Frau Gretel: Eine Stimme der kompromisslosen Ehrlichkeit

Fotos: THERESA LOU.

Die Moderatorin und Creatorin FRAU GRETEL hat sich eine bemerkenswerte Präsenz aufgebaut. Durch ihre Ehrlichkeit und die konsequente Weigerung, ihre Ecken und Kanten zu glätten, zieht sie eine rasant wachsende Community an. Von ungefilterten Meinungen bis hin zu authentischen Ausbrüchen – eines ist klar: Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Mit Projekten wie ihrem Podcast „Anti Alles“, den sie gemeinsam mit der Comedienne Rebecca Pap und Studio Bummens entwickelt hat, setzt sie bewusst auf spielerische Absurditäten, die die Schwere des digitalen Lebens aufbrechen. Ihre Inhalte sorgen für Spaß im Alltag und erinnern daran, dass Leichtigkeit genauso wichtig sein kann. Hinter dem Humor verbirgt sich jedoch eine Person, die sich kritisch mit den Standards der Branche auseinandersetzt. In unserem Gespräch erläutert sie ihre Einstellung zum seit langem bestehenden Streben nach Perfektion und stellt das Klischee der „weiblichen Schwächen“ infrage.

Fotos: THERESA LOU.

Elsa Rettig Wenn du laut bist, bist du hysterisch. Wenn du zweifelst, bist du labil. Wenn du alles im Griff hast, bist du gelassen. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit solchen Zuschreibungen gemacht? 

Frau GretelIch meine, da geht es gar nicht um vereinzelte Erfahrungen, sondern vielmehr um das Vorurteil an sich. Das ist es, womit man als Frau ständig konfrontiert wird. Ich habe den Eindruck, dass viele anfangs überrascht waren, weil ich einen anderen Ansatz gewählt habe als andere. Und dass ich mich direkt dafür entschieden habe, eben nicht diese typische Rolle einzunehmen, die dieses Vorurteil schürt, sondern viel mehr in eine gegenteilige Übertreibung zu gehen. Wenn ich zum Beispiel Videos mache, dann filme ich mich eher absichtlich von unten oder filme mich eben auch mit fettigen Haaren vor dem Duschen.

ER Wie erleben Sie den Umgang mit weiblicher Emotionalität im öffentlichen Raum, sowohl online als auch offline? 

Frau GretelDazu muss ich zunächst einmal sagen: Bei all der Emotionalität, die uns Frauen zugeschrieben wird, denke ich mir, dass es Männern vielleicht ganz gut tun würde, sich ein kleines Stück davon abzuschneiden. Ich bin so aufgewachsen, dass das Zeigen von Emotionen etwas Schönes ist und keine Schwäche, sondern eine Stärke. Bei mir zu Hause wurden und werden viele Gefühle gezeigt, sowohl positive als auch negative. Deshalb bin ich auch sehr froh, dass ich diese Eigenschaft habe. Um ehrlich zu sein, nehme ich Menschen, die Emotionalität herunterspielen oder belächeln, überhaupt nicht ernst. Diese klassischen Aussagen wie: “Jetzt ist sie zu emotional, sie hat bestimmt ihre Tage” wirken auf mich einfach völlig altmodisch, vorhersehbar und ehrlich gesagt ziemlich peinlich.

Fotos: THERESA LOU.

ER Was müsste sich Ihrer Meinung nach im öffentlichen Diskurs über psychische Gesundheit ändern?

Frau GretelOft frage ich mich, warum es völlig normal ist, dass man Medikamente nimmt, wenn man an Epilepsie leidet, aber sobald man depressiv ist oder Zwänge hat, hört man als Erstes: “Vielleicht braucht sie auch einfach mal frische Luft.” Wann wird das endlich in den Köpfen ankommen? Aber um ehrlich zu sein, glaube ich, dass unsere Generation auf einem sehr guten Weg ist, diesen Themen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

ER Beobachten Sie einen Wandel in der Medienbranche im Umgang mit Authentizität und Perfektion?

Frau GretelIch glaube, es kann sich immer noch mehr ändern. Keine Frage. Und wir sind noch lange nicht am Ziel. Aber trotzdem merke ich, dass sich in der Medienbranche ein Wandel vollzieht. Immer mehr Kunden wünschen sich, dass ich genauso bin, wie ich in meinen Videos rüberkomme, und ermutigen mich sogar, noch weniger ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sei verrückt, sei überschwänglich – das kommt gut an. 

ERHaben Sie manchmal Angst, mit Ihren Inhalten zu weit zu gehen oder falsch verstanden zu werden?

Frau GretelKlar. Man macht sich ja auch immer Gedanken: Was ist, wenn das doch zu viel ist? Aber mir ist klar, dass mein Publikum genau weiß, welche moralischen Werte ich vertrete, und auch meine politische Haltung kennt. Deshalb ist es mir wirklich egal, ob die Leute jetzt sehen, dass ich 14 Pickel auf der Stirn habe oder nicht, und dass dieser Inhalt für immer im Internet bleibt. Ich habe auf jeden Fall Respekt davor, aber es beeinträchtigt mich nicht bei meiner Arbeit.

ERGibt es Momente, in denen Sie bewusst noch stärker in diese übertriebene Darstellung schlüpfen?

Frau GretelMan muss zwischen Frau Gretel und Emily unterscheiden. Frau Gretel ist eine übertriebene Personifizierung meiner selbst, 100%. Emily würde vielleicht auf 60% setzen und Frau Gretel vielleicht auf 110%. Selbst wenn es für manche zu extrem ist, selbst wenn ich zu laut bin, selbst wenn ich zu viel bin, selbst wenn ich zu emotional oder zu schrill bin. Das Schöne daran ist ja, dass ich mir das selbst aussuchen kann. Und weil ich eben merke, dass ich mit meiner Art etwas bewegen kann, ändere ich in diesem Bereich auch nichts.

CREDITS

Fotografie: THERESA LOU

Styling: SOPHIA BOGNER

Haare & Make-up: RANYA ABDURAHMAN