IMPROVISATION ALS LEBENSPHILOSOPHIE

Photography by MARKUS WACHTER.

Unser Telefongespräch beginnt im Auto, irgendwo in den Bergen. Ein sonniger Tag am Chiemsee, er ist gerade von einer Tournee in Kanada zurückgekehrt - schon sind wir mitten drin in einem Leben zwischen den Alpen und den Clubs dieser Welt. Von Brooklyn bis Montreal, von Festivals in England bis zu Clubs in Brasilien, Japan und Australien. Was all diese Orte miteinander verbindet, ist DJ Hells besondere Beziehung zu seinem Publikum, wie sehr er sich auf die Energie eines Raumes einlässt: “Wenn es mich bewegt, bewegt es auch die Leute”, sagt er. Und selbst nach jahrzehntelanger Konzerttätigkeit kann ihn ein Abend immer noch überraschen. Jedes Programm entsteht in dem Moment, in dem es gespielt wird: “Ich kenne die Auswahl und Zusammenstellung der Lieder vorher nicht.” Timing, Intuition und die richtigen Pausen sind besonders wichtig: “Wenn ich im Flow bin, mache ich perfekte Pausen. Aber zum falschen Zeitpunkt kann das alles zerstören.” So kann ein Sonntag in einem kleinen Club zur besten Nacht des Monats werden, oder ein perfekt vorbereitetes Festival-Set in letzter Minute komplett umgeworfen werden. Seine Einstellung zur Improvisation ist auch die treibende Kraft hinter NEOCLASH, einer zeitgemäßen Neuinterpretation des Electroclash, 25 Jahre nach den ersten Impulsen des Genres, die er als kulturelles Experiment versteht. Sein persönlicher Zugang zur Musik bleibt indes existenziell: “Musik ist eine Form der Philosophie, sie denkt und handelt und inspiriert und hat eine heilende Wirkung.”

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NISHA MERIT Du bist seit Ende der 70er Jahre als DJ aktiv und hast die Entwicklung der Szene und der Gesellschaft miterlebt. Welche Momente haben dich besonders geprägt?

DJ Hell Für mich ist Musik wie ein soziales Archiv, ein Speicher für Daten, Informationen, Erfahrungen und Gefühle. Wenn ich auftrete, zapfe ich ein kollektives Körpergedächtnis an. Was sich auf der Tanzfläche abspielt, nimmt oft gesellschaftliche und globale Verschiebungen vorweg. Neue Richtungen und neue Ideen entstehen dort, tektonische Bewegungen werden sozusagen sichtbar. Als House und Techno in den späten 1980er Jahren nach Europa kamen, schufen sie ein völlig neues Gefühl für Raum, Körper und Klang. Diese Musik war eine Antwort auf eine Gesellschaft im Umbruch, weshalb sich die Musikgeschichte nicht von der Sozialgeschichte trennen lässt.

NM Sie haben 1992 mit My Definition of House Music zum ersten Mal eigene Musik veröffentlicht. Was hat Sie damals angetrieben, und gibt es ein Werk, das sich für Sie wie ein “Gesamtkunstwerk” anfühlt?

DH Die Platte kam bei R&S Records in Belgien heraus, dem damals wohl innovativsten Label in Europa. Ich wollte dem House einen neuen Sound geben und ihn neu überdenken. Für mich war House schon immer eine Philosophie der Freiheit, des Körpers und der Identität - fast religiös. Teufelswerk, 2009 auf International DeeJay Gigolo Records erschienen, kommt der Idee eines Gesamtkunstwerks“ wohl am nächsten. Aus meiner Sicht sind hier Musik, Mode und Kunst perfekt miteinander verschmolzen. Rückblickend war die Zusammenarbeit mit Bryan Ferry bei dem Stück U Can Dance eine meiner wertvollsten und schönsten Kollaborationen.

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NM In dieser Ausgabe geht es um Wahnsinn. Wie definieren Sie Wahnsinn in der Clubkultur, insbesondere aus Ihrer Perspektive als DJ?

DH Für mich ist der Wahnsinn ein wesentlicher Bestandteil der Clubkultur. Ohne Wahnsinn gibt es keine Eskalation, keinen Ausbruch aus der Routine, keine Grenzüberschreitung. Wahnsinn bedeutet auch Freiheit - ekstatische Momente, kollektives Ausbrechen, wo alles möglich scheint, bis hin zum Exzess. Meine Definition eines DJs beinhaltet immer auch, sich auf das Leben einzustimmen und neues, unentdecktes Terrain zu betreten.

