Immer mehr Angehörige der Generation Z verbringen ihre Wochenenden nicht in Clubs oder Bars, sondern zu Hause. Sie stricken, trinken Tee und gehen früh ins Bett. Was wie eine bewusste Entscheidung für einen langsameren, entspannteren Lebensstil erscheint, wird oft als Gegenbewegung zur ständigen Reizüberflutung in den sozialen Medien gesehen – als Rückzug aus einer Welt, die ständig Aufmerksamkeit verlangt.
Zurück zu den Wurzeln – eine Rückkehr zu den Freizeitbeschäftigungen unserer Großeltern? Ist die Strickbewegung Ausdruck eines wachsenden Wunsches, mehr Zeit zu Hause zu verbringen, sich einfachen, analogen Tätigkeiten zu widmen und sich überschaubaren Routinen hinzugeben?
Die Hinwendung zum Analogen könnte ein Akt der Befreiung sein. Ein Loslassen von dem ständigen Druck, den soziale Medien erzeugen: sichtbar zu sein, zu reagieren, Schritt zu halten. Sich davon abzuwenden, wirkt wie ein Ausstieg aus diesem System – wie eine Rückeroberung von Zeit und Aufmerksamkeit. Stricken, Backen und Basteln erscheinen in diesem Zusammenhang als Räume, in denen nichts bewertet oder optimiert werden muss.
Aber vielleicht ist diese Bewegung weniger ein Ausdruck von Freiheit als vielmehr ein Symptom der Erschöpfung.
Vielleicht greifen wir nicht zu Wolle und Stricknadeln, weil wir uns bewusst gegen etwas entscheiden, sondern einfach, weil uns die Energie fehlt, weiterhin an allem teilzunehmen. Der Rückzug wird dann nicht zu einer aktiven Entscheidung, sondern zum einzigen verbleibenden Weg, mit der Überforderung fertig zu werden. In diesem Sinne wäre Stricken keine Alternative zum System, sondern eine Reaktion darauf, von ihm überfordert zu sein.
Und genau hier beginnt die Ambivalenz: Denn je mehr diese analogen Praktiken als Lösung inszeniert werden, desto mehr verlieren sie ihren ursprünglichen Charakter. Sobald der Rückzug zum Trend und die Aktivität zur Ästhetik wird, verändert sich auch ihre Funktion. Was einst privat, zweckfrei und beiläufig war, wird dann in den sozialen Medien sichtbar, teilbar und – wieder einmal – der Bewertung unterworfen. Langsamkeit wird zu einer Haltung, die nur durch ihre eigene Inszenierung aufrechterhalten werden kann.
Stricken ist dann nicht mehr nur eine Tätigkeit, sondern Teil einer Erzählung über sich selbst – einer Erzählung, die zeigt, dass man sich zurückzieht und gleichzeitig sichtbar bleibt. In dem Moment, in dem diese Form der Verlangsamung Teil eines kulturellen Codes wird, steht sie nicht mehr außerhalb des Systems, sondern ist bereits in dieses integriert.
Selbst für unsere Großeltern war Heimwerken weniger eine Frage der Überlegung als vielmehr der Notwendigkeit. Und die jüngere Generation scheint diese Notwendigkeit in einer verstärkten Form des Zwangs auszuleben, angetrieben von dem Bedürfnis, ihren ästhetischen und scheinbar selbstbestimmten Lebensstil zur Schau zu stellen.
Ein Beispiel dafür ist die Geschichte des “Sophie-Schals”, der von der dänischen Designerin Mette Wendelboe Okkels entworfen wurde. Dank sozialer Medien und zahlreicher trendiger Influencer wurde ein kleiner dreieckiger Wollschal schnell zum meistkopierten Strickmuster in Nordeuropa. Einfach und kurz genug, damit das Garn schnell durch alle möglichen ungeduldigen Hände der Generation Z gleiten kann, ohne dabei das Bedürfnis zu vernachlässigen, der Außenwelt im dänischen “Hygge”-Kontext das Gefühl zu vermitteln, dass es sich um ein selbstgemachtes Stück handelt – ein Kontext, der nur scheinbar ein Rückzug in die gemütliche Welt des Zuhauses ist.
Letztendlich erweist sich die Hinwendung zum Analogen als nur ein weiterer Schritt in der verzweifelten Pionierarbeit auf der ewigen Suche nach neuen Wegen, Inhalte für den stets hungrigen, niemals gesättigten Schlund der sozialen Medien zu inszenieren.