich jedoch in nahezu allen großen Religionen und zahlreichen Mythen. Besonders der negativ besetzte Frauentyp, dessen Körper als Ursprung der Sünde gilt, wird zur Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung. Fortan haftet dem weiblichen Körper das Bild von Schuld und Scham an.

Aus dieser Herrschaftsordnung folgen neue Vorstellungen und Wertungen: Vielerorts gilt Menstruation als unrein, Jungfräulichkeit wird moralisch überhöht und weibliche Lust problematisiert. Kleidungs- und Verhüllungsvorschriften regulieren den Körper, Verbote von Verhütung und Abtreibung entziehen Frauen die Entscheidung über eine Schwangerschaft. In manchen Regionen reicht diese Kontrolle bis zur Verstümmelung weiblicher Genitalien. Unterwerfung wird legitimiert oder relativiert, von den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit bis hin zu sogenannten Ehrenmorden der Gegenwart.

Glaube kann Halt geben, Trost spenden, Gemeinschaft stiften und Orientierung bieten. Religiöse Traditionen sind vielfältig und nicht jede Form von Glauben bedeutet Unterdrückung. Doch viele große religiöse Traditionen entstanden in patriarchalen Gesellschaften und tragen bis heute Bilder, Regeln und Strukturen in sich, die weibliche Körper, Stimmen und Lebensentwürfe begrenzen.
Religion hat Unterordnung dabei oft zur Pflicht, zur Moral und zum göttlichen Willen erklärt. Daraus entsteht eine Struktur, in der religiöse Ordnungen dazu neigen, Wahrheit für sich zu beanspruchen und andere Lebensweisen als falsch oder geringwertig einzustufen.

Diese Bilder verschwinden nicht, sie setzen sich in neuen Ausdrucksformen fort. Neben religiösen Vorstellungen prägen heute auch ästhetische und kulturelle Leitbilder die Weiblichkeit.
Der Fall Epstein erschüttert viele, weil er mehr sichtbar macht als das Verbrechen einzelner Männer. Er legt ein Umfeld aus ökonomischer Macht, Einfluss und gesellschaftlicher Akzeptanz offen, in dem sich einige der einflussreichsten Männer aus Medien, Wirtschaft und Politik bewegen und deren Strukturen nicht mit Epsteins Tod verschwinden. Und plötzlich stellt sich die beunruhigende Frage, ob aus genau solchen Machtmilieus und ihren pädophilen Netzwerken jene Schönheitsbilder entstehen, die heute extreme Jugendlichkeit zur Norm machen.

Schönheitsideale spiegeln, welche Form von Weiblichkeit gesellschaftlich erwünscht ist. Auffällig ist, dass sich das Ideal moderner Weiblichkeit immer weiter vom erwachsenen Frauenkörper entfernt und sich dem Körper eines sehr jungen Mädchens annähert: schmal, mit selektiv betonten Kurven, aber ohne die natürlichen Rundungen eines reifen Körpers. Große Augen, volle Lippen, Züge des sogenannten Kindchenschemas. Haarlos, faltenlos, makellos, vor allem alterslos. Fruchtbarkeit wird beschworen, doch Zeichen von Alter und Erfahrung sollen verschwinden. Mutterschaft wird gefeiert, aber Spuren von Schwangerschaft sollen sofort gelöscht werden. Sexualität wird erwartet, jedoch häufig ohne Selbstbestimmung, weibliche Lust oder eigenes Begehren.

Ein kindlich kodierter Körper wirkt weniger autonom und weniger bedrohlich. Er signalisiert Anpassung statt Eigenständigkeit, Unschuld statt Autonomie. Je stärker die Weiblichkeit verjüngt wird, desto leichter lässt sie sich bewerten und kontrollieren.
Begehren verschiebt sich kulturell, nicht weil Männer grundsätzlich Jugend begehren, sondern weil Kultur mitprägt, welche Form von Weiblichkeit als legitim und erstrebenswert gilt. Diese Bilder fördern eine gesellschaftliche Erwartung an Frauen, den Fokus stärker auf ihre Erscheinung als auf ihre eigene Lebensgestaltung zu richten.