NM Wie bringen Sie lange Clubnächte mit kreativer Studioarbeit unter einen Hut? Haben Sie persönliche Methoden, um sich zu verjüngen?

DH Absolute Stille und Abgeschiedenheit sind die besten Voraussetzungen für eine tiefe Erholung. Der effektivste Ansatz ist aber einfach kein Alkohol, kein Rauchen, keine Aufputschmittel - kein Doping - und viel Schlaf, zusammen mit einer ausgewogenen Ernährung und wenig chronischem Stress. Als DJ-Künstler würde ich außerdem sagen: Neben dem Auflegen sollten Sie sich intensiv auf das Musikmachen und -produzieren konzentrieren, Ihre Fähigkeiten ständig weiterentwickeln und Ihren eigenen unverwechselbaren Stil kultivieren. Musik ist eine Form der Philosophie, sie denkt und handelt und inspiriert und hat eine heilende Wirkung. Aber ich bevorzuge die absolute Stille, denn sie ist das seltenste Gut unserer Zeit geworden.

NM Wie kam es zu deiner Freundschaft und Zusammenarbeit mit Jeff Mills und welche Rolle spielte dabei dein Label International DeeJay Gigolo Records?

DH Ich kenne Jeff seit den frühen 90er Jahren. Wir haben weltweit zusammen gespielt, Bühnen geteilt, sind gereist und haben tiefen Respekt voreinander. Jeff ist einer der innovativsten Künstler und Denker; seine Veröffentlichung auf Gigolo Records schickte das Label 1997 in die Umlaufbahn. Es war eine Plattform für alle Facetten elektronischer Musik - Electro, Techno, Pop, Italo-House, New Wave, elektronische Avantgarde, Old-School-House, Indie-Dance, New Wave... Ich wollte ein Label, das eine bestimmte Haltung und Ästhetik verkörpert, nicht nur ein Label, das Musik verbreitet. Als “Pate” des Electroclash war die Aufmerksamkeit der Kunst-, Mode- und Musikwelt enorm, führte aber auch zum schnellen Niedergang des Genres.

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NM Sie arbeiten oft zwischen Musik, Mode und Kunst. Warum sind solche Kollaborationen wichtig für Sie und welche Projekte sind derzeit in Planung?

DH Zum Beispiel das Video zu I Want U und die Zusammenarbeit mit der Tom of Finland Foundation. Hier kamen Subkultur, Identität, die schwule Gemeinschaft und Körperlichkeit in einer sehr ausgeprägten Verschmelzung zusammen. Außerdem gab es eine limitierte Auflage von Unterwäsche mit Agent Provocateur und Gigolo Records. Es folgten Kooperationen mit Balenciaga, Chanel, Raf Simons und Drykorn - Partnerschaften, von denen beide Seiten profitierten. Derzeit arbeite ich an einem neuen Projekt mit Jonathan und Brigitte Meese in Berlin. Im Jahr 2026 feiere ich mein 50-jähriges DJ-Jubiläum, und zu diesem Anlass wird ein neues Album erscheinen: NEOCLASH.

NM Von der Dorfdiskothek bis zur Weltbühne haben Sie große internationale Erfolge errungen, wie bleiben Sie sich selbst treu?

DH Wenn man sich selbst treu bleibt, ist man auf lange Sicht glaubwürdig und authentisch. “Jeder Schlag zählt” ist mein neues Mantra. Integrität ist das, was zählt. Ich glaube, dass der einzige Weg, um als Produzent und Künstler voranzukommen, darin besteht, sich selbst ständig zu hinterfragen und neu zu erfinden. Das Mainstream-Denken ist mir immer unverständlich und absurd vorgekommen. Ich lebe jetzt seit zwei Jahren in Portugal und kann nicht genau sagen, wohin die Reise gehen wird. Das Landleben ist das, was ich am meisten schätze, und ohne Berge, Seen oder Flüsse kann ich nicht existieren. In dieser Ruhe entsteht die wahre Radikalität - die Konzentration. Irgendwann will man hören und verstehen, was man eigentlich denkt.