Hier zeigt sich nicht nur individuelles Begehren, sondern eine gesellschaftliche Struktur: eine Ordnung, die erwachsene Weiblichkeit unsichtbar macht und Mädchenhaftigkeit idealisiert. Nicht Jugend ist das Problem, sondern dass sie zum Maßstab weiblicher Attraktivität und zur Norm für jede Frau erhoben wird. Dieses Phänomen prägt seit Jahrhunderten den Umgang mit dem weiblichen Körper, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten medial zugespitzt und wirkt sich auf alle Aspekte des weiblichen Daseins und Alltags aus.

Was hier als Schönheitsideal erscheint, ist keine oberflächliche Mode, sondern Ausdruck einer tiefer liegenden Ordnung, die weibliche Körper nicht als selbstbestimmt, sondern als fremdbestimmt begreift. Vergewaltigung wurde in vielen Rechtssystemen nicht als Gewalt gegen die Frau verstanden, sondern als Kränkung des männlichen Ansehens oder als Schaden an seinem Eigentum - auch an der Frau, die ihm zugerechnet wurde, etwa als Tochter oder Ehefrau. Die Wiedergutmachung galt paradoxerweise dem Mann und nicht der Betroffenen. In manchen Gesellschaften wiegt dieser Besitzanspruch bis heute schwerer als der verletzte Körper.

Was einst juristisch verankert war, ist kulturell nicht verschwunden. Es zeigt sich bis heute in der erschreckenden Verbreitung sexualisierter Gewalt. Laut aktuellen Statistiken erlebt etwa jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexualisierte Gewalt. Kein Land, keine Kultur und kein sozialer Status schützt davor. Die Dunkelziffer ist deutlich höher. Zum einen suchen viele keine Hilfe, weil sie berechtigterweise nicht damit rechnen, geschützt zu werden. Zum anderen wird das Erlebte oft erst im Austausch mit anderen als Grenzverletzung erkannt. Zu tief sitzt die verinnerlichte Gewohnheit, die Verantwortung bei sich selbst zu suchen. Scham wirkt als eines der wirksamsten Werkzeuge sozialer Ordnung, besonders dort, wo Normen durch gesellschaftlichen Druck oder religiöse Gebote legitimiert werden. Wo diese Struktur verinnerlicht ist, braucht es keinen offenen Zwang.

All dies gipfelt weltweit in rund 90.000 Femiziden pro Jahr. Frauen und Mädchen werden dabei meist von Partnern oder Familienangehörigen getötet. Hinter diesen Taten stehen keine Einzelfälle, sondern die beschriebenen Muster von Besitzdenken, Kontrolle und Vorstellungen von Ehre und Reinheit. Kulturell oder religiös aufgeladen legitimieren sie Gewalt oder machen sie unsichtbar.

Wie grundlegend Ordnungen geschaffen und durchgesetzt werden, zeigt sich unter anderem im Iran. In den 1970er Jahren konnten Frauen dort frei studieren, arbeiten, reisen und über ihren Körper und ihr äußeres Erscheinungsbild bestimmen. Nach der Revolution verschwanden fast alle dieser Rechte innerhalb weniger Jahre. Kleidung, Auftreten und Verhalten wurden staatlich reguliert und polizeilich kontrolliert.
Jahrzehntelang galt diese Unterdrückung als religiöse Selbstverständlichkeit, gestützt durch allgegenwärtige Überwachung und die daraus resultierende Angst. Erst als sie infrage gestellt und schließlich offen gebrochen wurde, verlor sie ihre Autorität. Der Tod der jungen Mahsa Amini im Jahr 2022 löste landesweite Proteste aus. Frauen verbrannten öffentlich ihre Kopftücher und forderten die Selbstbestimmung über ihren Körper und ihr Leben zurück. Die Proteste werden bis heute gewaltsam unterdrückt. Menschen verschwinden in Gefängnissen, werden misshandelt und kaltblütig getötet. Wie viele tatsächlich getötet werden, bleibt im Dunkeln.

Ordnung ist das stabilste Element von Macht. Sie braucht nicht immer offene Durchsetzung. Sie wirkt, weil sie als naturgegeben oder göttlich gesetzt erscheint. Doch sie ist kein Naturgesetz. Die großen Ordnungen unserer Welt sind von Menschen gemacht und können deshalb auch von Menschen verändert werden. Es liegt in unserer Hand, ob wir sie fortschreiben oder den Mut finden, sie neu zu gestalten.